„Regional und ökologisch – und wir haben keine Lobby“

Konflikt zwischen Quetschwerk und Gemeinde Haar

Geschäftsführer Markus Wahl am Ort des Geschehens im Quetschwerk Mühlhauser.
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Geschäftsführer Markus Wahl am Ort des Geschehens im Quetschwerk Mühlhauser.

Seit rund 70 Jahren produziert das Quetschwerk Mühlhauser in Haar Kies. Derzeit rund 350.000 Tonnen in Haar. Nebenbei produziert der Streit mit der Gemeinde auch seit Jahren Schlagzeilen. Es geht um Schmutz und Lärm. Geschäftsführer Markus Wahl tut sich oft schwer, die fundamentale Kritik zu verstehen. 

HALLO: Es gibt eine Bürgerinitiative gegen Ihre Lkws und der Gemeinderat hat das Ziel der „Endlichkeit“ Ihres Unternehmens formuliert. Fühlen Sie sich noch wohl in der Gemeinde, von der das Unternehmen seit so langer Zeit ein Teil ist?

Wahl: Ja, ich fühle mich wohl. Die Frage ist ja, wo die emotionalen Diskussionen geführt werden, die Sie ansprechen. Unsere Kunden sind hier in Haar und im nahen Umfeld. Wer etwas baut oder Bauschutt entsorgen will, schätzt uns sehr. Ich glaube auch, dass in Haar und Gronsdorf die Mehrheit der Bevölkerung hinter unserem Kieswerk steht.

Warum dann der große Ärger, der immer wieder aufflammt?

Für mich ist das auch ein Problem der heutigen Zeit. Wo soll die Rohstoffgewinnung denn stattfinden? Wir sind hier nunmal auf der Münchner Schotterebene, die ideale Voraussetzungen für die Sand- und Kiesgewinnung bietet. Und ist es nicht gut, dass wir die Rohstoffe dort abbauen, wo sie auch gebraucht und verwendet werden? Umgerechnet auf die Einwohner verbraucht dieser im Schnitt immerhin pro Tag rund 50 Kilogramm an mineralischen Rohstoffen. Wir sehen inzwischen in benachbarten Branchen, wo das hinführt. Beispiel Granitstein, wo jeder zweite verbaute Stein aus China und Indien kommt. Oft von Kinderhänden geschlagen und um die halbe Welt transportiert. Das interessiert dann niemanden.

Dann haben Sie kein Verständnis für die Klagen der Anwohner angesichts des starken Lkw-Verkehrs in der Umgebung?

Ich habe schon Verständnis. Wir verschließen uns keiner Diskussion, solange diese nicht polemisch ist. Aber schauen Sie, bis vor 28 Jahren gab es noch den Flughafen Riem – das war eine ganz andere Belastung hier in der Umgebung. Haben die Menschen, die sich jetzt beschweren, nicht auch mit Sand- und Kies gebaut? Auch dieser ist mit Lkw zur Baustelle gefahren worden. Manche Kritik kann ich tatsächlich nicht ernst nehmen. Ich habe gerade wieder eine E-Mail von einem Anwohner in Salmdorf bekommen, der sich über eine angeblich verdreckte Straße beschwert und die Bilder auf Facebook gepostet hat. Im Ernst: Wenn Sie in Haar eine Straße finden, die so sauber ist, dann ist das schon etwas Besonderes. [Anm. d. Red.: Tatsächlich ist die auf den Bildern gezeigte Straße kaum verschmutzt.]

Wie stehen Sie dann dazu, dass die Gemeinde die „Endlichkeit“ des Quetschwerks als Ziel ausgibt?

Selbstverständlich versuchen wir, Kontakte zum Gemeinderat und zum neuen Bürgermeister zu halten. Aber ich bin schon sehr enttäuscht, dass sich die Gemeinde nicht zu einer regionalen und ökologischen Rohstoffgewinnung bekennt. Das ist genau das, was wir hier machen.

Ist denn eine Diskussion über ein Ende des Quetschwerks überhaupt möglich?

Ich denke, da geht es doch um den Zeitrahmen und wie bis dahin die Rohstoffgewinnung aussehen soll. Wir haben hier auch eine Verantwortung für die 40 Beschäftigten. Und wir haben einen Betrieb, der auf Dauer genehmigt ist und Bestandschutz hat. Da können wir nicht sagen, dass wir in zehn Jahren einfach schließen. Ganz abgesehen davon, dass jemand dann sagen muss, wo der Kies herkommen soll. Leider ist es so, dass keine Stadt und keine Gemeinde die Rohstoffgewinnung gerne sehen. Es sei denn, in Zukunft soll niemand mehr bauen.

