„Nur die richtigen Noten spielen, das reicht nicht!“

Arnold Riedhammer aus Haar, ein Weltstar aus der Nachbarschaft

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Neun Stunden pro Tag übte Arnold Riedhammer während seiner großen Musiker-Karriere. Der Lohn waren Erinnerungen wie die mit Leonard Bernstein

Wer wüsste besser als ein Schlagzeuger, dass ein Meisterwerk mit einem großen Finale endet. Mit einem Knalleffekt. Doch für das Ende seiner eigenen Laufbahn hatte Arnold Riedhammer etwas Anderes im Sinn. „Ich dachte mir, ich mache die Tür auf, sage ‚Servus und Danke‘ und mache die Tür dann hinter mir zu“, erzählt der Haarer lachend. Doch so einfach sollte er nicht davonkommen – nach 45 Jahren des Unterrichtens (vor allem als Professor an der Münchner Hochschule für Musik) und 50 Jahren des Musizierens bei den Philharmonikern (43 Jahre Solo-Schlagzeuger). Ein Leben im Zeichen des Rhythmus. Ein Leben an der Seite von Weltstars. Auf der klassischen Seite spielte Riedhammer unter der Leitung von Karajan, Bernstein oder Thielemann. In seinem „zweiten Leben“ gab er den Rolling Stones, Queen oder Liza Minelli den Takt vor. Und wahrscheinlich wäre all das nicht passiert, wenn sein Bruder nicht einst eine High-School-Band gehabt hätte.

„Er ist vier Jahre älter als ich und spielt Klavier. Ich war bei den Proben oft dabei. Und als sie einmal eine Pause gemacht haben, setzte ich mich einfach ans Schlagzeug – und legte los. Alle im Haus waren überrascht, als sie mich spielen hörten“, erinnert sich Riedhammer. Das Talent war offensichtlich. Mit acht Jahren erhielt er seinen ersten Unterricht. Nur drei Jahre später dann der Schock: Die ganze Familie zieht aus New Jersey nach Deutschland zurück. „Ich habe kein Wort Deutsch gesprochen. Und das war eine Zeit, in der selbst Englischlehrer kein richtiges Englisch konnten. Ich fühlte mich sehr alleine – eine harte Zeit“, erinnert er sich. Heute engagiert sich Riedhammer mit der Bürgerstiftung Haar unter anderem dafür, dass Flüchtlinge schnell Deutsch lernen.

Musik war die Sprache, die ihn durch seine Zeit der Anpassung brachte. Aber wichtiger war vielleicht noch ein kleines Pferd. „Dieses Pony aus der Nachbarschaft hat mir das Leben gerettet. Ich habe es dreimal am Tag besucht. Ich nannte es ‚Baby‘. Mit ihm konnte ich Englisch reden; es verstand mich. Doch eines Tages war es einfach weg. Ich erfuhr, dass es nun auf einem anderen Bauernhof lebte. Sofort raste ich zu ihm. Ich rief seinen Namen. Und es kam zu mir.“ Riedhammer macht eine kurze Pause. „Was habe ich geheult“, fügt er dann hinzu. Und noch heute, nach all den Jahren, stehen ihm bei diesen Gedanken Tränen in den Augen. Wer große Musik machen will, muss große Emotionen kennen. Und zulassen. Als zwölfjähriger Wunderknabe am Schlagzeug zog er wenig später mit seiner Band durch die amerikanischen Klubs. Schnell machte er auch die Ansagen zwischen den Stücken – natürlich in seiner Muttersprache. Der Rest liest sich dann wie ein Drehbuch: Riedhammer wird in der Musikszene bekannt, und in München ist er an genau der richtigen Stelle: Hier sind die Studios, in denen die Großen der Welt ihre Lieder aufnehmen. Riedhammer spielt für die Rolling Stones, Freddie Mercury oder Chris deBurgh. Er erlebt all jene Geschichten, die er heute noch gerne erzählt. Wie damals, als Udo Jürgens ihn während des Konzerts mehrere Küsse auf die Wange gab und nach dem Konzert gleich nochmal. „Du bist jetzt aber nicht schwul – ich sehe ja, wie viele Frauengeschichten du während einer Tour hast“, sagte Riedhammer damals lachend. Udo Jürgens antwortete einfach: „Ach, du spielst einfach so wunderbar!“

Später einmal wurde Riedhammer nachts von Ralph Siegel angerufen. Er müsse sofort ins Studio kommen, zwei Schlagzeuger hätten sich schon vergeblich an den „Glocken von Rom“ versucht. Beide sagten, außer ihm könne das keiner spielen. Also zog sich Riedhammer an, spielte es und legte sich dann wieder ins Bett.

Es war ein spannendes Leben. Doch bald kam sogar ein zweites dazu: die Klassik. Riedhammer ließ sich zu einer klassischen Ausbildung überreden und absolvierte 1970 sein Examen mit Auszeichnung. Und wieder spielte er mit den ganz Großen. Mit Herbert von Karajan („Ich kriegte Gänsehaut, als der alte Mann vor das Orchester trat“) oder Leonard Bernstein (der ihm erzählte, wie er die West Side Story komponierte). An einem Konzertabend spielte er manchmal bis zu 40 verschiedene Instrumente.

Arnold Riedhammer wurde zu einem Mann zwischen den Welten. Pop und Klassik. Deutschland und Amerika. An seiner alten Heimat liebt er den „easy way of life“; an seiner neuen die Korrektheit und Ordnung – und die Schönheit der Natur. „Ich kenne die Welt, aber aus Haar will ich niemals wegziehen“, sagt er. Ein hochdotiertes Angebot aus Amerika wird er vermutlich ausschlagen, wobei auch Präsident Trumps Politik eine Rolle spielt.

Es gibt einen Film über das Schlagzeug spielen. „Whiplash“ wurde 2015 sogar mit drei Oscars ausgezeichnet. Es geht um einen talentierten Schlagzeuger, der von einem bis zum Sadismus perfektionistischen Lehrer zu Höchstleistungen angetrieben wird. Arnold Riedhammer ist als Lehrer so etwas wie das Gegenteil von diesem Typus. „Ich sage meinen Schülern immer: Nur richtige Noten – das reicht nicht. Es geht darum, beim Spielen Freude zu haben und sie dann dem Publikum zu vermitteln. Ich verlange viel, aber wir haben es immer lustig“, sagt Riedhammer. Viele seiner Schüler schafften es in große Orchester. Einer davon sollte eigentlich den väterlichen Betrieb übernehmen und Mähdrescher vertreiben. Erst als er seinen ersten Gehaltsscheck präsentierte, änderte der Vater seine Meinung. Dann sagte der Junge: „Es geht mir aber nicht nur ums Geld. Musik ist meine Leidenschaft.“ Das ist das Erbe, das Arnold Riedhammer hinterlässt.

Marco Heinrich

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