Unverzüglich! Ab sofort! Und keiner war bereit...

Der Grasbrunner Günther von Lojewski und der 9. November 1989, die größte Geschichte seines Lebens als Journalist

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Günther von Lojewski war plötzlich in der Mitte des Weltgeschehens – während Team und Technik in Warschau steckte.

Grasbrunn – Der Berliner Mauerfall jährt sich heuer zum 30. Mal. Erbaut wurde die Mauer von der DDR 1961 als „antifaschistischer Schutzwall“ zwischen der damaligen DDR im Osten und der westlich gelegenen BRD sowie um des Westteils Berlins herum. Ortsansässig war hier der Sender Freies Berlin (SFB) als öffentlich-rechtliche Sendeanstalt und mit einem weit in die DDR hineinreichenden Sendemasten. Gerade einmal fünf Monate im Amt, erlebte Günther von Lojewski als Intendant des SFB den Mauerfall. Heute lebt er in Grasbrunn, wo HALLO-Mitarbeiterin Anna Redinger mit ihm sprach.

HALLO: 1989 war ein unruhiges Jahr. Ab Mai baute Ungarn die Grenzbefestigung zum Westen zurück. Litauen erklärte seine Unabhängigkeit. Im Juni löste das Militär die Besetzung des Platzes des himmlischen Friedens in Peking gewaltsam auf. In Polen ziehen im Juni erstmals freigewählte anti-kommunistische Abgeordnete ins Parlament ein. Am 3. November durften weitere 5000 DDR-Bürger aus der Prager Botschaft per Zug über die DDR in den Westen reisen. In Ost-Berlin fordern tags drauf bei der Demonstration Hunderttausende DDR-Bürger Reformen, freie Wahlen, Presse- und Meinungsfreiheit. Hat man in West-Berlin gespürt, da muss jetzt etwas passieren?

von Lojewski: Na ja, es gab da noch ein anderes Faktum. Nach dem erzwungenen Abgang von Erich Honecker hatte sich ein neues Politbüro gebildet mit Egon Krenz und Günter Schabowski an der Spitze. Dieses hat, um die Ausreisewilligkeit der DDR-Bürger ein bisschen zu begrenzen, eine neue Reiseverordnung geschaffen, die den DDR-Bürger die Ausreise zwar erlaubte – dies aber mit nur wenig Bargeld. Darüber beschwerten sich die DDR-Bürger wie die Partnerstaaten, in die die DDR-Bürger reisten. Daher musste die DDR innerhalb weniger Tage die Reiseverordnung wieder ändern, woraus man deutlich sehen konnte, sie waren im Grunde nicht mehr Herr ihrer Beschlüsse. Nun kam da noch die größte Massenveranstaltung mit Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz hinzu, bei der auch Günter Schabowski eigentlich alles begründen wollte. Hier entstand eine Situation, in der beispielsweise der damalige Intendant des DDR-Fernsehens Hans Bentzien den Eindruck hatte, „diese ganzen Dinge addierten sich dazu, dass die DDR am Ende ist“. Das hat er mir später einmal gesagt.

Ich füge hinzu: im Gegensatz zu manch anderem, — auch im Gegensatz zu Walter Momper (SPD), der erst wenige Monate Regierender Bürgermeister war – hatte ich private Hinweise aus dem Auswärtigen Amt, die wiederum aus den Botschaften in den Ostblockstaaten stammten: „Die DDR hält nicht mehr lange.“

Wie verlief für Sie der 9. November? Haben Sie die Grenz­öffnung erwartet?

Das Zentralkomitee der SED tagte, und was neu war: Egon Krenz informierte das Zentralkomitee über die von der Regierung getroffenen Entscheidung über die neuen Reisebestimmungen. Um 18 Uhr begann die internationale Pressekonferenz, die erstmals Schabowski gegeben hat. Es war wohl so, dass Krenz sowie Schabowski nicht die ganze Zeit in der Sitzung dabei waren. Schabowski bereitete die Pressekonferenz vor, und Krenz hatte am Nachmittag den Ministerpräsidenten Johannes Rau zu Gast. Dieser hat später versichert, er habe von Krenz keinen Hinweis bekommen auf eine neue Reiseregelung.

