Aufregung um geplanten Wildtiertunnel an der A99 bei Grasbrunn

„Das wäre auch billiger gegangen!“

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Auf dieser Brücke sind nie Autos gefahren. Den Weg darunter nutzten aber immerhin Wildtiere, Landwirte sowie die Feuerwehr. Seit Monaten wird das Bauwerk nun zurückgebaut.

An der A99 entsteht derzeit ein über 5 Millionen Euro teurer Wildtiertunnel. Neben Füchsen, Fledermäusen, Igeln und sonstigen schützenswerten Tierchen sollen nur Fußgänger das Bauwerk nutzen dürfen. Landwirte und Feuerwehr sind deswegen sauer. Die Autobahndirektion dagegen verteidigt ihre Pläne.

Wer bei Grasbrunn entlang der A99 spaziert, darf nicht lärm- empfindlich sein. 140.000 Fahrzeuge donnern täglich über die Münchner Ostumfahrung, Tendenz steigend. Dass sich Wildtiere, die im Bereich der Autobahn leben, von ein paar zusätzlichen Autos ernsthaft gestört fühlen könnten, ist daher nicht anzunehmen. Findet zumindest der Grasbrunner Gemeinderat und Landwirt Hannes Bußjäger.

Die Autobahndirektion Südbayern sieht dies jedoch anders. Aus diesem Grund soll die neue Unterführung unter der Autobahn, die derzeit gebaut wird und stolze 5,5 Millionen Euro kosten soll, auch nur für Fußgänger und – vor allem – geschützten Wildtieren zur Verfügung stehen. Landwirte, die Feuerwehr und die Straßenmeisterei dürfen nicht durch, da sie die Tiere auf ihrem Weg von einer Seite der Autobahn zur nächsten stören könnten.

„Totaler Schwachsinn“, sagt Bußjäger dazu nur. Denn wieso solle ein Fußgänger ein wildes Tier weniger stören als ein Auto? „Rehe laufen vor Spaziergängern genauso davon wie vor meinem Traktor!“ Zudem müssten Feuerwehr und Landwirte nun lange Umwege in Kauf nehmen, die – vor allem für die Einsatzkräfte der Feuerwehr – im Notfall für entscheidende Verspätungen sorgen können. Auch der Preis von geschätzten 5,5 Millionen Euro für den neuen, zehn Meter breiten und fünf Meter hohen Tunnel ist in Bußjägers Augen völlig unverhältnismäßig: „Wenn ich schon eine Querung nur für Wildtiere bauen muss, dann wäre das mit Sicherheit auch billiger gegangen!“

Bei der Autobahndirektion sieht man die Wut Bußjägers gelassen. Die Vorgeschichte des Bauwerks reicht schließlich schon Jahrzehnte zurück. Die bisherige Unterführung war für die geplante A87 von München nach Rosenheim gebaut worden. Als das Autobahnprojekt jedoch ersatzlos gestrichen wurde, verlor auch die bereits fertiggestellte Brücke ihren Sinn. Während Landwirte und Feuerwehr den breiten Durchstich noch jahrelang gerne nutzten, machte man sich bei der Autobahndirektion Gedanken darüber, wie man mit der sinnlosen Brücke weiter verfahren sollte.

2014 schließlich fiel laut Josef Seebacher, Sprecher der Autobahndirektion, schließlich der Entschluss, das marode Bauwerk zurückzubauen. Ein kompletter Abriss sei nicht möglich gewesen, da sich die Brücke im Lauf der Jahre zu einer beliebten Tierquerung entwickelt habe. Im März 2014 sei schließlich der Planfeststellungsbeschluss für das aktuelle Konzept gefallen. Einspruch gab es hierfür lediglich vom Bauernverband. Dessen Argument, „dass es für den forstwirtschaftlichen Betrieb eine erhebliche Erleichterung wäre, wenn der Durchlass als abkürzender Wirtschaftsweg für Holztransporte in Ost-West beziehungsweise West-Ost-Richtung ausgestaltet würde, verkennt grundlegend die Konzeption und Zielsetzung des Vorhabens“, betont Seebacher. Überhaupt sei schon die alte Unterführung nicht für den Autoverkehr vorgesehen gewesen, „es gab und gibt keinen Wirtschaftsweg, der den Landwirten zur Verfügung stand“. Zudem hätten Fachbüros und Naturschutzbehörden für das neue Bauwerk nun ein umfassendes Konzept mit Leitstrukturen entwickelt, „das die gefährdeten Tierarten zur neuen Brücke hinführt“. Autoverkehr sei da einfach störend, so die Argumentation der Behörde.

„Aber wir sprechen doch nicht von tausenden Fahrten“, hält Landwirt Bußjäger dagegen. Und apropos störend: Nun müsse er schweres forstwirtschaftliches Gerät oder Holz eben auf seinem Tieflader durch den Ort transportieren. Dies dürfte zwar Fledermäuse oder Rotfüchse nicht mehr stören, aber dafür wohl die Menschen.

Da die Autobahndirektion zum Jahresende die Baumaßnahme abschließen und dazu im Frühjahr die zweite Bauphase starten will, hofft Bußjäger mit seinem Protest nun, vielleicht doch noch ein Umdenken erreichen zu können. Wenn das Bauwerk einmal stehe, „will ich mich nicht fragen müssen: Warum hat keiner was gesagt?“ Was die Feuerwehr angeht, kann Autobahn-Sprecher Seebacher zumindest einige Sorgen zerstreuen: „Im Notfall bei Gefahr im Verzug darf die Feuerwehr überall hinfahren. Es wird nur im Südosten der Tierquerung keinen Weg geben, so dass es für die Feuerwehr keinen Sinn macht, diese Stelle zur Querung der Autobahn mit Feuerwehrfahrzeugen zu nutzen.“ Dazu würden sich die etwas weiter südlich gelegenen Unterführungen mit durchgehenden Wege- beziehungsweise Straßenverbindungen wesentlich besser eignen.

Theoretisch möglich wäre übrigens auch, dass ein Bürger sich einfach selbst einen Weg zur Querung baut. Empfehlen kann Seebacher dies allerdings nicht: „Dazu müsste er die Planungen für einen Weg erstellen, die gesamte Tier- und Pflanzenwelt kartieren, mit den Naturschutzbehörden eine Lösung für vermutlich eine neue etwas entfernt liegende Unterführung erarbeiten, dazu die Zuwegung auf unsere Tierquerungskorridore abstimmen, die Grundstücke für die Wegeführung kaufen, die Baulast einschließlich Verkehrssicherungspflicht für den Weg übernehmen, ein Rechtsverfahren zur Genehmigung des Weges durchführen und anschließend die neue Unterführung und den Weg auf eigene Kosten bauen und auf Dauer erhalten und erneuern beziehungsweise die Mehrunterhaltungskosten ablösen.“ Dass sich das ein Landwirt antut, glaubt Seebacher, sei aber „ziemlich unrealistisch“.

Gantzer fragt

Auch der Haarer SPD-Landtagsabgeordnete Peter Paul Gantzer ist über die Brückenpläne irritiert. In einer Anfrage an Landtagspräsidentin Barbara Stamm will er wissen, ob die 5,5 Millionen Euro teure Unterführung bei Grasbrunn tatsächlich nur für Tiere und Fußgänger gedacht ist und ob nicht doch Ausnahmegenehmigungen für Landwirte und Feuerwehrfahrzeuge erteilt werden könnten. Eine Antwort steht aus.

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