Ein hartes Urteil für viele Eigentümer

„Baumängel“ bei Gebäuden in Haar festgestellt

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Ursula Bergs-Tauchert und Inge Strohmaier bleiben auf den Kosten sitzen.

Als das Hochhaus, in dem sie lebt, im Jahr 1978 fertiggestellt wurde, erfüllte es alle gesetzlichen Auflagen. Das ist nun anders – und wird teuer für Rentnerin Inge Strohmaier. Und für viele andere.

Seit gut drei Jahren wird an der Ferdinand-Kobell-Straße in Haar über eine neue Wärmedämmung einiger Häuser gestritten – momentan sieht es so aus, als sollte Rentnerin Inge Strohmaier diesen Kampf verlieren. In erster Instanz entschied das Amtsgericht, dass die momentane Wärmedämmung des Hauses tatsächlich als „anfänglicher Baumängel“ zu bewerten ist und demnach nachgerüstet werden soll. 460.000 Euro würde das kosten. Eine Summe, die auf die Eigentümer aller Wohnungen umgelegt werden würde – auch wenn nur die Wohnungen auf der Nordseite der Gebäude von den Baumaßnahme betroffen sind. „Ich verstehe das nicht. Auch vor Gericht wurde eingeräumt, dass die Häuser in den 70er-Jahren gemäß den damals bestehenden Vorschriften gebaut wurden. Wie kann dann 40 Jahre später jemand sagen, dass ‚anfängliche Baumängel‘ vorliegen?“, fragt sich Strohmaier. Ihre Hoffnung liegt nun auf dem Berufungsverfahren vor dem Landgericht.

Ihr Rechtsanwalt Helmut Greulich macht ihr durchaus Hoffnung, dass das Urteil dort anders ausfallen könnte. „Das Landgericht ist das zentrale Wohnungs-Eigentums-Gericht. Da besteht Sachverstand“, sagt Greulich. Für ihn hat der Fall nicht nur eine fachlich-juristische, sondern auch eine soziale Dimension. „Viele Eigentümer der Wohnungen hatten in den 70er-Jahren einen gut bezahlten Job und konnten sich daher den Kauf einer Wohnung leisten – meist, um dann selbst darin zu wohnen. Heute sind sie nun in Rente und können sich eine solche Baumaßnahme kaum leisten. Außerdem stellt sich die Frage, ob man den vorliegenden Zustand wirklich beheben muss. Der schreckliche Hochhaus-Brand in London vor einem Jahr hat ja gezeigt, dass manche Dämmungsmaßnahmen die Brandgefahr erhöhen.“

Vor dem Amtsgericht spielte die Expertise des Sachverständigen die entscheidende Rolle. In einem ungewöhnlich kostspieligen Verfahren (das auch von Inge Strohmaier zu zahlen ist) wies er nach, dass der momentane Zustand der Häuser zu Schimmelbildung führen kann. Das war übrigens auch der Hauptgrund, warum sich im Dezember 2016 eine deutliche Mehrheit der Wohnungseigentümer für die neue Dämmung entschied. Geht es nach Rechtsanwalt Greuel, sind an dieser Theorie große Zweifel angebracht.

Doch die eigentliche Frage betrifft noch viel mehr Menschen: Was bringt die Endabnahme von neu gebauten Häusern, wenn Jahrzehnte später „anfängliche Baumängel“ festgestellt werden können? Und wie viele Häuser aus dieser Zeit müssen nachgerüstet werden? Es kann noch bis zum Ende des Jahres dauern, bis das Landgericht entscheidet.

mh

Kommentar

Ein zu kurzer und zu leiser Hilfeschrei - Worüber am Streiktag der Kitas wirklich geredet werden sollte

Schon wieder Warnstreik? Hatten wir doch gerade erst! So reagieren viele Eltern, die am Donnerstag nicht wissen, wohin sie ihre Kinder bringen sollen, während sie selbst zur Arbeit müssen. Doch hinter dem Streik steht nicht in erster Linie der Wunsch nach mehr Lohn. Es ist ein Hilfeschrei nach einem echten Paradigmenwechsel.

Wer mit Menschen redet, die in sozialen Berufen arbeiten, erhält den Eindruck. dass das ganze System mit Vollgas fährt – und zwar in Richtung einer unverrückbaren Mauer. Egal ob es sich um Kitas, Schulen, Krankenhäuser oder Altersheime handelt: Die Personaldecke ist derart dünn, dass Kitas in München schon jetzt überlegen müssen, künftig früher zu schließen. Weil schon die Aufsicht der Kinder kaum noch zu leisten ist. Von so wichtigen Funktionen wie der Zuwendung und der Förderung der Kleinen ganz zu schweigen.

Wer in der Politik lautstark betont, wie wichtig Kinder für unsere Gesellschaft sind, muss sich dafür einsetzen, dass all jene endlich besser bezahlt werden, die sich tagsüber um sie kümmern. Dass Erzieher, Lehrer oder Krankenpfleger Berufe werden, die eine Karriere versprechen – und nicht den kürzesten Weg zum Burn-out. Es wird mehr als einen Warnstreik brauchen, um das zu erreichen.

Marco Heinrich

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