Engelmama Karin Mohn ­– Ihre süßen Engelchen fliegen um die ganze Welt

Ottobrunn: Die engagierte Karin Mohn häkelt Engel für den guten Zweck

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Karin Mohn beim Anfertigen neuer Stücke.

Karin Mohn aus Ottobrunn häkelt täglich fünf bis sechs kleine Engelchen für wohltätige Zwecke. Die selbstlose Engelmama blickt auf eine bewegende Lebensgeschichte zurück.

Ottobrunn – Kinder malen sie zu Weihnachten, Erwachsene haben einen von ihnen beim Autofahren an ihrer Seite und Sterbende werden von ihnen ins Jenseits begleitet. Ob Weihnachtsengel oder Schutzengel – sie stehen für Zuflucht, Schutz und wärmespendende Liebe. Karin Mohn begegnen jeden Abend rund fünf bis sechs Stück. Mit Muße und Feinheit häkelt sie für den guten Zweck einen Engel nach dem anderen. Sie ist die Mutter der Engel. Doch der eigentliche Engel ist sie selbst.

Die 73-Jährige ist heute eine Engelmama, obwohl sie selbst nie eine richtige Mutter hatte. Karin Mohn wuchs bei ihrer Großmutter im Allgäu auf, zu der sie ein sehr inniges und liebevolles Verhältnis pflegte. Durch sie entdeckte sie auch ihre Liebe zur Handarbeit. Alles begann im Alter von vier Jahren.

„Meine Eltern waren mit den älteren Geschwistern in Syrien, in Damaskus, denn mein Vater arbeitete dort. Er hatte mit Raketen zu tun. Mein Zwillingsbruder und ich blieben im Allgäu bei der Oma, die viel Handarbeit gemacht hat“, erinnert sie sich. Karin Mohn sah immer zu und wollte das Handwerk eines Tages auch lernen. Ihre Großmutter brachte ihr das Stricken bei, während ihr Zwillingsbruder neben ihr saß.

 Lachend lehnt sich Karin Mohn nach vorne. Sie erzählt, dass dann das geschah, worüber sich so ziemlich jeder ärgert, wenn er strickt: Eine Masche fiel der kleinen Karin von der Nadel. Als sie sich laut darüber aufregte, zeigte sich ihr Bruder hilfsbereit und sagte: „Bleib sitzen, ich hebe sie dir auf.“ Doch manche Dinge, die heruntergefallen sind, kann niemand wieder aufheben.

Das Aufwachsen bei der Großmutter war behütet und schön, doch nur zwei Jahre später sollte sich das Leben Karin Mohns und ihres Zwillingsbruders drastisch ändern: Ihre Mutter – „eine Frau“, wie Karin Mohn sie nennt – kam ins Allgäu, um sie und ihren Zwillingsbruder in das weit entfernte, fremde Syrien zu holen. Die sonst so freundliche Miene der Dame mit dem hellen Haar und der runden Brille auf der Nase verdunkelt sich. Es ist, als würden Zeit und Raum miteinander verschwimmen. Eine Zeitreise, bei der sie sich wieder in das sechs Jahre alte Mädchen verwandelt. 

„Wir wollten da nicht hin“, sagt Karin Mohn: „Das haben wir immer gesagt. Auch zur Oma. Und zu der Frau auch. Mit der Frau fahren wir nicht weg!“ Energisch versuchte das Mädchen zu verhindern, was längst beschlossene Sache war. Alles was ihnen bekannt war, alles was sie liebten, mussten sie zurücklassen. Auch ihre Großmutter. Stattdessen sollten die Zwillinge in eine völlig fremde Familie gesteckt werden; ihre älteren Geschwister kannten sie ja quasi auch nicht. Viel Zeit für den Abschied blieb der jungen Karin Mohn nicht, und so sehr sie sich auch wehrte: Es half nichts. Die Holzkisten standen im Zimmer, waren gepackt und oben lagen die Pässe auf. Doch in der Nacht vor der Abreise wagten die Zwillinge noch einen letzten Versuch, in der vertrauten Heimat und bei der geliebten Oma zu bleiben.

