Der Schreibmaschinen-Flüsterer

Wilhelm Engels aus Neubiberg repariert schon seit über 40 Jahren Maschinen aller Art

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Wilhelm Engels mit einer alten Adler Favorit. Oben rechts der berühmte „Kugelkopf“, unten rechts das Innenleben einer Kugelkopfschreibmaschine.

Repair-Cafés schießen aus dem Boden, alle Welt spricht von Müllvermeidung. Ein Prinzip, das Wilhelm Engels aus Neubiberg schon seit über 40 Jahren beherzigt. Angefangen hat alles mit einem Aufziehauto, das sein Vater ihm zu Weihnachten schenkte. Er spielte kurz damit, baute es dann auseinander um zu sehen wie die Technik im Inneren funktionierte. Das war der Beginn einer typischen Techniker beziehungsweise Mechaniker-Karriere. Er lernte dann bei der Firma Büroeinrichtungshaus Finkenzeller in München Büromaschinenmechaniker: Schreib- und Rechenmaschinen, Anrufbeantworter, Diktiergeräte, Aktenvernichter, Offset- und Umdruckmaschinen, Lese- und Faxgeräte wurden seine Welt, denn all diese Geräte gehörten zu seinem Aufgabengebiet. Nach der Bundeswehrzeit landete er bei der Firma Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) in Ottobrunn. Dort blieb er sechs Jahre, machte seinen Meister in Büro- und Informationstechnik und sich dann selbständig. Das war 1980.

In seiner Zeit bei MBB hat er die Vorzüge von IBM Kugelkopfschreibmaschinen kennen und schätzen gelernt. „Das ist wie bei einer Harley, im Vergleich zu allen anderen Motorrädern. Der Sound, das Vibrieren und das Relax Gefühl bei Cruisen,“ sagt Engels, „da spielt das Geräusch, das Gefühl in den Fingern, die Sitzposition, die Optik, das Äußere der Maschine, da spielt alles mit. Die Kugelkopfschreibmaschine hat einfach einen ebenso satten, schönen Anschlagton“, schwärmt er. Noch heute gibt es Liebhaber, die sich eine alte IBM bei ihm reparieren lassen oder kaufen. Auch die Weltmeisterschaften im Schnellschreiben wurden mit der IBM Kugelkopfschreibmaschine durchgeführt, erzählt Engels, „weil das Gefühl beim Anschlag gut ist und die Umsetzung vom Auslösen der Taste bis hin zum Abschlag auf dem Papier am Schnellsten übertragen wird. Bei MBB hatten wir damals einige hunderte Maschinen. Aber damals nahm man sich auch noch die Zeit, um die Maschine regelmäßig zu warten.“ Das dauerte dann einen ganzen Tag: alles wurde auseinander gebaut, Motor und diverse Teile entfernt, die Maschine kam in ein Reinigungsbad, dann wurde wieder alles zusammengesetzt. Die Maschinen hielten dann auch. Heute geht alles nach maximal drei oder vier Jahren kaputt oder ist durch neue Technik einfach überholt, bedauert Engels.

Früher wurden die Schreibmaschinen auch sehr oft von Speditionen gekauft: durch die gute Qualität konnten hier vier bis fünf Durchschläge bei den Frachtbriefen, die man benötigte, in ordentlicher Qualität getippt werden. Heute sind es noch Notare, Rechtsanwälte, Schriftsteller und andere Nostalgie-Liebhaber, die diese Maschinen bei ihm reparieren lassen. Noch neue Originalersatzteile lagern bei ihm in Schubläden und Regalen. Für nicht vorhandene spezielle Ersatzteile kauft er alte Kugelkopfschreibmaschinen aus dem Internet zu, denn Ersatzteile werden für diese Maschinen nicht mehr hergestellt.

Aus Österreich, Italien, Schweiz und Frankreich kommen die Maschinen zur Reparatur zu ihm, aber es „wird immer weniger“, wie er sagt. Die Übergabe der Geräte muss dabei oftmals wie in einem Agentenfilm erfolgen: da trifft er sich an einer Autobahnausfahrt mit einem Fahrer von einer Mitfahrzentrale. Der bringt und holt die Schreibmaschine vom Haus des Kunden. „Die Anlieferung ohne Beschädigung war ein großes Problem. Egal wie die Maschine verpackt war, selbst mit Luftpolstern gut verpackt, kam es zu Gehäusebruch und andere Schäden, weil die Auslieferer die Pakete leider sehr unvorsichtig behandeln und werfen“, erzählt Engels.

Er bezeichnet sich selbst als „Techniker aus Leidenschaft“ und sagt: „Ich bin ein Reparierer und weniger ein Verkäufer. Zu 99 Prozent repariere ich alles, es widerstrebt mir einfach, etwas noch Gutes wegzuschmeißen. Nur wenn es mal gar nicht mehr anders geht“. Mittlerweile ist er in Pension, das Klingelschild mit den Öffnungszeiten ist überklebt mit dem Hinweis „nur nach telefonischer Vereinbarung“. Einzelne Aufträge nimmt er natürlich noch an: wie beispielsweise einen geliebten Toaster, der das gleiche Dekor wie das Hochzeitsgeschirr von vor 40 Jahren hat und wieder benutzt werden soll. Den brachte er wieder zum Laufen, denn er kann im Prinzip alles reparieren, was Mechanik und Elektrik enthält, wie er sagt. Und die Kugelkopfschreibmaschinen von IBM, da ist er vermutlich in Deutschland oder sogar Europa einer der letzten Experten. Es gibt nur noch einen Kollegen in der Schweiz, soweit er weiß. „Wir sind so etwas Ähnliches wie Dinosaurier“, sagt er mit einem Schmunzeln. Wer die Schreibmaschinen dann noch repariert, wenn er aufhört? Einen Nachfolger für den Betrieb gibt es nicht. 

Claudia Engmann

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