Als sich gegen 18 Uhr die Sitzung von Politbüro und Zentralkomitee begann aufzulösen, hat Krenz gesagt: „Ach! Da haben wir noch die neue Reiseregelung. Ist da einer dagegen?“ Das haben die alle mehr oder weniger im Rausgehen abgenickt. So hat es Günter Schabowski mir immer wieder gesagt. Dann hat Krenz Schabowski dieses Papier mit der Reiseregelung in die Hand gegeben mit den Worten: „Das wird ein Knüller!“ Die Pressekonferenz spulte Günter Schabowski routiniert ab. Die war stinklangweilig. Dann hat gegen 18.57 Uhr ein italienischer Kollege gefragt: „Was ist denn nun mit der neuen Reiseregelung?“ Schabowski verlas die Regelung. Und auf die Frage, ab wann das gültig ist, antwortete er: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ab sofort…, unverzüglich…“. In Wahrheit stand wohl auf der Rückseite. „Gilt ab 10. November 6 Uhr“. Günter Schabowski hat mir gesagt, sie hätten ein Signal setzen wollen, dass diese Reiseregelung nicht mehr von der Partei beschlossen wurde, sondern von der Regierung.

Wie haben Sie von „dem Knüller“ erfahren? Schließlich gab es im November 1989 noch keine modernen Handys.

Es war ein ziemlich trister 9. November, es war kühl und nebelig. Der einzige Höhepunkt des Tages war die Verleihung der Goldenen Kamera. Tout le monde war bei dieser Veranstaltung im Springer-Verlag, die gegen 19 Uhr zu Ende war. Wenige Minuten später kamen Leute auf mich zu und fragten: „Hast du gehört, was in der DDR passiert ist?“ Da habe ich etwas getan, was man als Gast nicht tut, und mich im Springer-Hochhaus zu den Kollegen in die Fernschreibzentrale begeben. Hier lagen die Eilmeldungen: „Neue Reiseregelung in der DDR. Gilt unverzüglich! Gilt ab sofort!“ „Wenn das so ist“, habe ich mir gesagt, dann ist der Empfang zu Ende, dann gehst du in dein Büro“.

Was hat Sie dort erwartet, waren die Redakteure bereits vor Ort?

Bundeskanzler Helmut Kohl war in diesen Tagen zu Besuch in Polen, und ich hatte zuvor erreicht, dass erstmals ein SFB-Team samt Übertragungswagen ihn in ein Schwesterland der DDR begleiten durfte. Unsere besten Leute und das beste Equipment waren daher in Warschau, und in Berlin spielte die Musik! Kein Mensch interessierte sich für Helmut Kohl. Der einzig erfahrene Kollege Jochen Sprentzel war von der Sportredaktion, der Walter Momper, der ebenfalls in den Sender gefahren war, in der Abendschau interviewte. Mit leitenden Kollegen beschloss ich: Wir senden den ganzen Abend volles Rohr. Mein Fernsehdirektor Horst Schättle, der auch erst wenige Tage im Amt war, machte das dritte Programm. Ich kümmerte mich um die ARD. Die war mir wichtig. Und so übernahm ich an diesem Abend auch den Kommentar, was für einen Intendanten sonst nicht üblich war. Aber der Anlass war es wirklich wert.

Rund 35 Redakteure, Kameraleute und Tontechniker wurden sofort mit allem, was noch an Technik da war – veraltet oder auch verstaubt, aber eben nicht in Warschau – zu den Übergängen in Stadt geschickt. Die Kollegen waren hoch motiviert. Wir waren ja die einzigen, die um diese Zeit präsent waren. Vom SFB-Sendemasten aus wurde sogar fast in die gesamte DDR gesendet.

Der Hörfunk berichtete non-stop. Wir hatten den Aufmacher in der Tagesschau. Gegen 21 Uhr erfolgte eine erste Sondersendung auch in der ARD. Gegen 22.30 Uhr rief Hanns Joachim Friedrichs, der Moderator der Tagesthemen, noch einmal an. Er gehe jetzt ins Studio und wolle sich seiner Anmoderation sicher sein: „Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Ich bestätigte ihm das Wort für Wort.

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