Die Gemeinde führt einen Vertrag aus dem Jahr 1997 an, wonach die Firma Mühlhauser eine eigene Werkstraße bauen und bezahlen sollte...

Das ist ja der Witz: Dieser Vertrag sollte das Quetschwerk langfristig sichern! Die Gemeinde wollte uns helfen, zusätzliche Flächen für die Gewinnung von Kies zu erwerben. Die Gemeinde hat also essentielle Punkte des Vertrages nicht erfüllt. Die Werkstraße war leider nicht umsetzbar, weil etliche Eigentümer von Grundstücken nicht verkaufen wollten.

Man merkt, dass das für Sie eine emotionale Angelegenheit ist.

Ich versuche das ohne Emotionen zu sehen. So gehe ich auch in die kommenden Gespräche mit der Gemeinde und dem Landratsamt.

Hat sich durch die Kommunalwahl im März etwas in der Diskussion grundlegend geändert?

Das kann ich noch nicht sagen. Selbstverständlich gab es auch erste Gespräche mit dem neuen Bürgermeister.

Wie stehen Sie zu der Entscheidung der Gemeinde, Ihnen auf einer neuen Abbaufläche nur den Nassabbau zu untersagen?

Für mich ist das eigentlich Rechtsbeugung. Es gibt einen rechtsgültigen Bebauungsplan, der von der Gemeinde Haar aufgestellt wurde und der für diese Fläche die Kiesgewinnung vorsieht. Vor zwei Jahren wurde uns der Trockenabbau genehmigt. Dass nun der Nass­abbau untersagt wird, hat mich schockiert.

Können Sie für Laien verständlich kurz den Unterschied zwischen Trocken- und Nassabbau beschreiben?

Es geht da nur um die Tiefe der Abgrabung. Das Grundwasser liegt hier bei etwa sechs bis sieben Metern. Der Trockenabbau geht daher nur bis etwa fünf Meter, der Nassabbau bis 16 Meter. So weit reicht der Kies nämlich. Nach der Kiesgewinnung erfolgt die Verfüllung der Grube und im Anschluss die Rekultivierung zur landwirtschaftlichen Nutzfläche. Bis dahin sind unsere Kiesgruben Hotspots für seltene Tiere und Pflanzen. Ich denke, die ökologisch wertvollste Fläche in Haar und Gronsdorf sind in der Tat unsere Flächen im Kieswerk.

Die Entscheidung trifft letztlich das Landratsamt. Dort ist man Ihnen offenbar freundlicher gesinnt.

Das weiß ich nicht. Ich hoffe, dass im Landratsamt mehr Verständnis da ist als im Gemeinderat. Ich würde es schön finden, wenn ein Bürgermeister – nicht nur in Haar – den Mut aufbringt und sich nicht den lauten fünf Prozent beugt. Jemand, der sich hinstellt und sagt: „Wir brauchen eine regionale Rohstoffgewinnung. Hier werden sie vor Ort und unter guten Bedingungen gewonnen und verarbeitet.“ Ich hatte einmal ein interessantes Gespräch mit einem Politiker von den Grünen. Der hat mir nach seinem Besuch gesagt: „Sie machen hier alles richtig. Aber öffentlich sagen kann ich das nicht, weil unsere Wähler das nicht gutheißen würden.“ Kieswerke habe keine Lobby. Jeder braucht uns, keiner möchte diese jedoch haben. Keine Gemeinde würde auch nur einen Tag ohne mineralische Rohstoffe bestehen. Politiker, die das offen sagen, sind leider sehr selten.

Halten Sie sich für einen ökologisch denkenden und handelnden Menschen?

Auf jeden Fall. Wie gesagt, ich sehe die regionale Kiesgewinnung schon als gesellschaftliches Thema. Wir machen hier nichts, das giftig ist. Unsere Kinder spielen doch gerne in dem Sand, den wir gewinnen und produzieren. Wir fühlen uns wohl in unseren Häusern aus Kies und Sand. Wir haben vor Ort ein supermodernes Recycling und erzeugen aus Bauschutt wieder wertvolle Baustoffe. Ein Großteil unserer Produktion wird ebenfalls vor Ort zu Transportbeton verarbeitet. Das alles ist doch sehr ökologisch und nachhaltig. Ist dieser Weg nicht besser wenn wir Rohstoffe, die es hier in der Region in sehr guter Qualität gibt vor Ort gewinnen, anstatt dass wir diese durch die halbe Welt schicken und uns dann über die Klimabilanz wundern.

Interview: Marco Heinrich

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