Ein Engel am Telefon hilft gegen Einsamkeit

Schauspielerin Michaela May ist Schirmherrin des Vereins Retla

Michaela May telefoniert einmal in der Woche mit einsamen Menschen.
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Michaela May telefoniert einmal in der Woche mit einsamen Menschen.

Wird das Wort „Alter“ umgekehrt, kommt „Retla“ heraus. So nennt sich ein frisch gegründeter Verein in München, der Perspektiven für das Alter schaffen möchte. Schirmherren sind die Schauspieler Michaela May und Elmar Wepper. Im Interview erzählt May, warum sie es nicht nur in Zeiten von Corona wichtig findet, alten Menschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

HALLO: Frau May, wie kam es dazu, dass Sie Schirmherrin des Vereins Retla wurden?

May: Ich wurde Ende vergangenen Jahres von einer ehemaligen Redakteurin der Sternstunden angeschrieben, ob ich mit ihr ein neues Projekt starten möchte, das ähnlich wie die Sternstunden, besondere Aktionen für bedürftige Menschen organisiert. Nur dieses Mal nicht für Kinder, sondern für ältere Menschen. Zunächst habe ich abgesagt, da ich schon andere Charity-Verpflichtungen habe, dann habe ich aber nochmal darüber nachgedacht. Die Altersfrage stellt ja ein zunehmendes Problem in unserer Gesellschaft dar. Da scheint es mir wichtig, sich in diesem Bereich zu engagieren. Also habe ich später doch noch zugesagt, gemeinsam mit Elmar Wepper die Schirmherrschaft zu übernehmen.

Was für Probleme der Altersfrage sprechen Sie an?

Die Menschen altern zunehmend, das wird die nächsten 20 bis 30 Jahre noch viel mehr werden. Aber es fehlen die richtigen Angebote für alte Menschen. Ich habe das bei meiner Mutter erlebt. Die hat 25 Jahre in einem Seniorenstift gelebt. Ich habe mich intensiv um sie gekümmert und gesehen, wie wichtig es gerade im Alter ist, dass man jemanden hat, der für einen da ist. Alte Menschen brauchen den Austausch.

Selbst wenn sie in einem Pflegeheim unter anderen leben?

Ja, es gibt zum Beispiel bettlägerige Menschen, die werden von den Pflegern drei Mal am Tag umgedreht und das war‘s an sozialem Kontakt. Die Pfleger haben keine Zeit, sich mit den alten Menschen zu beschäftigen.

Und da springt Retla ein.

Genau. Die Grundidee ist, einsame Menschen mithilfe von verschiedenen Aktionen aus ihrer Isolation zu holen. Das können Besuche sein, Vorleseaktionen, Ausflüge, Konzertbesuche oder Rikscha-Fahrten. Im Februar haben wir uns zusammen mit den Organisatoren zum ersten Mal getroffen, um die ersten Projekte zu planen. Kurz danach hat uns Corona überrollt.

Konnten Sie dann überhaupt etwas machen?

Wir haben sogar sehr schnell reagiert, und die „Telefon-Engel“ ins Leben gerufen. Dabei vermitteln wir Patenschaften für Ältere. Die Menschen rufen bei uns an und wir fragen sie nach ihren Hobbys und Vorlieben. Dann versuchen wir passend dazu einen ehrenamtlichen Mitarbeiter zu finden, der eine Patenschaft übernimmt. Dabei achten wir darauf, dass der Pate ähnliche Interessen hat. Die Paten telefonieren dann regelmäßig mit ihren Schützlingen. Wenn es wieder möglich ist, soll es später auch persönliche Treffen und Unternehmungen geben. Darum verbinden wir die Menschen nach Möglichkeit nach Postleitzahlen. Das Ganze ist als langfristige Patenschaft gedacht. Auch über Corona hinaus.

Das klingt ein bisschen wie eine Datingseite.

Der Vergleich passt ganz gut. Einmal hat mich eine literaturbegeisterte Frau angerufen und kurz danach ein Mann, der die gleichen Interessen hatte. Ich habe sie natürlich sofort vermittelt (lacht).

Sie machen selbst ja auch einmal pro Woche Telefondienst.

Genau. Elmar und ich gehen eine Stunde jeden Dienstag selbst an das Telefon. Elmar von 11 bis 12 und ich von 15 bis 16 Uhr.

Was sind die Anliegen der Menschen, die bei Ihnen anrufen?

Eine Frau hat mir zum Beispiel gesagt, sie möchte so gerne mal über ihre Jugend nach dem Krieg sprechen. Sie hatte niemanden, mit dem sie das tun konnte. Für viele ist es einfach ein großes Bedürfnis, ein Gespräch zu führen. Aber wir versuchen auch, die Menschen in anderen Lebensbereichen zu unterstützen, wie etwa eine größere Anschaffung zu bezahlen, die sie sich nicht leisten können. Einmal hat mich sogar eine Frau angerufen, die sagte, sie habe Hunger. Der haben wir sofort ein Essenspakt geschickt. Oder jemand ruft verzweifelt an, weil sein Wasserhahn überläuft. Grundsätzlich soll Retla ein Hilfsangebot für alte und hilflose Menschen sein.

Sind Sie besorgt, wie sich die Corona-Krise auf ältere Menschen auswirkt?

Ja, vor allem im Hinblick auf die Zukunft. Da gehören einige Menschen plötzlich zu einer Risikogruppe und werden ausgegrenzt. Ich mache mir Sorgen, dass es zu einer Art Zwei-Klassen-Gesellschaft kommt, in der man die Jungen von den Alten trennt. Genau da wollen wir mit Retla gegensteuern.

Interview: Lydia Wünsch

Die Nummer 089/18910026 können alle anrufen die dich einsam fühlen und die, die helfen wollen. Die Hotline ist Mo. bis Fr. von 10 bis 18 Uhr besetzt. Weitere Infos: Info@retla.org oder www.retla.org.

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