Der große Wechsel ohne Wechselstimmung

Bukowski schlägt Müller und wird Haarer Bürgermeister

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Vor der Stichwahl lachten noch beide: Gabriele Müller und Andreas Bukowski.

In schweren Zeiten entschieden sich die Haarer Bürger gegen Kontinuität. Die lange Liste der SPD-Bürgermeister findet ein überraschendes Ende. Wie hat Andreas Bukowski das geschafft?

Haar – Die Uhren wurden am vergangenen Sonntag nicht nur in Haar umgestellt. Dass sich die Zeiten aber so nachhaltig ändern würden, war dann doch eine große Überraschung. Andreas Bukowski wird Erster Bürgermeister der Gemeinde. Ein CSU-Bürgermeister im „roten Haar“, wo bislang ohne Ausnahme die SPD von der Spitze der Verwaltung grüßte. Das Ende einer Ära und auch ein Gang ins Ungewisse.

Im ersten Wahlgang lag Bukowski schon 20 Stimmen vor Amtsinhaberin Gabriele Müller, bei der Stichwahl waren es nun 301. Bukowski holte 51,5 Prozent der abgegebenen Stimmen, bei einer Wahlbeteiligung von 63,7 Prozent. Wie hat er das geschafft, gegen eine allseits beliebte und anerkannte Bürgermeisterin, die auch in Zeiten der Coronakrise mit schnellem Handeln und dem Einrichten einer Teststation Organisationstalent und Menschlichkeit bewies?

Der Weg zum Ziel ging für Bukowski über viele Türklinken. In unzähligen Stunden ging er in Haar von Tür zu Tür und suchte das direkte Gespräch mit den Bürgern. Und Bukowski kam an. Jung, dynamisch, erfolgreich. Ein Mann, der gut reden kann, aber auch zuhören. So sammelte er erst Sympathiepunkte und später Wählerstimmen. Auf der anderen Seite verzichtete Gabriele Müller auf einen echten Wahlkampf. Inmitten der Coronakrise gab es Wichtigeres. „Die Gemeinde geht vor“, sagte sie wenige Tage vor der Stichwahl. Jetzt suchte sich diese Gemeinde einen anderen.

Die spannende Frage wird nun, wie der verständlicherweise euphorisierten CSU ein Aufbruch in neue Zeiten gelingen soll, wo noch gar nicht klar ist, unter welchen Voraussetzungen wir alle in einigen Wochen oder Monaten leben werden? Von einer ökonomischen Delle bis hin zum totalen Kollaps scheint alles möglich. Es sind nicht die einfachsten Bedingungen, um sich in einen neuen Job einzuarbeiten. Und diese Zeit wird Bukowski brauchen.

Der neue Erste Bürgermeister der Gemeinde ist mit seinen 40 Jahren nicht nur jung, er ist auch noch nicht so lange in der Gemeinde und den Gemeinderat kennt er bislang nur als interessierter Zuhörer. Als Geschäftsführer einer Firma für Naturkosmetik ist er das Führen gewöhnt. Aber ein Unternehmen ist eben doch anders zu leiten als eine Gemeinde. Das wird Bukowski lernen. Und er muss es schnell tun. Die Politik hat die große Aufgabe, die Gesellschaft zusammenzuhalten oder wieder zusammenzusetzen, wenn Corona selbst bewältigt ist — und die Auswirkungen von Corona noch lange nicht. Gerade die Kommunalpolitik wird da als Puffer gefordert sein, hier gibt es den direkten, täglichen Kontakt zwischen Wähler und Gewählten.

Dabei hilft die Situation im Haarer Gemeinderat kaum. Die CSU hat 13 Sitze und wird in vielen Fällen auf die eine Stimme der FDP setzen dürfen. Doch ihr gegenüber sitzen die im ganzen Land sehr selbstbewussten Grünen (sechs Sitze) und jene SPD (zehn Sitze), der gerade in der Stichwahl das politische Herz herausgerissen wurde. Andreas Bukowski hat im Wahlkampf kein Porzellan zerschlagen, sein Verhältnis zur SPD ist weitaus unbelasteter als das des bisherigen Fraktionssprechers Dietrich Keymer. Aber um unter diesen Voraussetzungen schnell in die tägliche Sacharbeit zu kommen, braucht es schon ein geradezu gandhihaftes Geschick.

Die Haarer Bürger haben sich ohne echte Wechselstimmung für einen Wechsel entschieden. Die kommenden Monate in Haar werden nun alles andere als langweilig. Dafür hätte es in diesen Tagen freilich keine Kommunalwahl gebraucht.

Marco Heinrich

Kommentar

Große Fußstapfen, die bleiben – Die Niederlage von Gabriele Müller ist menschlich tragisch

Des Leben ist nicht immer fair, das ist in der Politik nicht anders als in der Wirtschaft, im Sport oder im Privaten. Aber nur um es einmal schriftlich festzuhalten: Diese Abwahl hat Gabriele Müller nicht verdient. Haar ist eine spannende Gemeinde, in der viel mehr richtig läuft als falsch. Das ist zu einem großen Teil auch ein Verdienst der langen Reihe von SPD-Bürgermeistern. Dass diese Kette nun bei Gabriele Müller reißt, ist menschlich tragisch.

Es gibt Schlimmeres, als eine Wahl zu verlieren. Gabriele Müller weiß das, weil ihr das Leben schon Schwereres auf die Schultern legte als eine politische Niederlage. Sie schaffte es trotzdem immer, den Kopf oben zu behalten und weiter daran zu arbeiten, das Leben um sie herum ein bisschen zu verbessern. In vielen Fällen ist ihr das gelungen.

Nun muss sie die Kraft finden, eine neue Position auszufüllen. Abseits des Amtes. Die politische Verantwortung trägt nun ein anderer. Wahrscheinlich weiß Andreas Bukowski noch gar nicht, wie groß die Fußstapfen sind, die er bald ausfüllen soll. Er wird es erfahren. Und Unterstützung brauchen. Nicht nur aus den eigenen Reihen.

Marco Heinrich

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