„Keine Schuld – aber eine Verantwortung!“

Für die deportierten Patienten der Klinik Haar

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Eine Szene aus dem Kinderhaus des Klinikums aus den 30er-Jahren.

Am 18. Januar 1940 begann mit der Deportation der ersten 25 Patienten das dunkelste Kapitel in der Geschichte des kbo-Isar-Amper-Klinikums München-Ost. Die 25 Männer wurden noch am selben Tag in Grafeneck (Landkreis Tübingen) ermordet. „Auch heute, 77 Jahre später, ist es eine Tragödie, dass Menschen, die Hilfe und Unterstützungen gebraucht hätten, aus unserem Klinikum in die Tötungsmaschinerie der Nazis geliefert worden sind. Die Erinnerung daran ist unsere Verpflichtung“, erklärt Geschäftsführer Franz Podechtl vor der Gedenkfeier zum Jahrestag. Dann wird auch Bezirkstagspräsident Josef Mederer sprechen. HALLO hat sich mit ihm unterhalten.

Mit welchen Gefühlen bereiten Sie sich auf eine Gedenkfeier wie die am 18. Januar vor?

Mederer: Es ist schon eine angespannte Situation für mich. Ich selbst wohne ja im Landkreis Dachau und habe einen engen Kontrakt zur dortigen Gedenkstätte. Es ist wichtig, die dunklen Seiten der Zeitgeschichte anzugehen. Auch wenn es ein beklemmendes Gefühl auslöst, die Dinge müssen beim Namen genannt werden.Offen, transparent und sensibel.

Die Ereignisse liegen fast 80 Jahre zurück. Was ist die Aufgabe von Gedenkfeiern in unserer Zeit? 

Es geht darum, aus der Geschichte zu lernen. Die Taten von damals dürfen sich nicht wiederholen. Die heutige Generation trägt keine Schuld an dem, was damals passierte. Aber sie trägt sehr wohl eine Verantwortung, heute und in der Zukunft ein Mahner zu sein.

Wird denn die heutige Generation junger Menschen dieser Verantwortung gerecht?

Bedingt, würde ich sagen. Natürlich gibt es immer wieder junge Leute, die damit überhaupt nichts mehr zu tun haben wollen. Aber ich bin auch immer wieder überrascht, wie viele junge Menschen sich zum Beispiel in Dachau informieren und auch etwas für sich selbst von diesem Ort mitnehmen.

Hat sich das Gedenken im Laufe der Jahrzehnte geändert? 

Ja, das hat es. In meiner Jugend habe ich erlebt, dass man vor allem vergessen wollte. Die Geschichte sollte gestrichen werden. Diese Zeit ist Gott sei Dank vorbei. Jetzt sind wir gerade dabei, ein Gedenkbuch der Euthanasie-Opfer herauszugeben. Erst war es nur für München geplant, aber wir werden das auf den gesamten Bezirk Oberbayern ausdehnen. Mit den Namen der Opfer. Und mit einem Versuch, auch die NS-Ideologie mahnend darzustellen. Es wird ein großes Buch ohne Tabus. Ich hoffe, dass wir in ein bis drei Jahren damit fertig sind.

Deutschland steht mit seiner Art der Erinnerungskultur alleine da. In Washington ist ein großes Mahnmal für die Opfer der Atombomben ebenso undenkbar wie ein großer Erinnerungsort für die Opfer des Stalinismus in Moskau oder des Maoismus in Peking... 

Das unterscheidet uns doch positiv von den anderen Ländern! Wir stehen zur Verantwortung, die aus dem Unrecht unserer Vorfahren entsteht. Wir sind diejenigen, die auf dem richtigen Weg sind. Jede betroffene Person ist ein Einzelschicksal. Das soll und darf nicht vergessen werden. Wenn andere Länder das nicht so sehen, ist das ihre Sache. Gut finde ich es nicht. 

Interview: Marco Heinrich

Programm des Tages

Gedenken an die deportierten Patienten am 18. Januar ab 18 Uhr im kbo-Isar-Amper-Klinikum München-Ost an der Ringstraße 3 in Haar. 

• Gedenken an die deportierten Patienten 

• Einführung durch Prof. Dr. Peter Brieger 

• Josef Mederer über die Erinnerungskultur des Bezirks Oberbayern 

• Dr. Bernhard Richarz über „Heilen, Pflegen, Töten – das Buch und seine Wirkgeschichte 30 Jahre später“ 

• Kranzniederlegung

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