Der Heimat so fern – und nah

Baseballer aus Haar erlebt Hurrikan-Folgen am eigenen Leib

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Nate Thomas machen die Bilder aus seiner zerstörten Heimat fassungslos.

Nach seiner ersten Saison bei den Haar Disciples muss Nate Thomas (29) Schicksalsschläge verkraften. Der Hurrikan Irma hatte für Freunde und Familie dramatische Folgen.

Irgendwann, als Nate Thomas seine Geschichte fast zu Ende erzählt hat, muss er sich kurz wegdrehen. Er hält einen Moment inne und wischt sich ein paar Tränen aus den Augen. Schutzlos, hilflos, kraftlos wirkt der 29-Jährige in diesen Augenblicken. Ein Wunder ist das nicht.

Thomas kommt von der Karibik-Insel Tortola, die vor rund einem Monat vom Hurrikan Irma verwüstet wurde. Die letzten Spiele der Haar Disciples bestritt er, ohne zu wissen, ob seine Familie den Sturm überlebte, die Kommunikation war komplett zusammengebrochen. Erst eine Woche nach dem Sturm erfuhr er, was passierte. Es waren schlimme Nachrichten. „Wir sind Hurrikans gewöhnt, sie kommen praktisch jedes Jahr. Wir spielen dann Karten und reden, bis alles vorbei ist. So wie diesmal war es noch nie“, erzählt er.

Das Haus seiner Mutter und ihre beiden Autos sind komplett zerstört. Es gibt selten Strom, zu wenig Trinkwasser und zu wenig Nahrung. Auch heute noch. Aber das sind Dinge, die repariert werden können. Zustände, die sich wieder bessern werden. Doch es gibt mehr. „Ein Freund von mir ist bei dem Hurrikan gestorben. Er wollte wohl gerade ein Fenster abdichten, als der Sturm es einfach zersplitterte. Er wurde förmlich aufgeschlitzt“, sagt Thomas.

Wen wundert es da, dass er bei den letzten Spielen der Saison nicht ganz bei der Sache war. „Ich hatte meine Kopfhörer auf und war in meiner eigenen Welt. Aber meine Mitspieler haben mich unglaublich unterstützt. Sie konnten es nicht einfacher machen, aber erträglicher“, erzählt Thomas. Außerdem sammelte der Verein für ihn, mehr als 1000 Euro kamen zusammen. „Als ich meiner Mutter am Telefon davon erzählte, fing sie an zu weinen. Sie ist gerade erst in Rente gegangen und weiß nicht, wie es finanziell weitergeht.“ In näherer Zukunft wird es viele weitere Telefonate geben, denn Nate Thomas fliegt nicht wie geplant nach Hause – sondern nach Australien.

„Auf Tortola halte ich Sport- und Gartenanlagen in Ordnung. Da gibt es momentan nichts zu tun. Ich könnte dort kein Geld verdienen. Also fliege ich nach Australien, um Baseball zu spielen. Damit kann ich mehr helfen“, erzählt er. Es ist der Moment, als die Tränen in ihm nicht mehr zurückzuhalten sind. Denn natürlich zieht ihn alles nach Hause – zur Mutter und zu seinen sechs Geschwistern. Stattdessen weiter zu ziehen, ist eine Entscheidung des Kopfes gegen das Herz.

Marco Heinrich

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