Radeln in Deutschland

Zaid aus Jordanien verbrachte ein Jahr in Neubiberg

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Zaid, hier mit seiner Gastmutter Imke Vannahme, wundert sich über geschlossene Geschäfte am Sonntag.

„Der Gastschüler sollte Fahrrad fahren können, sonst hätte er nicht zu unserem Familienkonzept gepasst“, sagt Imke Vannahme. Und hatte diese Bedingung vorab auch in einen Fragebogen eingetragen, den die internationale Austauschorganisation Youth For Understanding (YFU) von potenziellen Gasteltern beantworten lässt. Denn die Vannahmes verbringen die Wochenenden gerne bei Touren auf dem Fahrrad, so um die 50 Kilometer fahren sie dann schon mal. Da sollte ein Familienmitglied, auch wenn es nur für ein Jahr da ist, schon mitfahren können.

Und der 16-jährige Zaid aus Jordanien kann Fahrrad fahren und passte auch sonst gut in die Familie der Vannahmes. Seit fast einem Jahr ist er bei ihnen nun zu Gast, besucht auch die elfte Klasse des Neubiberger Gymnasiums. „Das ist eine sehr gute Schule“, findet er. Er hat schnell Freunde gefunden, auch wenn er kaum andere arabischsprachige Schüler traf. Am Goethe­-Institut in Amman bereitete er sich mit einem Deutschkurs vor, außerdem spricht er englisch. Ein großer Unterschied war für ihn das andere Essen: „In Jordanien essen wir viel Reis und Fleisch, allerdings kein Schweinefleisch. Und trinken keinen Alkohol“, erzählt er. „Das war im Semmel mit Leberkäs- und Bierland Bayern natürlich nicht ganz einfach“, lacht Imke Vannahme. „Aber mein Mann arbeitet von zu Hause aus und kocht dann auch für unsere 18-jährige Tochter und Zaid.“ Vor allem das Wetter gefällt Zaid gut in Deutschland, hier sei alles so grün. In Jordanien sind es oft bis zu 35 Grad warm. In diesem Jahr nur 30 Grad, das sei gut, erzählt er. Er kommt aus der Hauptstadt Amman, von den 10,5 Millionen Einwohnern des Landes wohnen 4,5 Millionen in der Region um die Metropole. 

Deutschland war für Zaid nicht ganz unbekannt: 2017 war er bereits als Austauschschüler für fünf Wochen im Lande, sein Vater bereiste Deutschland bereits mehrfach aus beruflichen Gründen. Auch die Vannahmes sind international: Der Sohn studiert derzeit Mathematik in Kyoto in Japan, deshalb ist auch sein Zimmer für Zaid frei. Und Imke Vannahme nahm in den 80er-Jahren selbst an einem Austauschprogrammen in die USA teil, was ihr sehr gut gefiel. „Es gibt bei uns eine lange Historie beim internationalen Austausch“, erzählt sie. Im letzten Jahr war eine Japanerin bei der Familie zu Besuch. „Man muss sich natürlich aufeinander einstellen, der Gastschüler hat eine andere Familie, eine andere Erziehung und Kultur erlebt. Bei uns ist er dann auch Teil der Familie.“ Aber das habe mit Zaid gut geklappt. Das schockierendste Erlebnis sei für ihn gewesen, dass am Sonntag die Geschäfte alle zu sind, berichtet Vannahme. „In Amman ist für uns der Freitag wie euer Sonntag, aber die Geschäfte haben so gut wie immer auf.

Und es gibt auch keine Läden in einer Straße aneinandergereiht, sondern die sind in shopping-malls alle an einem Platz, inklusive Klimaanlage“, erzählt Zaid. Er möchte Schiffsbauer werden. Und dafür vielleicht für das Studium nach Deutschland zurückkommen. Denn Jordanien hat nur einen sehr kleinen Zugang zum Wasser, die Schiffsbauindustrie ist daher nicht so groß.

Gastmutter Imke Vannahme empfiehlt die Erfahrung uneingeschränkt: „So ein Austauschschüler bereichert ungemein. Man kann ein bisschen in eine andere Kultur reinschnuppern und sich selbst hinterfragen, was man so für wichtig hält. Es erweitert auf alle Fälle den Horizont!“

Claudia Engmann

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