Sie zogen, nur mit einem Nachthemd bekleidet los, schlichen auf Zehenspitzen durch das Haus und holten die Gießkannen. „Da haben wir die Pässe ein bisschen schwimmen lassen.“ Sie lacht keck, wie ein junges Mädchen, als wäre sie noch immer ein bisschen stolz auf ihren frechen Einfall von damals. Kein Pass? Keine Reise! Am nächsten Tag aber war der Teufel los. „Der Plan ist nicht aufgegangen, wir mussten trotzdem mit.“

Zwei Jahre war Karin Mohn dann mit ihrem Bruder und den anderen Geschwistern in Syrien. Die Zeit dort empfand sie als schön, doch blieb die Mutter für Karin Mohn weiter „die Frau“. „Naja, wenn man bei der Oma groß wird...“ Nachdenklich hält sie inne, legt den Kopf schief und sagt: „Aber komischerweise, zum Vater haben wir sofort eine Verbindung gehabt. Der war irgendwie anders als die Mutter.“

Zwei Jahre später ging es für die gesamte Familie Mohn zurück ins Allgäu. Das Mädchen war völlig aus dem Häuschen, atmete auf. Endlich. In Bayern zurück, kam das Taxi kaum zum Stehen, da sprang das quirlige Kind schon heraus, lief ins Haus und rief nach ihrer Oma. „Ja, aber ich hab schreien können wie ich wollte. Es kam keine Antwort. Die Oma war tot.“ 

Manche Dinge, die zu Boden fallen, hinterlassen tiefe Eindrücke. Neben der Liebe, Fürsorge und den wunderbaren Erinnerungen an ihre Großmutter, blieb Karin Mohn noch etwas, das sie ein Leben lang begleitete: die Handarbeit. Und immer mit dabei war die silberne Schere ihrer Großmutter, mit der sie auch heute noch die Ärmchen und Beinchen der Engelchen zurechtstutzt.

Fünf bis sechs der kleinen Engelchen häkelt Karin Mohn täglich.

Ausschlaggebend für das Häkeln war der Verlust einer älteren Bewohnerin des KWAs, mit der Mohn fast jeden Tag verbrachte und der sie in vielerlei Hinsicht half. Nach dem Tod fiel Karin Mohn in ein Loch. Doch dann setzte sich neben der Trauer ein anderes Gefühl durch: Sie wollte weiterhin den Menschen etwas geben – sie begann mit dem Häkeln der Engelchen, nachdem eine Freundin ihr einen gehäkelten Engel schenkte. Diesen hat sie bis heute aufbewahrt: „Und dann habe ich mir gedacht: ‚Naja, gut und schön. Aber wie sieht der denn aus?‘“ Karin Mohn lacht: „Er hat mir nicht so gut gefallen. Die Flügel sind hinten auch unterschiedlich.“ Also hat sie angefangen, den Engel auf ihre Art und Weise zu optimieren.

„Für den ersten Engel habe ich schon lange gebraucht. Aber jetzt geht das ganz schnell.“ Mittlerweile ist die fleißige Dame beinahe eine Berühmtheit im KWA Hanns-Seidel-Haus, in dem sie selbst eigenständig lebt. Es hat sich schnell herumgesprochen, was Karin Mohn Abend für Abend schafft. Ein Foto einer kleinen Engelauswahl zeigte Karin Mohn damals der KWA Mitarbeiterin Martina Matthias, die sich zusätzlich ehrenamtlich im Hospiz engagiert. „Dann hat sie gleich mal welche dahin mitgenommen“. 

So kam es, dass Karin Mohn die Engel nun für das Hospiz häkelt, die demnächst auch auf dem Ottobrunner Christ­kindlmarkt verkauft werden. Von dem Erlös erhält Karin Mohn nichts, es soll einzig und allein dem Hospiz zu Gute kommen. Sie macht das kostenlos. Aus Nächstenliebe.

