Serie „Natur im Fokus“ — Teil 4

„Wir müssen jetzt neue Baumarten finden“

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Der Borkenkäfer ist und bleibt ein großes Thema. Sobald ein Baum befallen ist, muss er so schnell wie möglich entfernt werden. 

Zu trocken, zu warm, zu viele Schädlinge. Die Klimaveränderungen sorgen dafür, dass die Wälder in ganz Deutschland leiden. Der Bund Naturschutz spricht sogar von einem „Waldsterben“. HALLO sprach mit Dr. Georg Kasberger, dem Leiter des Ebersberger Forstamts über die Lage der Wälder in und um München. Es sähe heuer besser aus als im vergangenen Jahr. Doch die Lage bleibe kritisch.

Hitze mit Temperaturen um die 35 Grad; Wer Ferien hat, der springt im Freibad oder am See ins Wasser. Tags drauf Temperatursturz auf 18 Grad, es regnet schon die ganze Nacht durch. Kinder müssen sich lieber ein alternatives Ferienprogramm suchen und hoffen auf Sonne und Wärme. „Unsere Wälder aber freuen sich über solch einen Niederschlag-Tag“, sagt Dr. Georg Kasberger, Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Ebersberg (AELF). „Das instabile Wetter, das wir in diesem Jahr haben, tut den Bäumen gut.“ Ganz anders indes war die Situation im vergangenen Sommer: „Eine Entwarnung für die Wälder gibt es daher auf keinen Fall“, betont Kasberger. Zu trocken, zu warm, zu viele Schädlinge: Die Klimaveränderungen der vergangenen Jahre haben bundesweit zu massiven Waldschäden geführt. Der Bund Naturschutz spricht von einem drohenden „Waldsterben 2.0“. Mit dem Begriff bezieht sich der der Umweltverband auf das Waldsterben in den 1980er-Jahren, als Bäume Blätter und Nadeln durch einen veränderten pH-Wert abwarfen, die verkümmerten Wurzeln kaum Nährstoffe aufnehmen konnten und Bäume so abstarben. Und dieses Mal gehe es laut dem Vorsitzenden vom Bund, Hubert Weiger, um eine Existenzgefährdung „ungeahnten Ausmaßes“. Anhaltende Trockenheit, extreme Hitze und daraus entstehende Waldbrände gefährdeten die Wälder ebenso wie starke Stürme und maximale Niederschläge. Hinzu kämen Schädlinge und Pilzerkrankungen, die Bäumen zunehmend zu schaffen machten. Vergangenes Jahr war der Borkenkäfer auch in der Region, für die das AELF in Ebersberg zuständig ist, ein Thema. Der Borkenkäfer ist einer der gefährlichsten Schädlinge in der Forstwirtschaft. „Je mehr Niederschlag es aber gibt, desto besser ist die Abwehrkraft der Fichten gegen den Borkenkäfer“, so Kasberger. Die Nadelbäume, meist eben die Fichten, dienen dem Borkenkäfer als Brutstätte. „Als Gegenmaßnahme muss man die befallenen Bäumen suchen und entfernen“, sagt der Amtschef. Die Insekten verbreiten sich rasant auf Nachbarbäume, schnelles Handeln ist angesagt. Je größer die Zahl der befallenen Bäume ausfällt, desto mehr Helfer brauchen die Forste für den Abtransport. „Können die Bäume allerdings genug Harz bilden, erstickt der Käfer“, sagt Kasberger. Doch wenn Wasser nicht in ausreichender Menge vorhanden ist, weil es zu trocken ist, kann sich eben kein Harz bilden. Im Frühjahr seien Kasberger und seine Kollegen daher sehr angespannt, wie sich die Lage im kommenden Sommer entwickelt. „Als es heuer an Ostern schon mal sehr warm war, gingen bei uns die Alarmglocken an“, sagt er. Doch auch wenn die Lage für sie im Landkreis Ebersberg und in der Region um München heuer im Vergleich harmloser sei, erwähnt Kasberger zum Beispiel die derzeit „extreme Lage in Nordbayern“: „Wir stehen natürlich in Kontakt mit den Kollegen dort.“ Alte Buchen sterben ab. Anstatt sattes Grün im Wald, dominiert in den Wäldern im Norden Bayerns bereits jetzt die Farbe Braun, als wäre es schon Herbst. „Die Dürre, die wir alle vergangenes Jahr erlebt haben, wirkt sich ein Jahr später aus“, erklärt Kasberger. „Und bei der Buche ist das sehr bedrohlich, denn diese ist eine heimische und eigentlich sehr stabile Baumart.“ Ebenso im Zusammenhang mit dem Klimawandel steht das Eschentriebsterben. Ein Pilz verursacht die Krankheit an den Eschen. Die Rinde der Bäume verfärbt sich, die Blätter haben Flecken, man erkennt Welkerscheinungen. „Seit zehn bis 20 Jahren beschäftigt sich die Forschung damit, wie man das Risiko, dass sich der Pilz weiter ausbreitet, vermindern kann“, so Kasberger. Wie können die Wälder also erhalten bleiben? Der Bund Naturschutz fordert, diese dringend zu „naturnahen Laubmischwäldern“ umzubauen. Diese seien widerstandsfähiger als Nadelholz-Monokulturen. Der Leiter des Ebersberger Forstamts sieht das ähnlich: „Unsere Möglichkeiten sind begrenzt, aber eine Maßnahme ist, andere Baum- arten zu verwenden.“ Kasberger gibt indes zu bedenken, dass sie als Forst-Experten sehr vorausschauend planen müssen. „Wir müssen jetzt Baum- arten finden, mit denen wir in 80 und 100 Jahren gut leben können“, erklärt er. „Wie sind also die Prognosen? Wie lauten die Einschätzungen der Meteorologen?“ Die Fichte zum Beispiel gehöre ins Gebirge und das Klima setzt ihr nun sehr zu. „Wir sind also auf der Suche nach neuen geeigneten Baumarten. Aber den einen Superbaum gibt es nicht. Man kann ja jetzt hier nicht Palmen einpflanzen. Bei uns gibt es ja trotzdem noch kalte Winter, mit denen die Bäume ebenso zurechtkommen müssen.“ In anderen Teilen Europas mache sich die Douglasie gut, weiß Kasberger. „Ein vielversprechendes Kieferngewächs, die aus Nord-Amerika stammt und die es bei uns auch schon vor der Eiszeit gab. Sie hält die Trockenheit gut aus. Und die Douglasie hat den Vorteil, dass heimische Schädlinge sie bisher nicht entdeckt haben.“ Der Wald habe jedoch einen großen Vorteil, so der Leiter des Ebersberger Forstamts: „Es gibt viele verschiedene Bäume, selbst wenn ein Drittel betroffen sind, gibt es noch andere Bäume.“ Doch das lange Vorausplanen macht die Rettung der Wälder nicht leicht.
Verena Rudolf

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