Die wahrscheinlich älteste Messdienerin Deutschlands

Riemerling: 98-Jährige Schwester dient im Lore-Malsch-Haus

Schwester Erika aus dem Lore-Malsch-Haus in Riemerling ist mit 98 Jahren die wohl älteste Messnerin des Landes. Sie hat fast ihr ganzes Leben bei den Schwestern verbracht.
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Schwester Erika aus dem Lore-Malsch-Haus in Riemerling ist mit 98 Jahren die wohl älteste Messnerin des Landes. Sie hat fast ihr ganzes Leben bei den Schwestern verbracht.

Schon seit über 70 Jahren gibt es das Altenheim der Diakonieschwestern in Riemerling bei Ottobrunn. Schwester Erika ist von Beginn an dabei – und kümmert sich noch immer mit viel Liebe um die hauseigene Kapelle.

Hohenbrunn – „Ich komme immer sehr früh vor dem Gottesdienst, aber Schwester Erika ist immer schon vor mir da und baut auf“, erzählt Rainer Liepold lachend. Er ist Pfarrer im Lore-Malsch-Haus, dem ältesten Seniorenheim in Riemerling bei Ottobrunn. Doch Schwester Erika ist keine Mitarbeiterin, sie ist Bewohnerin des Heims – und mit 98 Jahren die wohl älteste Messnerin des Landes. Und als solche ist sie nicht nur vor der sonntäglichen Messen, sondern ständig im Dienst. 

In der Regel sieht sie einmal am Tag in der Kapelle nach dem Rechten. So auch an diesem Tag. Mit Bedacht schaut die Seniorin durch die Kapelle. „Warum hängt dort Klebeband?“, „Schön habt ihr das gelöst mit der Kerze“ – ihrem aufmerksamen Blick entgeht nichts.

„Wenn ich morgens komme, stehen die Blumen schon auf dem Altar, die Kerzen sind angezündet“, meint Liepold. „Die Kerzen, ja!“, unterbricht ihn Schwester Erika. „Da brauchen wir wieder neue.“ Wie viel die Schwester für die Kapelle macht, habe Liepold zu Beginn gar nicht gewusst: „Es hat bestimmt ein halbes Jahr gedauert, nachdem ich hier angefangen habe, bis ich bemerkt habe, dass Schwester Erika jede Woche einen neuen Bibelspruch aufhängt.“

Auch das Anbringen der Liedstellen gehört zu ihren Aufgaben: „Das ist das Bild, das ich mit ihr verbinde, wie sie die Liedstellen für den Gottesdienst aufhängt.“ An dem Gang, der von der Kapelle weg zu den Zimmern führt, hängen Glastafeln mit schwarz-weiß Bildern und erklärendem Text. Es handelt sich um den „Gang durch die Geschichte“, der an die Anfänge des Lore-Malsch-Hauses erinnern soll. „Das war doch in der Landwehrstraße“, erinnert sich Schwester Erika. „Mit den ganzen Trümmern fiel es sehr schwer, vorwärts zu kommen“, erzählt sie und ergänzt lachend „aber wehe es hieß, es gibt am anderen Ende der Straße Eis. Ja, da hätten Sie uns mal rennen sehen müssen!“

Wenn die zierliche Frau von der Geschichte der Schwesternschaft und ihrem Weg dorthin erzählt, sind ihr ihre fast 100 Jahre nicht anzumerken. Wie viele junge Frauen, die aus den ehemaligen Ostgebieten vertrieben wurden, schloss sie sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Dia­konieschwestern an. „Wir waren Flüchtlinge, die Russen haben uns rausgejagt.

Da mussten wir sehen, dass wir überhaupt leben können“, erzählt die aus Schlesien Vertriebene nachdenklich. Zunächst landeten sie und ihre jüngere Schwester in Niederbayern. „Dort im Gottesdienst wurden Zettel von der Diakonie verteilt, dass sie gerne Schwestern aufnehmen. So ist das zustande gekommen, dass ich hier bin. Und da blieb ich“, erzählt die 98-Jährige.