Trotz der großen Begeisterung muss die Engelmama eine Frage immer wieder beantworten: „Warum haben die Engel denn gar keine Augen?“ Sie erklärt: „Engel haben keine Augen.“ Und tatsächlich: Aus biblischer Sicht werden Engel als rein geistige Wesen beschrieben – im Unterschied zu den Menschen, deren Natur sich aus Geist und Körper zusammensetzt. Doch vielleicht ist es auch so, dass die Engel Mohns bedingungslos für ihre Empfänger da sind. Ganz gleich, was der Mensch in seinem Leben getan hat. Es zählt schlicht und ergreifend nicht. Die Engel haben es nicht gesehen, gehört und tratschen auch nichts weiter. Ihre Aufgabe besteht einzig und allein darin, Trost zu spenden und zu schützen.

Karin Mohn hat Gottvertrauen. „Es gibt jemanden da oben. Wie ich ihn nennen soll, keine Ahnung.“ Kirche und Glauben trennt sie voneinander, sie ist aus der Kirche ausgetreten. Es tat ihr in der Seele weh, wenn eine Kundin im Rentenalter damals 50 Mark abheben wollte, aber nichts mehr auf dem Konto war. Die ehemalige Deisenhofener Sparkassenangestellte war enttäuscht, dass die Kirche in solch wichtigen Fällen nicht eingegriffen und geholfen hat. Vielleicht fließt diese Erfahrung ebenfalls mit ein, in den Ursprung der kleinen Engelchen, die den Leuten auf eine andere, ebenfalls wertvolle und trostspendende Art und Weise helfen. 

Mittlerweile kann Karin Mohn stolz von ihren Engeln behaupten, dass diese um die Welt fliegen. Jeder, der einen in die Hand bekommt, ist sofort begeistert und will sie teilen. Bisher flogen sie unter anderem nach Schweden und La Palma. Jeder der Engel ist handgemacht und in jedem steckt eine Menge Liebe. Welche Aufgaben die Engel Karin Mohns in Zukunft wohl haben werden und wohin sie von Ottobrunn aus fliegen werden, bleibt das Geheimnis der stummen Engelchen. Erfüllen werden sie ihren Dienst aber in jedem Fall. Dank Karin Mohn, der Engelmama.

Melanie Schröpfer

Die Engel auch auf Nachfrage

Sollten nach dem Christkindlmarkt alle Engel vergriffen sein, die Nachfrage aber weiter bestehen, würde Karin Mohn auf Wunsch weitere Engel anfertigen, jedoch nur unter der Prämisse, dass es keinen festen Abgabetermin gibt und diejenigen, die einen Engel haben möchten, die Wolle zur Verfügung stellen würden.

Kommentar

Nächstenliebe in unserer Zeit: Fehlendes menschliches Verhalten stößt auf Unverständnis.

Karin Mohns Engel wecken die gute Seite im Menschen. Jeder möchte sie weitergeben, möchte helfen und ebenfalls Freude schenken. Eine alte Dame sitzt abends häkelnd in ihrem Sessel und kann dabei nicht im Geringsten erahnen, wie viel Liebe sie damit in die Welt hinaus sendet. Eine kleine Tat, die so viel bewirkt.

Wir alle freuen uns über Geschenke und Kleinigkeiten. Warum fangen wir nicht selbst damit an, sie zu verteilen, anstatt nur darauf zu warten, beschenkt zu werden? Es ist so viel erfüllender, der Sender des Glücks zu sein. Nicht einmal in der Weihnachtszeit ist der Mensch bereit zu reflektieren. Zu geben. Denn auch abseits des Alltagstrotts ist es ein Ellenbogen-Gedränge durch die Menge. Ein Kampf um die Geschenke. Tag für Tag. Schlag für Schlag. Die Tage werden kürzer, uns fröstelt es. Kuschelige Pullover werden angezogen. Sie bleiben unschuldig weiß, auch wenn die Ellbogen ausgefahren werden – ohne Rücksicht auf Verluste. Vielleicht wäre es für uns alle besser, wenn sie such rot verfärben würden. Unsere weiße Weihnacht. Oberflächlicher Friede kehrt ein. Zumindest so lange, bis es wieder warm genug ist, um die Ärmel hochzukrempeln. Muss das alles sein? Friede sei mit dir. Und. Mit. Deinem. Geiste.

Melanie Schröpfer

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