„Diese Arbeit gibt mir auch ganz viel zurück“ 

Auszeichnung „Weißer Engel“ für Haarer Hospizbegleiter

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„Ein Großteil der Hospizhelfer sind Frauen“, sagt die Palliativ Care Fachkraft, Rita Wiegand (links). Insofern stellt Elmar Ludwig (rechts) da eine große Ausnahmen dar. Seit 18 Jahren begleitet er Menschen, die auf ihrem letzten Weg sind. Das ist nicht nur für sie eine Hilfe. Auch für Ludwig ist die Sterbebegleitung eine Bereicherung.

Der Haarer Hospizbegleiter Elmar Ludwig wird am Donnerstag für seine langjährige Tätigkeit als „Weißer Engel“ von Staatsministerin Melanie Huml geehrt. Mit HALLO sprach er darüber, warum diese ehrenamtliche Arbeit vielmehr mit dem Leben als mit dem Sterben zu tun hat.

Haar – Der Tod ist ein Thema, mit dem sich viele Menschen nicht gerne freiwillig beschäftigen. Für Elmar Ludwig hingegen stellte sich diese Frage gar nicht. „Ich wollte etwas Sinnvolles während meiner Rente machen.“ Und Menschen beizustehen, wenn sie sich auf den Weg zum Sterben machen, ist für den 84-Jährigen die sinnvollste Tätigkeit.

Für sein Engagement als Hospizbegleiter beim Hospizkreis Haar wird Ludwig am Donnerstag vom Staatsministerin Melanie Huml die Auszeichnung „Weißer Engel“ im Schloss Nymphenburg verliehen. Eine Ehrung, der der bescheidene Mann mit etwas Besorgnis entgegen sieht. „Mein erster Gedanke, als ich davon erfahren haben, war: Gut wäre es, wenn das nicht stattfinden würde“, sagt er und lächelt schüchtern in sich hinein. Mittlerweile kann Elmar Ludwig dem Tag allerdings gelassener entgegen sehen. „Wenigstens muss ich keine Rede halten.“ Alles an Elmar Ludwig strahlt Ruhe aus. Es ist vielleicht genau jemand wie er, den man an seiner Seite haben möchte, wenn das Leben seine letzten Atemzüge nimmt.

Ludwig ist einer von insgesamt 35 Hospizhelfern, die ehrenamtlich für den Hospizkreis Haar tätig sind. Die Einzige, die den geringen Betrag von 450 Euro von der Krankenkasse bekommt, ist die Leiterin, Rita Wiegand. Alle anderen helfen unentgeltlich. Die Räume des Hospizkreises an der St.-Konrad-Straße 2 hat der Verein von der Gemeinde mietfrei erhalten. Ansonsten finanziert sich der ambulante Hospizdienst hauptsächlich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge. Die Helfer fahren zu den Menschen nach Hause oder ins Pflegeheim, wie etwa dem Maria Stadler Haus in Haar oder ins kbo-Isar-Amper-Klinikum, um mit ihnen ihre letzte Zeit zu verbringen. Zeit, die die Hospizbegleiter den Sterbenden so angenehmen wie möglich machen möchten. „In diesem Sinne hat die Tätigkeit auch gar nicht so viel mit dem Sterben zu tun, wie man meint“, sagt Ludwig. Im Gegenteil. Eigentlich gehe es vielmehr darum, noch ein bisschen Leben ins Haus bringen. „Ich unterhalte mich mit den Menschen, soweit das noch möglich ist. Viele sind auch nicht mehr aufnahmefähig, dann geht es halt nicht mehr“, sagt er gelassen. Ludwig wirkt ohnehin wie ein Mensch, der gut schweigen kann. In 18 Jahren sei es ihm tatsächlich nur ein einziges Mal passiert, dass ihm ein Mensch quasi unter den Händen weggestorben ist. „Ich bin bei ihm gesessen und dann hat er irgendwann einfach aufgehört zu atmen.“ Aber auch wenn es Ludwig mit dem „echten Sterben“, wie er es nennt, nicht so häufig zu tun bekommt, weiß er, dass der Tod nichts ist, was ihn fertig macht. Was ihn traurig macht, sind eher die Lebensgeschichten, die da zu Ende gehen. „Ich habe einmal einen ehemaligen Pianisten besucht, der konnte am Ende gar nichts mehr machen. Nicht einmal mehr alleine essen. Das hat mich schon sehr berührt.“

Wenn Ludwig spricht, dann tut er es mit einem leichten bayerischen Dialekt. Das wäre im Landkreis München nicht weiter verwunderlich, wenn man nicht wüsste, dass Ludwig ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Sachsen stammt. Nach dem Krieg war das russische Zone, durch eine Abkommen mit den Amerikanern konnte Ludwig als Kind nach Bayern kommen. Er kam damals ins Kloster Ettal nach Oberammergau. Dort hat er sich den bayerischen Dialekt angeeignet, die Religion hat man ihm allerdings mit den Schlägen abgewöhnt. Darum hat er heute kein Konzept vom Tod. Kein Glaube an den Himmel oder eine Wiederauferstehung. Es gibt das Leben – und irgendwann ist es vorbei. Ludwig begegnet dem Leben wie dem Sterben mit Akzeptanz und Demut, was nicht heißt, dass es nicht manchmal weh tut. Als er das erste Mal mit dem Tod konfrontierte wurde, war er gerade beruflich als Fotograf in Irland. Da starb seine Schwester mit 36 Jahren. Eine schmerzhafte Erfahrung. Das zweite Mal, dass der Tod nahe an ihn heranrückte, war, als seine Tochter vor einigen Jahren an Krebs erkrankte. „Das macht einem schon sehr viel Angst.“ Da hilft auch die ganze Erfahrung mit der Sterbebegleitung nichts. „Aber zum Glück geht es ihr heute gut“, sagt Ludwig. Blut ist eben immer noch dicker als Wasser; und selbst wenn man einen Menschen lange begleitet hat, ist es eben immer noch etwas anderes als bei einem nahen Verwandten. „Außerdem ist es bei den älteren Menschen oft der Fall, dass sie froh sind, wenn es dem Ende zugeht. Sie sind regelrecht lebenssatt“, erklärt Hospizleiterin Rita Wiegand. Sie war es, die Elmar Ludwig für die Ehrung vorschlug: „Er hat etwas ganz Besonderes. Alle im Pflegeheim lieben ihn.“

Aber auch Elmar Ludwig liebt die Tätigkeit. „Die Hospizarbeit ist ja eine zweischneidige Sache. Im positiven Sinne“, sagt er: „Die Menschen freuen sich, wenn ich komme.“ Dann hilft Ludwig etwa beim Essen und unterhält sich mit ihnen. Meistens nicht über den Tod, sondern über das Leben. Über die Familie etwa reden viele gerne, dann blühen sie plötzlich auf und die Augen leuchten. „Für mich ist das sehr schön, was da zurück kommt. So habe ich das Gefühl, ich bewirke wenigstens ein bisschen was Gutes.“ Das ist ein Gefühl, das Ludwig nicht mehr missen möchte. Und dann lächelt er wieder sanft und beteuert: „Das ist keine Belastung für mich. Wirklich nicht.“

Lydia Wünsch

Der Hospizkreis Haar sucht noch Mitglieder. Wer Interesse hat, kann sich unter Telefon 46203343 oder per E-Mail mail@hospizkreis-haar.de weitere Informationen holen.

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