Diskussion über Flüchtlingsproblematik

„Ob wir das schaffen?“

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Julia Bader als Asylsuchende (vorne links) auf dem Podium vor den Diskussionsteilnehmern (v.l.  Bürgermeister Günter Heyland, Ministerialdirigent Egon Turi vom Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration,  Dr. Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, Moderator Michael Mühlbauer, Norbert Büker  vom Helferkreis Asyl, Aladji Camara, Flüchtling aus Mali und Klaus Riedel, sein Betreuer vom Helferkreis Asyl.

500 Neubiberger Gymnasiasten haben in der vergangenen Woche mit hochkarätigen Politikern über die Flüchtlingsproblematik diskutiert. Dr. Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, und Ministerialdirigent Eugen Turi, Abteilungsleiter im Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, nahmen an der Veranstaltung ebenso teil wie ein Flüchtling aus Mali, Ehrenamtliche des Helferkreises Asyl Neubiberg und Bürgermeister Günter Heyland.

Zu Beginn der Podiumsdiskussion und quasi als Einstimmung auf das Thema spielte Julia Bader vom Arbeitskreis „Schule gegen Rassismus“ eine Szene aus Rainer Werner Fassbinders Theaterstück „Angst essen Seele auf“. Die exemplarische Ratlosigkeit einer Asylsuchenden beeindruckte die 350 Schüler der elften und zwölften Klasse in der Aula sowie die 150 Schüler der zehnten Klassen, welche die Veranstaltung live im Theaterkeller verfolgten. Sie stellten daraufhin vor allem politische Fragen, die – aus Zeitgründen – aber nur unvollständig beantwortet werden konnten.

Einen Schüler interessierte, wieso die Bundesrepublik Waffen in die Krisengebiete liefere? Bundes-Politiker Anton Hofreiter betonte, dass die Grünen längst die Waffenlieferungen auf Länder innerhalb der EU und den USA beschränken wollten, sich dafür aber keine Mehrheit im Bundestag fände. Wie geht man damit um, dass unter den Flüchtlingen auch Terroristen sind, wollte eine Schülerin wissen. Hofreiter sagte, der Verfassungsschutz habe bislang keine Erkenntnisse, dass dem so sei. Er sehe eher das Problem, dass „wir Terroristen nach Syrien exportieren“: Inzwischen seien bis zu 700 Deutsche in IS-Lager gegangen.

Die Frage, „Was wollen sie dagegen tun, dass Flüchtlinge als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden“, beantwortete Hofreiter mit dem Hinweis, dass „der Mindestlohn für alle gilt – ohne Ausnahme“. Eine Ausbeutung finde nicht statt, „in die Traglufthalle kommt niemand einfach so rein, um billige Arbeitskräfte anzuheuern“, ergänzte Norbert Büker, der Vorsitzende vom Helferkreis Asyl Neubiberg. Denn: „Wir passen auf unsere Schützlinge sehr gut auf!“

„Wäre es nicht sinnvoller, die Flüchtlinge gleich in Wohnungen zu lassen“, wollte ein Mitglied der Jungen Grünen Putzbrunn wissen. Turi antwortete, dass inzwischen rund 60 Prozent der Flüchtlinge in Wohnungen untergebracht seien. Neubibergs Bürgermeister Günter Heyland ergänzte, in Neubiberg lebten die bereits anerkannten Flüchtlinge alle in Wohnungen; deren Zahl wird bis Ende 2016 aber vermutlich auf bis zu 400 Menschen steigen, weshalb die Gemeinde nun händeringend weiteren Wohnraum suche. „Das ist eine riesige Aufgabe“, so Heyland – und schickte direkt seine eigenen Zweifel hinterher: „Ob wir die schaffen?“

Egon Turi betonte, in Sammelunterkünften erreiche man die Flüchtlinge besser, um ihnen Deutsch zu lernen oder anderweitig helfen zu können. Familien, die in Wohnungen lebten, müssten alles selbst machen. Das gelinge weniger gut. Büker vom Asylhelferkreis präzisierte: „Wir haben einen großen Anteil an Analphabetismus insbesondere bei den syrischen Frauen, aber auch bei den Männern aus Mali.“ Deswegen sei er gerade dabei, mit Turi ein spezielles Sprach-Lern-Programm zu entwerfen.

„Leistet Widerstand gegen diese Parolen!“

Wieder an Hofreiter richtete sich die Frage, was die Bundesrepublik beim Thema Flüchtlingsunterbringung tue? „Zu wenig, um die Verfahren zu beschleunigen“, sagte Hofreiter; aber auch, dass der Bund Zwei- drittel der Kosten übernehmen werde, falls dies der Bundestag am 15. Oktober genehmige. Bislang hätten die Kommunen fast alles zahlen müssen. „Wie geht man am besten mit Pegida um“, wollte ein anderer Schüler wissen. „Pegida kann man nur bekämpfen, wenn die Staatsspitze eine ganz klare Haltung hat. Wichtig wären große Gegendemonstrationen“, so Hofreiter. Norbert Büker, der sich an seine Kindheit unter dem Nazi-Regime erinnerte, rief die Schüler deshalb auf: „Seid mutig, leistet Widerstand gegen diese Parolen!“ Die Frage, ob die Hilfskräfte am Ende seien, verneinte Klaus Riedel, ein weiterer ehrenamtlicher Helfer des Asylhelferkreises. „Angesichts der vielen Flüchtlinge haben wir uns jetzt besser aufgestellt“. Er verwies auf die Internetseite www.helferkreis-asyl-neubiberg.de.

Mit nachdenklichen und zugleich nachdrücklichen Worten schloss Büker die Diskussion. An die Schüler gerichtet, sagte er: „Es tut unserer Gesellschaft und der Entwicklung der Menschlichkeit, gut, wenn sich Menschen privat engagieren.“

Ola

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