Ludwig: „Sucht ist eine Erkrankung – genau so wie etwa Krebs“

Ausbau der ambulanten Suchtklinik des kbo-Isar-Amper-Klinikums in Haar

Im Haus 9 ist die Suchtklinik des kbo-Isar-Amper-Klinikums derzeit untergebracht. Im September soll diese in ein größeres Gebäude umziehen.
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Im Haus 9 ist die Suchtklinik des kbo-Isar-Amper-Klinikums derzeit untergebracht. Im September soll diese in ein größeres Gebäude umziehen.

Schadensbegrenzung ist bei manchen Suchterkrankten die einzige Möglichkeit, ihnen zu helfen. Dazu zählt auch die Behandlung mittels Substitution. Dafür braucht es aber ein flächendeckendes Netz an ambulanter Versorgung — und genau daran mangelt es laut der Drogenbeauftragten des Bundes, Daniela Ludwig, eklatant. Umso mehr freut sie sich, dass das kbo-Isar-Amper-Klinikum in Haar derzeit ihre ambulante Versorgung für Suchterkrankte ausbaut.

Jens (Name von der Redaktion geändert) war in zehn Jahren kaum eine Woche abstinent. Ein Entzug jagte den nächsten Rückfall. Als Jugendlicher schaffte er keinen Schulabschluss, später war er wohnungslos und kam bei seiner Freundin unter, doch seine Aggressionen überschatteten die Beziehung. Verschiedene Straftaten wurden zur Bewährung ausgesetzt. Jens geriet in Schlägereien, wurde zum Täter und auch zum Opfer. Bis endlich die Erkenntnis kam: So geht es nicht weiter!

Vor zwei Jahren ging Jens zur ambulanten Suchtberatung ins kbo-Isar-Amper-Klinikum in Haar. Dort wurden nach und nach seine zahlreichen Pro­bleme und Krankheiten aufgedeckt. Während der Behandlung kam heraus, dass Jens neben seiner Alkoholsucht unter ADHS leidet, er wurde mit Ritalin behandelt, was eine Besserung zur Folge hatte. Doch kaum war ein Problem gelöst, tauchte das nächste auf. Schlafstörungen, Depressionen, Kopfschmerzen. Auch Sozialarbeiter setzten sich sehr für Jens ein.

In Haar wurde er sowohl medikamentös wie auch durch Einzel-Gespräche behandelt. Jens musste lernen, mit seinen Stimmungsschwankungen umzugehen und seine Aggressionen zu beherrschen. „Normalerweise gibt es dafür ein Suchthilfesystem, doch das alleine reicht oft nicht aus“, sagt Chefarzt Professor Ulrich Zimmermann. Er leitet zusammen mit der Pflegedienstleiterin Lena Heyelmann die Suchtklinik in Haar. Diese wurde — nach einer Pause von fast fünf Jahren — im Juli 2018 wieder neu gegründet. Bei einem Pressetermin mit der Bundesbeauftragten für Drogen, Daniela Ludwig, stellten sie unter anderem Jens‘ Fall vor. Ludwig bedauert es sehr, dass das Thema Drogen und Sucht mit „maximal spitzen Fingern angefasst wird“, wie sie sagt. „Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass Sucht eine anerkannte Erkrankung ist, genauso wie etwa Krebs.“ Viele Süchtige würden pauschal verurteilt, sie seien selbst an ihrer Sucht schuld. „Damit hilft man aber keinem“, betont Ludwig. Die Sucht von der Stigmatisierung wegzubringen, sei daher ihr Ziel. „Süchtige Menschen sind in Vereinen, an Arbeitsplätzen und in den Familien zu finden. Sucht kann jeden treffen. Sie findet in der Mitte unserer Gesellschaft statt.“

Ähnlich wie Jens leiden viele Patienten neben ihrer Sucht an weiteren psychiatrischen Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen und Depressionen. „Darum brauchen wir ein multiprofessionelles Team, das zusammenarbeitet“, erklärt Zimmermann. Der Fachbegriff „Psychiatrische Institutsambulanz“ fasst diese Behandlungsmethode zusammen, bei der sowohl medikamentös, aber auch psychologisch behandelt wird. Die Behandlungsangebote müssen zudem niederschwellig sein, damit die Patienten dort abgeholt werden, wo es gerade nötig ist. Das bedeutet auch Sprechstunden ohne lange Wartezeiten. „Wir suchen die Patienten auch auf, wenn sie das wollen“, so Zimmermann. Natürlich im Moment unter corona­bedingten Einschränkungen. Auch ambulante Entzüge sind im kbo-Isar-Amper-Klinikum möglich. „Viele gehen nicht gerne ins Krankenhaus“, sagt Zimmermann. Durch Corona und die damit verbundene Infektionsgefahr fanden in den vergangenen Monaten weitaus mehr ambulante Entzüge statt als sonst. „Sogar bei schweren Entzügen, die wir uns früher nicht getraut hätten“, sagt Zimmermann. „Corona hat die ambulante Versorgung erheblich angekurbelt“, bestätigt auch Heyelmann.

Diesen Fahrtwind will die Klinik nutzen und ihr ambulantes Angebot ausbauen. Dafür zieht die Suchtklinik im September in ein größeres Gebäude, in dem auch eine Tagesklinik und eine Ambulanz entstehen. Auch die sogenannte „Villa“ auf dem Klinikgelände des Kranken­hauses Schwabing wurde vor einem Jahr vom Klinikum in Haar erworben. Dort gibt es derzeit eine Suchtstation, die ebenfalls im September in eine Ambulanz mit Tagesklinik umgebaut werden soll. Daniela Ludwig ist begeistert von den Plänen.

Im Ergotherapieraum des kbo-Isar-Amper-Klinikums in Haar unterhält sich die Bundesbeauftragte für Drogen, Daniela Ludwig (Mitte), mit Chefarzt Ulrich Zimmermann und der Pflegedienstleiterin Lena Heyelmann.

„Im Moment haben wir noch erhebliche Probleme mit der ambulanten Versorgung in der Fläche.“ Daher sei der Ausbau wichtig. Bei der Suchtbehandlung spielt die Schadensminimierung eine wichtige Rolle. Viele Süchtige werden rückfällig, da könne manchmal nur eine Substitution, etwa in Form des Ersatzpräparates ­Methadon, helfen. So bekommen die Patienten, trotz Sucht, die Möglichkeit, ein geordnetes Leben zu führen und nicht auch noch in die Obdachlosigkeit zu geraten. „Substitution ist eine anerkannte Therapie, die gut funktioniert, dennoch findet man immer weniger Ärzte, die diese verordnen“, bedauert Ludwig. „Da geben wir Fortschritte auf, die wir uns in den vergangenen Jahren mühevoll erarbeitet haben. Für einige Menschen ist das die einzige Perspektive!“

Jens ist mittlerweile seit zwei Jahren rückfallfrei. Gewalt wendet er nicht mehr an, auch wenn er emotional wird. Mittlerweile hat er seine Bewährung abgeschlossen. Er hat eine eigene Wohnung und sogar wieder Kontakt zu seinem zehnjährigen Sohn. Eine Arbeit hat er zwar noch nicht, aber Zimmermann ist zuversichtlich. „Wir sind auf einem guten Weg.“

Lydia Wünsch

Werktags zwischen 10 und 11.30 Uhr können Patienten ohne Voranmeldung zu einem Beratungsgespräch in die Ambulanz an der Ringstraße 9 in Haar kommen. Eine telefonische Suchtanmeldung ist unter 4562-3483 von 10 bis 13 Uhr möglich.

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