Zusammen geht’s nicht mehr

Jahrelang haben sie eng zusammengearbeitet, nun herrscht Eiseskälte: Wegen Unzufriedenheit mit dem Führungsstil von Brunnthals Bürgermeister Stefan Kern (CSU) ist dessen Parteikollege Arthur Wendelgaß aus dem Ortsverband der Partei ausgetreten. Kern ist über den Schritt „erleichtert“ und sieht sich als Opfer einer Diffamierungskampagne.

Über Jahre hinweg schien kein Blatt Papier zwischen CSU-Gemeinderatsmitglied Arthur Wendelgaß und seinem „Chef“, Bürgermeister Stefan Kern, zu passen, Harmonie pur prägte das Verhältnis. 2008 hatte er sogar den Wahlkampf geleitet und Kern mit starkem persönlichen Einsatz unter die Arme gegriffen. Nun ist das Tischtuch zwischen den beiden zerschnitten: Einen Tag vor Silvester erklärte Wendelgaß seinen Austritt aus dem CSU-Ortsverband Brunnthal-Hofolding. Es sind harsche Vorwürfe, die das Gemeinderatsmitglied gegenüber dem Verwaltungschef erhebt: Von „Heuchelei“ ist die Rede, von „Ignoranz“, „Inkompetenz“ und „Maulkorberlass“ sowie davon, dass der Führungsstil des Rathauschefs „selbstherrlich“ und die Wahlkampagne eine Farce gewesen sei: Nahezu alle Wahlversprechen seien über Bord geworfen worden: „Unsere Kampagne entsprach nicht der Wirklichkeit.“ Mehr noch: Knapp zwei Jahre nach der Kommunalwahl zeichnet Wendelgaß ein düsteres Bild von den Zuständen seines Ortsverbandes: Kern, so der Hauptvorwurf des ehemaligen Parteikollegen, habe die CSU-Riege im Rathaus in fast allen zentralen Belangen der Kommunalpolitik übergangen, um keine Mitwisser um sich zu scharen und die Amtsgeschäfte alleine leiten zu können. Der Vorstand werde konsequent in den Entscheidungen geschnitten, er, Wendelgaß, sollte bereits in der konstiuierenden Vorstandssitzung nach der Wahl „rausgehauen“ werden: „Mit Erstaunen mussten wir feststellen, dass Kern zur Sitzung laden ließ – ohne Gemeinderatsmitglieder. Scheinbar passte es Kern nicht, dass die Fraktion all sein Handeln nicht mehr kommentarlos absegnete.“ Weiter führt Wendelgaß an, dass Kern sich offensichtlich nicht bewusst sei, welchen politischen Scherbenhaufen er bereits angerichtet habe: So hätten sämtliche Erzieherinnen der gemeindlichen Betreuungseinrichtungen wegen „nicht geregelter Kompetenzen“ gekündigt. „Ein Fakt, der Kern scheinbar kalt ließ“, wie Wendelgaß resümiert. „Klare Verhältnisse“ Der Rathauschef selbst fühlt sich vor allem eines: erleichtert. Erleichtert darüber, dass nun „klare Verhältnisse geschaffen sind“. Schon lange habe „die Chemie zwischen uns nicht mehr gestimmt“, räumt der Brunnthaler Bürgermeister ein. Dass Wendelgaß nunmehr den Schritt vollzogen hat und aus dem Ortsverband der CSU ausgetreten ist, bewertet das Gemeindeoberhaupt als „logische Konsequenz“ aus dem, was sich spätestens seit der Kommunalwahl 2008 abgezeichnete: Immer häufiger war es zu Ungereimtheiten gekommen, die verbalen Angriffe des 51-jährigen Lokalpolitikers gegenüber Kern hatten an Schärfe zugenommen. Zuletzt war sogar eine Schlichtungsrunde unter der Moderation des Landtagsabgeordneten Ernst Weidenbusch einberufen worden. Vergeblich, wie es der Bürgermeister im Nachhinein sieht: „Nie konnte man es ihm recht machen, er hat einfach an allem rumgemäkelt.“ Kern sieht sich als Opfer einer persönlich gefärbten Diffamierungskampagne, will aber die Inhalte nicht näher kommentieren: „Die Vorwürfe von Herrn Wendelgaß sind sachlich falsch. Ich könnte zu jedem Punkt etwas sagen, aber das bringt uns jetzt auch nicht weiter.“ Übel nimmt er seinem Ex-Parteikollegen lediglich, dass er versucht habe, seine Privatsphäre politisch zu instrumentalisieren: So habe er Kern aufgefordert, sich zur Trennung von seiner Frau öffentlich zu äußern, um das seiner Ansicht nach beschädigte Familienbild der Union wieder geradezurücken. „Ich verbitte mir solche Einmischungen, das ist ausschließlich meine Privatangelegenheit. Die Zeit war sowieso schlimm genug.“ CSU-Fraktionsvorsitzender Thomas Mayer war perplex, als er am Neujahrstag die „persönliche Stellungnahme“ von Wendelgaß im Internet las. Wie Kern wittert auch er eine persönliche Abrechnung seitens des Ex-CSU-Politikers und bedauert die Entscheidung: „Den Stuhl zu räumen, wenn es Probleme gibt, das ist immer die schlechteste Lösung.“ Viele der Sachverhalte, die hinter den Vorwürfen stecken, seien in Wirklichkeit Bagatellen und hätten in Gesprächen beseitigt werden können. Die Animositäten Wendelgaß’ gegenüber dem Bürgermeister seien wohl unüberbrückbar gewesen: „Das ist zwar nicht schön, doch so etwas passiert eben – bei den Kleinen wie bei den Großen.“ Kein Kurswechsel In der kommenden Fraktionssitzung der Partei, die immer vor der Gemeinderatssitzung stattfindet, werde man über die weitere Entwicklung beraten. Dass Wendelgaß künftig nicht mehr für die CSU seine Hand heben wird, sondern als Parteiunabhängiger agieren will, lässt Mayer kalt: „Jetzt müssen wir halt schauen, dass die CSU die Stärke erreicht, die sie vorher gehabt hat und dass wir uns nicht um uns selber, sondern um Gemeindethemen kümmern. Weil es so nicht weiter geht.“ Auch für die UBW kam der Austritt nicht überraschend: Es sei offensichtlich gewesen, dass es „Probleme“ zwischen den beiden gegeben habe, schildert Sylvester Schuster. Die Mehrheitsverhältnisse im Kommunalparlament sieht er jedoch nicht verändert: „Weil wir diese Situation schon ein Jahr lang hatten.“ Ernst Portenlänger (SPD) glaubt ebenfalls nicht, dass es einen Kurswechsel geben wird: „Der Gemeinderat arbeitet sachbezogen und nicht parteipolitisch.“ Auch Erich Meuthen (Grüne) hätte nicht gedacht, dass Wendelgaß so weit gehen würde – und sieht Unstimmigkeiten in der CSU mächtig am Brodeln: „Ich denke, dass da viel in der Partei vorgefallen ist.“ Nicht zu der Angelegenheit äußern wollte sich Christian Schleich (PWB): „Das ist ein heikles Thema.“ Rafael Sala

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