Vergessene Kinder sollen gehört werden

Ottobrunn: Blaue Kreuz bietet Kindern aus Suchtfamilien ihre Hilfe an

Kinder leiden oft stumm unter den Suchterkrankungen ihrer Eltern. Sandra Wendl (links) und Laura Barth (rechts) vom blauen Kreuz helfen in Ottobrunn.
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Kinder leiden oft stumm unter den Suchterkrankungen ihrer Eltern. Sandra Wendl (links) und Laura Barth (rechts) vom blauen Kreuz helfen in Ottobrunn.

„Wenn wir wahren Frieden in der Welt erlangen wollen, müssen wir bei den Kindern anfangen.“ Das wusste schon Mahatma Gandhi. Doch gibt es in Deutschland knapp 2,6 Millionen Kinder, die still unter der Problematik ihrer Eltern leiden.

Ottobrunn – Es gibt nichts ehrlicheres, als das Lachen eines Kindes. Die Sprösslinge toben, springen, spielen. Sie sind von Natur aus fröhlich. Aber manchmal verbietet es ihnen ihr Zuhause, diese Unbeschwertheit voll zu leben.

Denn da ist etwas, das in der Gesellschaft – zumindest in Maßen – präsent und verankert ist: Der Alkohol. Der Griff zur Flasche ist schnell getan. Was ist schon ein Glas zu viel? Gerade mit der Alkoholsucht wird schnell der zitternde oder schwitzende in Verbindung gebracht, doch beginnt Sucht schon viel früher. Es ist ein schleichender Prozess. 

Linda Barth, Sozialpädagogin des blauen Kreuzes Ottobrunn, weiß: „Aus einem Feierabendbier werden im Laufe der Zeit zwei oder drei. Und plötzlich merkt man‚ dass man nicht so leicht auf das Bier verzichten kann. Nach Jahren des Konsums kann sich auch eine körperliche Abhängigkeit entwickeln.“ 

Es ist also nicht nur derjenige abhängig, der auf der Parkbank liegt und sich ins Delirium trinkt – betroffen sind alle Altersklassen, Berufs- und Bildungsgruppen. Alle Schichten. Und Leidtragende sind immer die Kinder. Viel zu früh müssen sie viel zu viel Verantwortung übernehmen.

Kinder leiden stumm. Sie kennen keinen Ausweg aus ihrer Situation, halten das, was sich zu Hause abspielt, für normal. Doch wächst das innere Leid der Kinder weiter und weiter. Sie sind hilflos. Ihre Kinderseelen schutzlos.

Und genau hier setzt die Arbeit von Linda Barth und Sandra Wendl, ebenfalls Sozialpädagogin des blauen Kreuzes Ottobrunn, an. Unter dem Motto „Vergessenen Kindern eine Stimme geben“, sollen zum einen Gesellschaft und Politik für dieses Thema sensibilisiert werden, zum anderen sollen Kinder und Jugendliche gehört und erhört werden. 

Denn wie Sandra Wendl erzählt, trauen sich Kinder oft nicht, den ersten Schritt zu gehen. „Von den Eltern wird vermittelt, dass es ein Tabu-Thema ist. Viele Kinder tragen den Verschwiegenheitsmantel, weil sie glauben, dass sonst irgendwas Schlimmes passiert“. 

Nach außen hin versuchen sie das Bild der heilen Familie zu wahren, tun alles dafür, dass das große Geheimnis nicht herauskommt und decken ihre Eltern. Kinder übernehmen Verantwortung für ihre Eltern. Um mit der Suchterkrankung ihrer Eltern oder ihres Elternteils umzugehen, schlüpfen sie unbewusst in verschiedene Rollen. Diese Rollen gilt es in vier Kategorien einzuteilen. 

Sozialpädagogin Wendl sagt: „Welche Rolle die Kinder einnehmen ist unterschiedlich und hängt auch sehr von ihrem eigenen Charakter ab“. Zum einen gibt es den Helden, der viel Verantwortung übernimmt, in die Aufgaben der Erwachsenen involviert ist. Wendl erzählt, dass manche Kinder auch in die Rolle des schwarzen Schafes fallen. „Das sind die Auftreiber, die viel Ärger verursachen“. 

Zum anderen gibt es das stille Kind, das introvertiert ist und sich verschließt und zu guter Letzt gibt es die Rolle des Clowns, in der sie Halt suchen. Linda Barth berichtet, dass Kinder aus suchtbetroffenen Familien auch oft sehr müde sind. „Oder sie klagen vermehrt über Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen“. Diese sind dabei psychosomatisch hervorgerufen.

Die Kinder geben sich selbst die Schuld an der Problematik der Eltern. Sie denken, ihre Eltern lieben sie nicht. Oder haben damit aufgehört sie zu lieben. Kinder sind sensibel, schließen immer von anderen auf sich selbst. 

Dabei sind die Eltern, die sich ihrer Sucht bewusst sind, oft zerrissen. Natürlich lieben sie ihre Kinder. Aber es ist nicht leicht, den Teufelskreis zu durchbrechen. Der erste Schritt zur Besserung aber ist die Einsicht. Denn dann können Gespräche wie mit dem blauen Kreuz folgen. Beratungen zeigen die individuellen Behandlungsmethoden auf und helfen dabei, die Suchterkrankungen wieder in den Griff zu kriegen. 

Kinder, die von elterlicher Suchtproblematik betroffen sind, aber auch Betroffene selbst, können neben der offiziellen Telefonsprechstunde, die immer dienstags von 10 bis 11 stattfindet, anlässlich der bundesweiten Aktionswoche noch zusätzlich zwei Telefonsprechstunden, am Donnerstag, 13. Februar von 15.30 bis 16.30 Uhr und Freitag, 14. Februar von 10 bis 11 Uhr wahrnehmen.

Weitere Informationen gibt es auch unter www.blaues-kreuz.de/bkz-muenchen.

Melanie Schröpfer

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