„Versöhnung muss immer vor Rache stehen“

Ottobrunn: P-Seminar-Ausstellung zu Kriegsverbrechern am Gymnasium Ottobrunn

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Die Geschichts- und Deutschlehrerin Claudia Bruckmeier leitete mit ihrem Kollegen Matthias Weigert das P-Seminar.

„Es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg“ – mit diesen Worten Gandhis pflanzten Ottobrunner Schüler am Mahnmal in Falzano di Cortona eine Steineiche. Die Jugendlichen nahmen im vergangenen Schuljahr an einem P-Seminar „Die letzten Kriegsverbrecherprozesse“, das von den Lehrern Claudia Bruckmeier und Matthias Weigert organisiert wurde, teil. In dessen Rahmen fand ein Austausch mit Schülern aus Cortona statt.

Die Gedenkstätte in dem kleinen toskanischen Dorf erinnert an die Ermordung von zehn Zivilisten am 27. Juni 1944, für die der Ottobrunner Bürger Josef Scheungraber zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Dem 1918 geborenen Scheungraber wurde 2006 in Italien und 2009 am Landgericht München I der Prozess gemacht. Er soll als Kompaniechef des Gebirgs-Pionier-Bataillons 818 befohlen haben, elf Männer in die Casa Cannicci in Falzano zu sperren und diese in die Luft zu sprengen. 

Die Tat war Vergeltung für den Tod zweier deutscher Soldaten, die am Vortag in Cortona von Partisanen erschossen wurden. Zehn der Männer starben, nur der 15-jährige Gino Massetti überlebte schwerverletzt. Massetti sagte im Prozess gegen Scheungraber aus. Außerdem berichtete ein ehemaliger Angestellter vor Gericht, dass Scheungraber bei einer Betriebsfeier mit der Tat geprahlt haben soll. Der Angeklagte leugnete das Verbrechen bis zuletzt und zeigte daher auch keine Reue. Obwohl er von zwei verschiedenen Gerichten zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, musste der 2015 verstorbene Ottobrunner wegen seines schlechten Gesundheitszustands nie ins Gefängnis.

Die Idee für den Austausch entstand aus der Initiative der gebürtigen Italienerin Stefania Zuber heraus. Sie organisiert schon seit mehreren Jahren zusammen mit dem katholischen Pfarrer Christoph Nobs Schüleraustausche zwischen Ottobrunn und Cortona und fragte deshalb beim Gymnasium Ottobrunn an. Schließlich entstand die Idee für das P-Seminar.

„Wir überlegten uns, dass sich das Seminar mit den letzten Kriegsverbrecherprozessen und etwas spezieller mit dem Fall Josef Scheungraber beschäftigten soll“, erzählt Bruckmeier. „Erst wussten wir nicht, ob der Fall genug Stoff hergibt. Aber bereits im Lauf der ersten Wochen hat sich gezeigt, wie umfassend die Thematik ist“, so Bruckmeier weiter. Beim Besuch in Cortona habe sich dann aber schnell gezeigt, dass im Fokus der Ausstellung weniger die Gräueltat, sondern der Umgang mit ihr in der Gemeinde Ottobrunn und die Versöhnung stehen sollen.

Ganz im Zeichen der Versöhnung war auch das Treffen mit dem Zeitzeugen Gino Massetti, das die Schüler besonders beeindruckte. Sie waren fasziniert von der positiven Art, die der Italiener trotz der grausamen Erlebnisse ausstrahlt.

Er schilderte den Schülern, wie er nach der Tat von einer Frau in den Trümmern gefunden wurde. Sie konnte ihn gemeinsam mit ihrem Bruder bergen und zu seiner Familie bringen. Dort kümmerte sich ein amerikanischer Arzt um den Jungen, der schwere Verbrennungen hatte und sich kaum bewegen konnte. Massetti wurde Carabiniere und später sogar Kommandant.

Ihm sei es wichtig, weniger zurückzublicken und vielmehr in den Dialog miteinander zu treten. „Versöhnung muss immer vor Rache stehen“, erklärt der zweifache Vater, und „Freundschaft zwischen Feinden ist möglich.“ Bestes Beispiel dafür ist Massettis eigene Biografie: Einer seiner Söhne lebt in Deutschland und ist mit einer Deutschen verheiratet.

Josef Scheungraber war ein angesehener Bürger Ottobrunns. Er war Ehrenkommandant der Freiwilligen Feuerwehr, saß viele Jahre im Gemeinderat und erhielt sogar die Bürgermedaille für besondere Verdienste – noch nach der Urteilssprechung in Italien. Dementsprechend schockiert waren die Reaktionen in der Gemeinde. Im Gemeinderat diskutierte man über den richtigen Umgang mit dem Verbrechen. Der Historiker Jürgen Zarusky bezeichnete diese Debatten als exemplarisch für den schwierigen Umgang mit der deutschen Vergangenheit.

Dass die Geschichte die Gemeinde bewegt, war auch bei der Ausstellung spürbar: „Es hat uns erstaunt, wie groß das Interesse ist und wie viele Besucher auch von außerhalb der Schule kommen“, erzählt Bruckmeier. Und weiter: „Wir haben das Gefühl, es gäbe fast genug für ein zweites Seminar oder eine zweite Ausstellung zu dem Fall. Da scheint noch viel offen zu sein.“

Die Ausstellung konnten Interessierte bis vergangenen Freitag in der Bibliothek des Gymnasiums besichtigen. Wer den Termin verpasst hat, bekommt eventuell noch eine weitere Möglichkeit: „Wir haben schon Anfragen von anderen Stellen. Vielleicht werden wir bald noch an anderen Orten ausstellen“, meint Claudia Bruckmeier.

Iris Janda

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