„Wenn München nur hustet, haben wir hier in Haar schon Fieber“

Eine Spazierfahrt mit der Bürgermeisterin

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Bei der Spazierfahrt durch Haar mit Bürgermeisterin Gabriele Müller.

Halbzeit. Nicht nur im Sport ist das die Chance, erst zurück- und dann nach vorne zu schauen. Zu analysieren, was bislang gut lief und was verbessert werden muss. Die Haarer Bürgermeisterin Gabriele Müller steht in der Mitte ihrer ersten Amtszeit. Und sie hat noch viel vor.

Für zwei Dinge muss noch Platz sein im Auto von Gabriele Müller. Das erste ist ein großer Blumenstrauß zum Geburtstag eines älteren Einwohners der Gemeinde. 80, 85, 90 Jahre – das ist Chefsache in Haar. Das zweite ist kein Ding, sondern Familienhund Snoopy. Der Bearded-Collie ist selbst gerade 13 Jahre alt geworden und wäre eigentlich viel öfter an der Seite seines Frauchens im Haarer Rathaus. „Doch leider hat mein Geschäftsführer eine Tierhaarallergie. Snoopy kann also nur mit, wenn der Kollege von zu Hause aus arbeitet“, erzählt Müller. 

Die Fahrt im Auto bewältigt der Hund tiefenentspannt. Nur wenn ein anderer Hund in Sichtweite ist, ertönt von hinten ein leisen Knurren. Haar ist halt sein Revier. Und das von Gabriele Müller. Eine komplett entspannte Fahrt durch Haar gibt es für sie nicht, wenn sie durch die eigene Gemeinde fährt. „Das Gefühl von Verantwortung wird man nicht los. Ist alles sauber? Brennen alle Lichter? Da verhalte ich mich wie ein Hauseigentümer“, erzählt sie lachend. Nur selten verfliegt die gute Laune. Das ist bei Gabriele Müller wie bei ihrem Snoopy.

Beispiel Ampel 

Wenn sie zum Beispiel an der Kreuzung der B471 zur Andreas-Kasperbauer-Straße steht, atmet sie einmal tief durch. „Seit drei Jahren haben wir die Zusage, dass hier eine Ampel herkommt. Die brauchen wir auch, denn im Berufsverkehr kann man hier kaum abbiegen. Das Geld ist längst bereitgestellt“, erzählt sie. Woran die Umsetzung dann noch scheitert? „Im Straßenbauamt hatten sie erst kein Personal. Und jetzt haben sie jemanden eingestellt, doch der muss sich erst noch einarbeiten.“ Ihr ganz persönliches Fazit schiebt sie gleich hinterher: „Schnell ist echt nicht unserer Stärke.“ Aber Widerstände und Umwege gehören ohnehin zum Leben von Gabriele Müller.

„Das muss man abhaken“: Die Entscheidung von BMW, sein Forschungszentrum für autonomes Fahren in Unterschleißheim und nicht auf der Haarer Finckwiese zu erreichten, ist für Gabriele Müller längst Vergangenheit.

„Ich komme ja aus Baldham, weit hab ich‘s also nicht gebracht“, sagt sie. Das Koketieren mit der eigenen Herkunft, sie mag das. Noch so mancher erinnert sich an ihre Vorstellung, als sie die Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters bekannt gab. „Baldham war damals ein Villenviertel mit zwei Reihenhauszeilen. Ich komme aus einem der Reihenhäuser.“ Ein Teil der momentanen Krise der SPD liegt wohl auch darin, dass vielen Politikern die zur Schau getragene Erdung nicht mehr abgenommen wird. Bei Gabriele Müller ist das anders. Wer sein Leben einmal komplett umkrempeln musste, weil das zweite Kind mit einer schweren Behinderung zur Welt kam, hat eine gewisse Perspektive auf das jahrelange Warten auf Ampeln oder unvermeidliche Privatscharmützel im Gemeinderat. Rückschläge wegstecken und das Positive genießen können – solche Fähigkeiten sind ihr nicht fremd. Dass sich BMW letztlich in Bezug auf sein Forschungs- und Entwicklungszentrum für autonomes Fahren gegen die Finckwiese entschied und für Unterschleißheim, ist bitter, aber eben nicht mehr zu ändern. „Das muss man dann auch abhaken“, sagt Müller. Im Wissen, dass es Haar in unmittelbarer Nachbarschaft zur Landeshauptstadt München gut geht. „Es ist so: Wenn München hustet, haben wir in Haar Fieber“, weiß sie um die vielen Wechselwirkungen zwischen Metropole und Gemeinde.

In vielen Bereichen profitiert Haar davon, in Bezug auf die steigenden Mieten bilden sich aber Sorgenfalten auf ihrer Stirn. „Die Preise sind horrent! Auch viele Leute mit mittlerem Einkommen können das nicht mehr bezahlen“, sagt sie. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen auch in Haar alleine leben und irgendwann als Single in Rente gehen. So entsteht Altersarmut. Als Gegenmaßnahme baut Haar vermehrt Wohnungen, die der Gemeinde gehören und nicht vom Markt diktierte Mieten aufrufen.

Und auch auf der anderen Seite der Alterspyramide passiert etwas. Mit einer Jugendbefragung soll herausgefunden werden, was vor allem denen fehlt, die bislang noch nicht in die Angebote der drei Jugendzentren eingebunden sind. Und die vom Landkreis als Ziel ausgerufenen Klimaziele sind bereits übererfüllt. Das sagt Gabriele Müller mit Stolz. Ihrem Hund Snoopy ist es egal. So lange kein anderer Hund auf der Bildfläche erscheint. 

Marco Heinrich

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