„Einen Trauerverein finde ich schrecklich!“

Bei der „Plötzlich ist man alleine“-Gruppe in Grasbrunn wird viel gelacht

Ingrid Röser (Mitte vorne) hat die „Plötzlich ist man alleine“-Gruppe vor zehn Jahren gegründet.
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Ingrid Röser (Mitte vorne) hat die „Plötzlich ist man alleine“-Gruppe vor zehn Jahren gegründet.

Plötzlich ist man alleine. Und was dann? In der Gruppe für Witwer in Grasbrunn finden Menschen nach dem Tod ihres Partners wieder Halt. Ein Nachmittag bei dem Grasbrunner Treff, der alles sein will, nur kein Ort zum Trauern.

Im Kegelraum des Neukeferloher Bürgerhauses sprudelt an diesem Nachmittag der Prosecco, Gläser klirren, und der Schokoladenkuchen duftet. Dazwischen ein buntes Stimmengewirr. „Wer hat noch nichts zu trinken?“, „Wer möchte einen alkoholfreien Sekt?“ und „Jetzt fangen wir aber endlich mal an zu kegeln!“ Wer denkt, bei der „Plötzlich ist man alleine“-Gruppe aus Grasbrunn ginge es ums Trauern, der irrt sich gewaltig.

„Wir kommen zusammen, um zu lachen“, betont Ingrid Röser, die den regelmäßigen Treff vor bald zehn Jahren ins Leben gerufen hat. Sie selbst ist zwar keine Witwe, aber damals habe es eine Zeit gegeben, in der viele Bekannte verstorben seien. Die jeweiligen Partner waren dann plötzlich alleine und Röser schwer damit beschäftigt, Besuche abzustatten und ihre Freunde mit ihrer fröhlichen Art ein wenig aufzumuntern. Eines Tages kam sie auf die Idee, ihre Freunde alle bei sich zu Hause zu einem gemütlichen Treffen zu vereinen. Es wurde gegrillt und gelacht. Und bei diesem einen Treffen sollte es nicht bleiben. „Bei mir zu Hause wurde es bald zu eng für so viele Leute und so kam die Idee auf, regelmäßige Treffen und Ausflüge zu veranstalten und das Ganze ein bisschen größer anzugehen“, sagt sie. Im Vordergrund sollte von Anfang an die Aktion und die Fröhlichkeit stehen. Dementsprechend werden bei den Treffen Karten- oder Brettspiele gespielt, es wird gekegelt, zusammen gegrillt oder auch mal längere Fahrten nach Zell am See oder Hamburg unternommen. „Wir waren sogar schon zusammen auf Madeira“, schwärmt Röser und ihre Augen leuchten, wenn sie davon erzählt. Mittlerweile gibt es etwa 100 Mitglieder. Fest etabliert haben sich die Sonntagstreffen ab 14 Uhr immer am ersten und dritten Sonntag im Monat im Wirtshaus am Sportpark. Und was Ingrid Röser besonders freut ist, dass sich die Teilnehmer jetzt untereinander treffen, unabhängig von den zahlreichen sonstigen Angeboten.

Wichtig war bei der Gründung damals auch der Name für die Gruppe. Natürlich sollte er suggerieren, dass dort vor allem Menschen zusammen kommen, die ihren Partner verloren haben und jetzt eine neue Perspektive suchen. Mit „Plötzlich ist man alleine“ schien der perfekte Name gefunden. „Ich habe das in der Zeitung gelesen und mich sofort angesprochen gefühlt“, sagt etwa Erika S. Zwei Monaten war ihr Mann damals tot, und sie wusste, dass sie ihr Leben nicht damit verbringen wollte, zu Hause zu sitzen und zu trauern. Zumindest nicht ausschließlich. „Natürlich trauert man trotzdem, wenn man alleine zu Hause ist“, sagt Erika – und wenn sie sich daran erinnert, kommen ihr sofort wieder die Tränen, „aber es tut so gut, wieder raus zu kommen und lachen zu können“. Erika lächelt tapfer. „Wenn man dann ein Spiel mit netten Leuten spielt und jemand macht einen Witz, dann lacht man automatisch mit, selbst wenn einem kurz zuvor noch nicht danach war. Das ist einfach toll hier.“

Einen klassischen Trauerverein, bei dem man zusammen kommt, um über die Vergangenheit zu sprechen, könnten sich die meisten Teilnehmer nicht vorstellen. „Das finde ich ganz schrecklich!“, ruft Mitglied Maria aus.

Herbert S. und Elfriede W. lernten sich bei den regelmäßigen Treffen kennen und verliebten sich ineinander.

„Klar haben wir auch mal neue Mitglieder, die gerade ihren Partner verloren haben und dann erst mal überfordert mit der Fröhlichkeit sind“, sagt Röser. „Die kommen dann zu mir und sagen: ‚Tut mir leid Ingrid, aber dass andere Menschen lachen, ertrage ich jetzt noch nicht.‘ Dann bitte ich sie immer, trotzdem wieder zu kommen und es einfach zu versuchen.“ Seid doch froh, wenn man wieder lachen kann, sagt sie den Menschen — und die meisten kommen tatsächlich wieder. Hier finden sie eine Gemeinschaft, in der sie aufgefangen werden. Ein bisschen fühlt es sich fast an wie eine zweite Familie. Und manchmal, da kommt es sogar vor, dass zwei Menschen sich in der Gruppe zusammen finden, wie Elfriede und Herbert. „Am Anfang habe ich schon gesehen, dass die beiden sich beim Kegeln immer so angelächelt haben“, erinnert sich Röser und grinst. „Irgendwann kamen sie dann und verkündeten, dass sie jetzt zusammen sind.“ Und obwohl sie jetzt nicht mehr alleine sind, kommen sie immer noch gerne zu den Treffen, um mit den anderen zu lachen und auf das Leben anzustoßen. Denn wie Röser fröhlich verkündet: „Die haben immer was zu feiern!“

Lydia Wünsch

Wer die Gruppe kennen lernen möchte, Infos gibt es bei Ingrid Röser, Tel. 089/460 41 92 oder E-Mail an family.roeser@ t-online.de.

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