Eine Frau mit Verstand und Herz

Christa Gebel, die Gründerin der Ungarnhilfe Haar, ist mit 95 Jahren verstorben

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Haar – Es ist eine beeindruckende Liste an Ehrungen, die Christa Gebel zu Lebzeiten in Empfang nehmen durfte. Noch länger ist die Liste an guten Taten, die die Ungarnhilfe Haar vorweisen kann. Christa Gebel hat die Initiative 1990 gegründet und war bis vor wenigen Jahren Motor und Seele. Am 22. Mai ist die beeindruckende Persönlichkeit im Alter von 95 Jahren verstorben.

Man hätte ein großes Fußballstadion füllen können, würde man die Menschen zusammenzählen, denen von Haar aus geholfen wurde, so hat es Stephan Graf Bethlen einmal ausgedrückt. Er hatte Christa Gebel 1990 eingeladen, Ungarn zu bereisen. Ihr Eindruck war erschütternd – und ließ für sie keinen anderen Schluss zu, als: „Da reicht kein entsetztes Mitleid. Da muss man helfen.“ Noch im gleichen Jahr nahm sie das Heft in die Hand – mit fünf Frauen. Fünf Männer kamen dazu, als dann die ersten Kisten geschleppt und Lastwagen beladen werden mussten. Als dann tatkräftige Unterstützung aus Ungarn selbst anreiste, räumte Christa Gebel kurzerhand ihre Wohnung, um den Männern Platz zum Schlafen zu geben.

Heute zählt die Ungarnhilfe 50 ehrenamtliche Helfer, insgesamt sind unter Gebels Leitung 205 Lastzüge mit 4510 Tonnen Sachspenden im Wert von etwa 12 Millionen Euro nach Ungarn gerollt. Von Aktenschränken bis zum Zahnarzt-Röntgengerät, von Kühlschränken bis zum Traktorenanhänger, von Haushaltsgegenständen bis zur Pflegeausstattung und Spielzeug. Geholfen wurde damit Krankenhäusern, Behinderteneinrichtungen, Pflege- und Altenheimen, Kindergärten, Schulen, Gemeindeverwaltungen und Feuerwehren sowie privaten Haushalten.

Gebel hatte Leid und Entbehrungen selbst erlebt, war im zweiten Weltkrieg als Jugendliche ausgebombt – kannte also die Situation, vor dem Nichts zu stehen. Und anzupacken. Das alles in einer Zeit, in der es für Frauen noch nicht selbstverständlich war, eine Führungsposition zu übernehmen. Altbürgermeister Helmut ­Dworzak hat Gebel in seiner Amtszeit über viele Jahre begleitet: „Eine große Persönlichkeit, fordernd wie überzeugend, die von Jugend an Solidarität und Handeln in gewerkschaftlicher wie christlicher Verpflichtung lebte.“

Gebels Begeisterung hat die Menschen in ihren Bann gezogen — auch Hermann Meyer, ihren Nachfolger bei der Ungarnhilfe Haar, den sie sich selbst ausgesucht hat. „Bei vielen Reisen durch Ungarn, habe ich ihre gütige und liebenswerte Art kennengelernt, die sie den Menschen dort entgegenbrachte. Ihr Lebenswerk führen wir nun in ihrem Sinne weiter.“

Für ihre humanitäre Hilfe wurde Gebel vielfach ausgezeichnet: 2006 mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Ein Jahr zuvor hatte ihr der ehemalige ungarische Staatspräsident Ferenc Mádl, die Staatsmedaille des ungarischen Staatspräsidenten verliehen. 2015 folgte das Offizierskreuz des Ungarischen Verdienstordens. „Sie haben uns nicht nur materielle Hilfe gegeben, sondern auch ihre Seele“, sagte Mádl, ein größeres Lob kann man wohl nicht bekommen.

Gebel selbst hat stets betont, dass nicht sie, sondern die vielen freiwilligen Helfer die Stütze der Ungarnhilfe wären. Die Wertschätzung beruhte auf Gegenseitigkeit. Es war die Gruppe der Helfer, die Gebel für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hatte. 2017 erhielt sie dieses aus den Händen von Haars damaliger Bürgermeisterin Gabriele Müller, zusammen mit den Worten: „Die Mitmenschlichkeit, die Sie in Ihrem langen ehrenamtlichen Wirken zeigen, kann man nicht mit Geld und nicht mit Auszeichnungen aufwiegen. Es sind äußere Zeichen für eine sehr verdienstvolle Frau mit Verstand – und Herz.“ Christa Gebels Vermächtnis, die Ungarnhilfe Haar, lebt weiter.

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