Am gleichen Standort blieben sie und die anderen Schwestern allerdings nicht. 1947 gründete sich die „Diakonieschwesternschaft Otto­brunn“ an der Albert-Schweitzer-Straße mit einem „Barackenhaus“ mit 100 Betten und einem Altenheim mit 40 Plätzen sowie dem Mutterhaus für die Schwestern. Aber als dort die Firma Bölkow sich vergrößern und ein Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt aufbauen wollte, musste dringend ein neuer Standort her. 

Schwester Erika kann sich noch gut an die schwierige Wohnsituation erinnern: „Die Bölkows waren so laut mit ihren Versuchen, da haben Sie ihr eigenes Wort nicht verstanden. Da haben wir gesagt, bloß weg hier!“ Weg ging es dann 1967 auf das Grundstück am Wald in Riemerling, das 1963 von einem Bauern erworben wurde. Da zu dieser Zeit bekannt wurde, dass in Neuperlach eine Klinik entstehen wird, baute die Diakonie nur das Altenheim und keine Klinik auf.

Der ursprüngliche Bau steht noch immer, ist aber aufgrund seines maroden Zustands nicht mehr nutzbar. Wann und wie daran etwas geändert wird, ist unklar. „Mein Vorschlag ist: Das ganze Haus abreißen und ein neues bauen. Das wäre das beste, was man machen könnte“, wirft Schwester Erika nüchtern ein. „Genau, und wir beide haben uns fest vorgenommen, dass wir das noch erleben“, meint der Pfarrer augenzwinkernd.

Die Schwester ist Jahrgang 1921, sie hat fast ihr ganzes Leben bei den Diakonieschwestern verbracht. Sie wirkt sehr zufrieden mit ihrem Leben, lobt die Arbeit der Pfleger („Es ist schön, dass wir die haben“) und plauscht mit den anderen Bewohnern im Flur. Für sie ist das Lore-Malsch-Haus ihr Zuhause. Gab es nie Zweifel an diesem Lebensweg? Schließlich dürfen die Schwestern wie Nonnen nicht heiraten und keine eigene Familie haben. „Na sie konnten schon heiraten, wenn sie einen Mann gefunden hatten. Aber dann musste sie eben austreten“, erklärt die kleine Frau mit dem trockenen Humor.

Auf die Frage, ob sie selbst einmal die Option auf Heirat hatte, geht Schwester Erika nicht ein. Aber eine ihrer Mitschwestern stand einmal am Scheideweg, weiß Pfarrer Leipold: „Schwester Ursula hat erzählt, dass sie sich 1950 sehr verliebt hat. Der Mann hätte sie gerne geheiratet. Aber sie fürchtete, dass die andere Schwestern auch aufhören, wenn sie geht, und die Schwesternschaft kollabiert. Deshalb hat sie sich dann schweren Herzens dagegen entschieden.“

Bei Schwester Erika stand vor allem die Arbeit als Krankenpflegerin immer im Fokus. Es fällt auf, wie leidenschaftlich sie von ihrer Tätigkeit erzählt. Zunächst war sie als Pflegerin tätig, sieben Jahre arbeitete sie Stationsschwester auf der Männerstation – „Das hat gereicht, um Himmels Willen“ – und hat über die Jahre immer weiter ihre Kenntnisse ausgebaut. Nach ihrer Pensionierung arbeitete sie noch 14 Jahre an der Pforte im Lore-Malsch-Haus bis sie dann endgültig in den wohlverdienten Ruhestand ging.

Auch ohne eigenen Nachwuchs – eine große Familie hat die 98-Jährige trotzdem: „Meine Schwester ging dann zum Roten Kreuz und hat dort ihren Mann kennengelernt. Dadurch hab ich drei Neffen.“ Mit diesen und deren Familien feiere sie auch jedes Jahr ihren Geburtstag im Oktober und Weihnachten. 

Am Ende des Gangs durch die Geschichte meint Schwester Erika nachdenklich: „Ob ich die zwei Jahre bis zum Hundertsten noch erlebe, weiß ich nicht.“ Gleichzeitig fügt sie lachend hinzu: „Aber wenn – hat meine kleine Großnichte gesagt – Dann hauen wir auf die Pauke!“

Iris Janda

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