Halt und Zuflucht in Zeiten von Corona

Ottobrunner Roman trifft die Realität

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Die Ottobrunner Autorin Iliana Karagialani schrieb ein Buch über Halt. Besonders jetzt ein wichtiges Thema.

Ottobrunn – Corona ist zum ungebetener Begleiter geworden. Das Virus verändert die Gesellschaft. Verändert die Geschichte. Die Ottobrunner Autorin Iliana Karagialani veröffentlichte ein Buch, in dem es um die Suche nach Halt geht. Ein Thema, das wichtiger denn je ist.

Ein Tag gleicht dem anderen. „Wir bleiben zu Hause.“ Und während wir zu Hause bleiben, kreisen die Gedanken um das Morgen. Nicht aber an das des nächsten Tages, sondern das Morgen, an dem alles wieder beim Alten ist. Beziehungen jeglicher Art stehen vor der Zerreißprobe. Ein Wort ergibt das andere. Dabei ist es doch der eigene, innere Druck der immer größer werdenden Anspannung, der aus einem herausplatzt. Alles, wonach wir uns sehnen, ist Halt. Und genau diesem Thema widmete sich Iliana Karagialani (Foto), eine Ottobrunner Autorin mit griechischen Wurzeln. 

In ihrem Roman „MinusEins – Unheil aus Versehen“, der vor Kurzem erschien, beschreibt sie die Entwurzelung einer Frau. Der Boden wird ihr unter den Füßen weggerissen, als sie von ihrer Krankheit erfährt, die sie zum Tode verurteilen könnte. Ähnlich geht es vielleicht auch den Menschen im echten Leben, die positiv auf das Virus getestet werden. Denn noch ist unbekannt, welche Folgen eine Infizierung mit dem Corona-Virus für die Gesundheit auf lange Sicht hat. 

Karagialani ist neben ihrer Autorentätigkeit auch in der Softwarebranche tätig. Sie selbst befindet sich derzeit im Homeoffice und sagt: „Es gibt Menschen, die können damit sehr gut umgehen, aber überraschend viele sehnen sich wieder nach ihrem Büro. Nicht, um in dieses Büro zu gehen, sondern einfach um diesen sozialen Kontakt zu haben und sich mitzuteilen.“

Die Protagonistin in dem Roman jedenfalls fühlt sich, als würde sie an einer Klippe stehen. Am Rande der Gesellschaft, drohend jeden Moment zu stürzen. Doch fasst sie sich ein Herz. Sie lebt mit ihrer Krankheit, akzeptiert sie nicht, aber duldet sie. Und will leben. Was braucht es, um erfüllt und glücklich zu sein? 

Die Frau begibt sich auf die Suche nach Antworten und erfährt 35 Wahrheiten auf diese Frage.35 Personen, die diese eine Sache in ihrem Leben schon definieren konnten, was ihnen Halt gibt. Iliana Karagialani lässt in ihren Roman einen Teil ihrer Geschichte einfließen. Die Protagonistin ist angelehnt an ihre eigene Geschichte, denn Karagialani ist selbst vor Jahren an Brustkrebs erkrankt. So wie die Figur in ihrem Roman. Sie weiß also, was es bedeutet, erkrankt zu sein: Die Frage nach dem Warum stünde präsent im Raum. 

„Warum hat es gerade mich erwischt?“ Doch die Ärzte entgegnen einem immer wieder, dass sie es nicht wissen würden. „So entstand auch der Unter- titel des Romans. Wenn niemand die Antwort darauf kennt, ist es quasi ein Versehen“, erzählt die Autorin. Sie sagt: „Krankheit ist natürlich auch etwas,was einen erschlägt. Vielleicht erschlägt es einen nicht immer so sehr wie am Anfang, aber immer wieder“, sagt sie. „Es ist, als geht man durch einen Wald, um einen die Felsklippen. Und plötzlich löst sich so ein Fels und stürzt auf einen hinab. 

Das Ausweichen muss gelernt werden. Und das ist die ganz große Herausforderung.“ Dieses Wegspringen ist nicht nur auf die Brustkrebserkrankung zu münzen. Auch in dieser Zeit sind die Menschen, die Einzelschicksale, wie in dem Buch Karagialanis, vor die Herausforderung gestellt, mit der eigenen Krankheit, der eines geliebten Menschen oder den alltäglichen Veränderungen des Lebens umzugehen und damit den eigenen Felsbrocken auszuweichen; Dinge anders zu sehen und anders zu machen.

Eigentlich wollte die Otto- brunnerin eine Geschichte über Heimat schreiben. Doch bedeutet Heimat für sie Halt. Der Halt war der Rahmen für die Autorin, um die Geschichten der Heimat zu erzählen. Zuhause. Ist das Heimat? Normalerweise schon, doch in Zeiten von Corona sind die eigenen vier Wände nicht unbedingt der Ort, in den sich ruhigen Gewissens zurückgezogen werden kann; in dem eben genau dieser momentan so wichtige Halt gefunden wird. 

Da sind die tobenden Kinder, die Eltern, die gepflegt werden oder der Partner, der unerträglich laut schweigt. Der Debütroman Karagialanis schenkt dem Leser Anreiz, sich gemeinsam mit der Protagonistin auf die Suche nach Halt zu begeben. Bietet eben diesen Rückzugsort, der gerade so wichtig ist. Der Roman knüpft am echten Leben an: Da ist die Freundin der Hauptperson, die Kraft spenden will. 

Diese Freundin wirkt so, als wüsste sie offensichtlich, was es bedeutet, Kraft in sich zu tragen. Doch mit beinahe 50 Jahren setzt sie sich scheinbar zum ersten Mal mit der Frage auseinander, was ihr Halt gibt. Sie hat keinen Halt, hatte nie kennengelernt, was Halt eigentlich bedeutet und begibt sich auf die Suche nach der Antwort. 

So wie der „Obdachlose, der die Kruste der Gesellschaft darstellt“, wie die Autorin erzählt. Was treibt ihn an? „Der Roman ist keine reine Krankengeschichte“, ist es Karagialani wichtig zu sagen. „Die Krankheit spielt eine Rolle, aber im Kern ist es eine Geschichte über Halt.“ Genau wie Corona nicht eine Geschichte über ein Virus ist, sondern eine Geschichte, die die Gesellschaft, die Menschen, die einzelne Leben verändern kann. 

Melanie Schröpfer

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