Bukowskis Traum von einer Tafelrunde

Analyse der konstituierenden Sitzung des Haarer Gemeinderates

+
Die neuen Bürgermeister für Haar wurden vergangene Woche bei der konstituierenden Sitzung vereidigt. Von links: Katharina Dworzak ist Dritte Bürgermeisterin, Andreas Bukowski ist Erster Bürgermeister und Ulrich Leiner ist zum Zweiten Bürgermeister gewählt worden.

Die Zeitenwende im Haarer Gemeinderat ist endgültig eingeläutet. Bei der konstituierenden Sitzung wurde auch die Zweite Bürgermeisterin, Katharina Dworzak, ihres Amtes enthoben und durch Grünen-Rat Ulrich Leiner ersetzt. Die SPD wirft der CSU polittaktisches Vorgehen vor. Von parteiübergreifender Einigkeit war an diesem Abend somit noch nichts zu sehen.

Haar – „Die Zeiten sind verrückt“, sagte Haars neuer Bürgermeister, Andreas Bukowski, in seiner Antrittsrede bei der konstituierenden Sitzung. Damit bezog er sich nicht nur auf die Corona-Krise. Auch für den Haarer Gemeinderat brechen neue Zeiten an. „Plötzlich ist kein Vertreter der SPD mehr an der Spitze, sondern einer von der CSU.“

Sein Studium der Deutschen Literatur und Psychologie war dem 40-Jährigen anzumerken. Bukowskis Rede war gespickt mit literarischer Symbolik. Den neuen Gemeinderat verglich Bukowski etwa mit den Rittern der Tafelrunde des König Artus, die nun gemeinsam für eine bessere Gemeinde kämpfen.

In Bukowskis Tafelrunde allerdings wird auch häufig hitzig diskutiert werden. Dessen ist sich der neue Bürgermeister durchaus bewusst. Einigkeit. Das ist es eigentlich, was Bukowski will. Er will ein Bürgermeister für alle sein. Ob ihm das gelingt, ist eine andere Frage, denn die SPD musste bei dieser Sitzung einen zweiten, schweren Schlag verkraften. Sie verlor auch das Amt der Zweiten Bürgermeisterin. Grünen-Rat Ulrich Leiner wurde stattdessen gewählt. Unterstützt von der CSU, die im Sinne einer breiten Beteiligung auf einen eigenen Kandidaten verzichtete. Katharina Dworzak, die bisherige Zweite Bürgermeisterin, muss sich dieses Mal mit dem Amt der Dritten Bürgermeisterin begnügen. Der neue SPD-Fraktionssprecher, Thomas Fäth, machte zwar vor der Wahl noch einmal darauf aufmerksam, dass mit der Wahl der Bürgermeister auch die Fraktionsgrößen abgebildet werden sollten (die SPD hat zehn Sitze und die Grünen sechs), aber die CSU hielt ihren Kurs. Und der stand auf Neuanfang. „Wir wollen ein paar Sachen verrücken und anders machen“, bekräftigte auch der Bürgermeister den Wahlausgang. Die Stimmung im Rat war demnach deutlich geteilt. Lockeres und fröhliches Geplänkel unter den CSU-Räten, strahlende Gesichter bei den Grünen. Und eine um Fassung ringende SPD. Auch die sieben ungültigen Stimmen bei der Wahl von Dworzak zeigten, dass man von einer echten Einigkeit noch relativ weit entfernt ist. Die CSU hat offenbar nicht die Absicht, sich ihre Mehrheiten mit der SPD zu holen, sondern vielmehr mit den Grünen. In einer Pressemitteilung bezeichnete die SPD die Abwahl von Dworzak als „polittaktisches Vorgehen“.

Ob sich dieses Vorgehen allerdings wirklich auf das Abstimmungsverhalten der Grünen auswirkt, ist fraglich. Inhaltlich standen sie bisher meist der SPD näher. Die Probe aufs Exempel folgte noch am selben Abend — als es um den Vertreter im Zweckverband der Realschule Vaterstetten ging. Die CSU schlug CSU-Rätin Gerlinde Stießberger vor, da dieser Vertreter traditionell immer von der stärksten Fraktion gestellt werde. Dies ist die CSU mit 14 Mitgliedern.

„Dass traditionelle Wege nicht immer die richtigen sind, haben wir ja eben gesehen“, entgegnete Thomas Fäth. „Wir haben vor sechs Jahren auf das Amt verzichtet und bitten daher die CSU, dieses Mal zu verzichten.“ Darauf folgte ein kurzes Wortgefecht zwischen den beiden Fraktionsvorsitzenden von SPD und CSU. Dietrich Keymer fragte, was Fäth genau damit meine und Fäth fragte zurück, ob Keymer das ernst meine. „Natürlich“, antwortete Keymer. Daraufhin folgte eine Stille, bei der man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Fäth rang sichtlich mit sich und entschied sich, die Frage unbeantwortet zu lassen.

Bei der folgenden Abstimmung stimmte dann allerdings nur die CSU mit ihren 14 Stimmen für Gerlinde Stießberger. Der Rest des Gemeinderates samt Grüne und FDP-Rat, Peter Siemsen, stimmte für den von der SPD vorgeschlagenen, Peter Schießl. Mit ihren 17 Stimmen wählten sie ihn ins Amt. Bei der Wahl zum Vorsitzenden des Rechnungsprüfungsausschusses zeigte sich der gleiche Trend. Die SPD unterstützte den Grünen, Ton van Lier, gegen den CSU-Kandidaten, Christian Dörr. Wenn es in Abstimmungen also drauf ankommt, stehen sich Grüne und SPD immer noch näher.

Parteiübergreifend arbeiten und Sachthemen in den Mittelpunkt stellen. Das sind die Hoffnungen des neuen Bürgermeisters, doch er wird sich anstrengen müssen, um den Rat zusammen zu bringen und diese Einigkeit nicht nur symbolisch herzustellen.

Lydia Wünsch

Weitere Nachrichten aus der Region finden Sie in unserer Übersicht

Besuchen Sie

HALLO

auch auf Facebook.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare