Pfarrer Rainer Liepold über Menschen am Lebensende

Jeder Lebensabschnitt birgt Chancen

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Pfarrer Rainer Liepold hält einen Vortrag in Höhenkirchen über Menschen im letzten Abschnitt ihres Lebens.

Immer mehr Menschen in Deutschland werden sehr alt. Hochbetagte nennt man Menschen im vierten Lebensabschnitt, die anders als die „jungen Alten“ nun nicht mehr die Welt auf einer Reise entdecken, sondern mit zunehmenden körperlichen Einschränkungen klarkommen müssen — und ihr Lebensende oft in einer Pflege-Einrichtung erleben. Pfarrer Rainer Leipold von der evangelischen Kirchengemeinde Höhenkrichen geht in einem Vortrag auf diese Zeit „ganz am Ende“ ein.

Riemerling - Es sei ein Haus, in dem viel gelacht werde. Im Umfang einer halben Pfarrstelle ist Dr. Rainer Liepold Seelsorger im evangelischen Pflegezen­trum Lore Malsch in Riemerling. „Es mag für viele erstaunlich sein, wie viel bei uns gelacht wird“, sagt Liepold. „Ganz am Ende: Wie stirbt es sich in einem Pflegezen­trum“ heißt sein Vortrag am Donnerstag, 7. November, um 19.30 Uhr im Gemeindezentrum am Martin-Luther-Platz in Höhenkirchen, in dem der Pfarrer Einblicke in den letzten Lebensabschnitt gibt. „Um das Sterben kommt am Ende keiner drum herum“, so Liepold. „Am Lebensende kommt es aber auf die Heransgehensweise des Sterbenden an, damit dieser letzte Weg lebenswert ist.“ In seinem Vortrag will der Pfarrer daher aufzeigen, dass das Lebensende eine Gestaltungsaufgabe ist. Jedes Alter, jeder Abschnitt im Leben birgt Chancen. Doch dazu müssten viele Menschen wissen, wie dieser letzte Lebensabschnitt überhaupt aussieht. Wie der Alltag in einem Pflegezentrum abläuft. Worauf es den Bewohner solch einer Einrichtung überhaupt ankommt. „Hochbetagte mit über 90 Jahren haben vor dem Sterben meist weniger Angst als 60-jährige“, sagt Liepold. Im vierten und letzten Lebensabschnitt gehen Menschen mit dem Tod gelassener und abgeklärter um, wenngleich der Tod immer näherkommt. „Dennoch ist es Hochbe­tagten wichtig, nicht nur als Last gesehen zu werden, sondern anderen etwas weitergeben, Werte zu vermitteln oder sich einbringen zu könnnen.“ Es tut einem älteren Menschen gut, andere an der eigenen Lebens­erfahrung und am Wissen teilhaben zu lassen. Es ist ein Geschenk, wenn da jemand ist, der sich Zeit nimmt und zuhört.

Die besondere Würde und Ernsthaftigkeit

Ebenso kann der Zuhörende eine ganze Menge für sich selbst mitnehmen. „Ein Hochbetagter hat eine gewisse Würde und Ernsthaftigkeit“, so Liepold. Er beobachte das oft bei Kindern, die auf ihren 60-jährigen Opa nicht hören wollen. Aber stehen sie dann am Bett ihrer 90-jähriger Uroma, dann nehmen sie diese mit ganz anderen Augen wahr. Im vierten Lebensabschnitt jedoch nimmt das Lebensglück im Vergleich zu den Jahren davor ab, so Liepold. Menschen ab 85 Jahren müssen immer mehr Verluste hinnehmen: Der Körper will nicht mehr so, die Sinne schwinden, das Gedächtnis lässt nach und das soziale Netzwerk wird kleiner, wenn die Freunde sterben. Pfarrer Liepold möchte indes keine Ängste schüren. Gerade weil er weiß, dass für viele das Lebens­ende in einem Pflegezentrum ein angstbesetztes Thema ist. So ist es sein Ziel all jenen zu zeigen, wie gerne Hoch­betagte trotzdem noch leben und wie bereichernd die Begegnung mit ihnen ist. „In eine Einrichtung wie das Lore-Malsch-Haus ziehen Menschen immer später ein. So wird auch die Sterbebegleitung immer zentraler“, sagt der Pfarrer des Riemerlinger Pflegezentrums. Über die Hälfte der Neuzugänge stirbt innerhalb von zwei Jahren. Doch auch auf den Sterbeprozess und die Zeit danach kann man Einfluss nehmen. Liepold denkt da an die „spirituellen Werkzeugkoffer“, die es auf jeder Station im Lore- Malsch-Haus gebe. „Wenn jemand gestorben ist, gestalten wir einen sogenannten Nachtkästchen-Altar, den wir unter anderem mit Utensilien aus der Lebensgeschichte des Verstorbenen dekorieren. „Wir laden die Angehörigen ein, nach dem Tod an dem Altar nochmal in aller Ruhe Abschied zu nehmen. Viele haben eine gewisse Scheu, gerade Männer tasten sich da erst ran, Frauen sind da couragierter. Viele trauen sich erst in den Raum, in dem ihr Angehöriger verstorben ist, wenn der Pfarrer mitkommt“, erzählt Liepold. Desto mehr freut er sich und sieht es als „Privileg“, als Seelsorger Zeit für die Bewohner des Pflegezentrums und ihre Angehörigen zu haben. Und so sowohl den Sterbenden als auch die Zurückbleibenden darin zu bestärken, dass vieles möglich und gestaltbar ist, auch wenn der Tod diesen letzten Lebensabschnitt unabwendbar beenden wird.

Verena Rudolf

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