Verstöße melden oder dulden?

Wenn Alltägliches plötzlich zum moralischen Dilemma wird

Die Bürger sollen Zuhause bleiben. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Treffen nun auf dem Balkon stattfinden dürfen.
+
Die Bürger sollen Zuhause bleiben. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Treffen nun auf dem Balkon stattfinden dürfen.

Landkreis – Ich habe mich so sehr an die Stille gewöhnt, dass ich mich richtig erschrecke, als ich abends auf den Balkon trete. Stimmengewirr dringt zu mir vor, lautes Lachen, freudiges Geplauder. Die Ursache ist schnell ausgemacht. Wie auf dem Präsentierteller sitzen sechs junge Erwachsene, vielleicht Anfang 20, schräg gegenüber auf einem Balkon, der dafür schon unter normalen Umständen viel zu klein wäre. 

Es werden Köpfe zusammengesteckt, um gemeinsam aufs Smartphone zu schauen, Pizzen geteilt, zusammen angestoßen. Ich bin entsetzt. Eine dieser Corona-Partys, von denen immer mal wieder in den Medien zu hören ist, direkt vor meinem Balkongeländer. Normalerweise wäre der Umstand, dass sechs Freunde bei schönem Wetter zusammen Pizza essen, maximal eine Randnotiz in meinem Kopf. Normalerweise. Jetzt bestimmt er meine Gedanken. 

Nach dem ersten Schock überschlagen sich schon die Fragen. Soll ich einmal quer über den Innenhof rufen und die Jugendlichen ermahnen? Oder muss ich die Polizei verständigen? Und warum macht denn kein anderer etwas?! Ich erwische mich dabei, wie ich die Stockwerke abzähle, überlege, welche Hausnummer es sein könnte. Aber ich verwerfe den Gedanken wieder. Ich kann als Mittzwanzigerin nun wirklich nicht die Person sein, die das meldet. 

Das Anschwärzen der Nachbarn wegen zu lauter Partys ist doch für gewöhnlich Senioren vorbehalten. Aber die Wut in mir ist so groß. Auch ich würde viel lieber mit Freunden unbeschwert das schöne Wetter genießen. Doch ich nehme meine eigenen Interessen für das Wohl der Gemeinschaft zurück, so wie es jeder tun soll. Ist es vielleicht nicht Wut, sondern Neid? Neid darauf, dass sie in diesem Moment etwas haben, was ich gerne hätte. Und mein Gedanke, sie zu melden, purer Zerstörungswille? 

Nach langem Abwägen entscheide ich mich dafür, nichts zu tun, außer böse Blicke in die Richtung der feiernden Gruppe zu werfen. Ob das der richtige Entschluss war, kann ich noch immer nicht beantworten. Ich weiß nur, dass ich nicht in der Haut einer der Jugendlichen stecken möchte, wenn durch ihr verantwortungsloses Verhalten ein anderer schwer erkrankt.

Iris Janda

Weitere Nachrichten aus der Region finden Sie in unserer Übersicht.

Besuchen Sie HALLO auch auf Facebook.

Auch interessant:

Meistgelesen

Kommentare