Besuch im Kunstladen „einzigART“ in Haar

Mit Kunst die Seele verwöhnen

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Matthias Riedel, Fachbereichsleiter Kultur des kbo-Sozialpsychiatrischen Zentrums in Haar und Kunsttherapeutin Ulrike Ostermayer stehen im Kunstladen „einzigART“.

Die Seele ist in der Kunst gut aufgehoben. An der Ladehofstraße 10 in Haar wird dies deutlich. Im Kulturladen „einzigART“ gibt es alle möglichen Kunstwerke zu kaufen: Ob das Handytaschen, Mützen, Taschen, großformatige Bilder oder Postkarten sind. Viele dieser Artikel sind gleich nebenan in der SeelenART-Tagesstätte des kbo-Sozialpsychiatrischen Zentrums entstanden. Menschen mit einer seelischen Erkrankung sind dort kreativ.

Farben, Pinsel, Staffeleien — sämtliche Materialien, um künstlerisch tätig zu werden, stehen verteilt in zwei hellen Räumen in der Tagesstäte des kbo-Sozialpsychiatrischen Zentrums bereit. Doch ganz gleich, ob sich ein Besucher an einem Porträt versucht oder mit dem Pinsel ein eher ab- straktes Motiv entwirft, in der SeelenART-Kunstwerkstatt geht es um die Freude am Gestalten. Täglich unter der Woche hat die Tagesstätte für ihre Kunstschaffenden geöffnet. „Ich kann einfach spontan entscheiden, ob ich heute vorbeikommen möchte. Das finde ich gut“, sagt eine Besucherin und taucht ihren Pinsel in die Farbe. Unter der Obhut von Kunsttherapeuten und Sozialpädagogen können sich Menschen mit einer psychischen Erkrankung in der Haarer kbo-Tagesstätte künstlerisch entfalten. „Eine ideale tagesstrukturierende Maßnahme soll der Besuch unserer Kunstwerkstatt sein“, sagt Matthias Riedel, Fachbereichsleiter Kultur des kbo-Sozialpsychiatrischen Zentrums. Und das Angebot wird gut angenommen. „Man darf hier sein, auch wenn man mal nur einen Kaffee trinkt und den ganzen Tag über nicht kreativ wird“, ergänzt Kunsttherapeutin Ulrike Ostermayer. Mittags wird zudem eine warme Mahlzeit in der Küche im Keller zubereitet.

Im Laden die Kunst selbst verkaufen 

Eine Tür weiter geht es in den dazugehörenden Laden „einzigART“. Täglich von 10 bis 16 Uhr werden dort die Kunstwerke zum Verkauf angeboten. „Teilweise verkaufen die Künstler ihre Werke auch selbst“, erklärt Ostermayer. Dem einen liegt das Verkaufen mehr, dem anderen weniger. Aber was ihnen allen gefällt: Dass ihre Kunst einem Käufer so zusagt, dass er Geld dafür ausgibt. „70 Prozent des Verkaufspreises gehen dann an den Künstler, 30 Prozent an uns, um die Materialkosten zu decken“, sagt Riedel. Den Preis für ihr Werk legen die Künstler selbst fest. Und an der Preisspanne lässt sich auch die Vielfalt der zum Verkauf stehenden Kunst erkennen. Es gibt günstige Postkarten, aber auch ein Gemälde für 500 Euro. „Es gelingt uns, mit diesem Kunst-Projekt Vielseitigkeit herzustellen“, freut sich Riedel. Im Sommer 2017 wurde der Laden „einzigART“ eröffnet. „Wir liegen ein wenig abseits“, gibt Ostermayer zu. „Hier an der Ladehofstraße haben wir nicht die klassische Laufkundschaft, aber das macht nichts.“ Die Räumlichkeiten seien dennoch ideal: Der Laden bietet genügend Platz, um im vorderen Bereich die Kunst zum Verkauf dekorativ zu präsentieren. Weiter hinten, versteckt durch Stellwände, ist das Büro. Und direkt nebenan eben die Kunstwerkstatt. Daher sei der Kunstladen auch nicht dauernd besetzt. Statt ständig geöffneter Türe gibt es eine Klingel. Wenn Kundschaft kommt, eilt schnell einer herbei – entweder aus der Werkstatt oder aus dem Büro. Und auch ohne Laufkundschaft, gäbe es Möglichkeiten, um „einzigART“ bekannt zu machen. „Da wären zum Beispiel die SeelenART-Abende im Kleinen Theater“, erklärt Ostermayer. „Wir nehmen unsere Produkte dorthin mit und bieten diese vor und während der Pause bei den Veranstaltungen an. Sechs Mal im Jahr treten Musiker oder Kabarettisten im Kleinen Theater Haar auf. Der Reinerlös dieser Reihe kommt den Seelen-ART-Projekten wie der Kunstwerkstatt und dem Kunstladen zugute. „Diese Abende sind die beste Werbung für uns. 350 Zuschauer pro Abend im Theater, das sind natürlich wesentlich mehr Leute als bei jeder Ausstellung in einer Galerie“, so Riedel, der als künstlerischer Leiter auch für das Kleine Theater Haar zuständig ist. Zudem tue es den Künstlern unheimlich gut, ihre Kunst herzuzeigen. „Da spürt man jede Menge Stolz. Und so erfahren unsere Künstler auch viel Selbstbestätigung.“ Natürlich kann man Kunst auch einfach nur für sich machen, aber ein Ziel zu haben, nämlich es in dem Laden anzubieten und zu verkaufen, das allein mag die Seele auch ein Stück weit streicheln. „Nicht ins Leere hinein zu produzieren, das tut gut“, so die Kunsttherapeutin. Die Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung, die die Tagesstätte besuchen, sind Teil des öffentlichen Lebens. „Sie sind wieder mehr im Leben drin“, betont Ostermayer. Und so fahren sie bei Veranstaltungen in der Gemeinde gerne auch mit ihrem Künstlerwagen vor, den sie zuvor mit möglichst vielen ihrer kreativen Schöpfungen beladen haben. „Wir bringen unsere Besucher in die Gesellschaft, darum geht es uns“, fasst Riedel zusammen. Und diese gesellschaftliche Teilhabe erklärt auch ganz klar, warum „einzigART“ nicht auf dem Klinikgelände, sondern mitten in Haar zu finden ist.
Verena Rudolf

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