Kann die Krise eine Chance sein?

Die Pflege steht vor großen Herausforderungen

Pfleger hoffen derzeit, dass ihre Leistung nach der Corona-Zeit nicht wieder in Vergessenheit gerät.
+
Pfleger hoffen derzeit, dass ihre Leistung nach der Corona-Zeit nicht wieder in Vergessenheit gerät.

Die Corona-Zeit ist für Pflegekräfte eine große Herausforderung. Doch im Gespräch mit Stiftsleiterin des KWA Hanns-Seidl-Haus in Ottobrunn, Ursula Cieslar, wird deutlich, dass schon zuvor die Pflegesituation angepannt gewesen ist. Der Pflegenotstand werde jetzt nur deutlicher.

Ottobrunn – „Wir bleiben Zuhause“, heißt es, wo man nur hinhört. Im Radio, in den Nachrichten und in den Printmedien wird dazu aufgerufen, das Haus nur so selten wie möglich zu verlassen. Viele Arbeitnehmer erhalten die Möglichkeit, im Home-Office zu arbeiten. Von zuhause arbeiten — das allerdings können Pflegekräfte nicht. Mit ihrer Präsenz halten sie den Betrieb in den Pflege- und Altenheim aufrecht. 

„Die erste Woche der Corona- Pandemie war für uns alle sehr anstrengend, bis wir wussten, in welche Richtung sich diese Krise entwickelt“, sagt Ursula Cieslar, Stiftsleiterin des KWA Hanns-Seidl-Haus in Ottobrunn. Die Bewohner im Betreuten Wohnen konnten mit den ersten Maßnahmen, die das Heim umsetzte, wie Abstand halten, abgesagte Veranstaltungen und Besuchsverbot, gut umgehen. „Im Pflegebereich ist das aber schon schwieriger“, so Cieslar. „Die gewohnten Kontaktpersonen fehlen auf einmal, Aktivitäten finden nur noch im eigenen Bereich statt. 

Das bedeutet für viele Bewohner eine massive Umstellung.“ Dass dieser Einschnitt so massiv ist, liegt daran, dass sehr viele Menschen mit einer Demenz-Erkrankung im Pflegebereich des Hauses betreut werden. Täglich müssen die Pflegekräfte viel Geduld und Einfühlungsvermögen zeigen. Jeden Tag aufs Neue erklären die Angestellten, warum kein Besuch mehr komme oder körperlicher Kontakt nicht möglich sei. 

„Da sind unsere Mitarbeiter ständig gefordert.“ Denn was nicht thematisiert wird, ist, welchem Druck die Mitarbeiter ausgesetzt sind. Auch sie müssen Abstand halten – doch ist das in der Pflege nicht möglich. Einen Menschen zu waschen, ohne ihn zu berühren: Wie soll das gehen?

Hygiene wird immer großgeschrieben 

Die Heimleiterin erzählt, dass das Thema Hygiene selbstverständlich immer großgeschrieben werde. „Nach Hygienerichtlinien zu arbeiten, ist nichts Neues für Pflegekräfte, dennoch hat dieses Thema in der Krise noch mehr an Bedeutung gewonnen.“ Im Heim werde viel darüber geredet und an alle Kräfte appelliert, die eigenen Kontakte so gering wie möglich zu halten. Grundsätzlich herrsche bei allen Mitarbeitern eine dauernde innere Anspannung. „Es wird viel für die Sicherheit getan, aber wir Mitarbeiter haben auch noch ein privates Umfeld. Nach der Arbeit verlassen wir das Haus, gehen einkaufen, sind in der Familie. Niemand weiß, ob man nicht jemanden trifft, der infiziert ist, keine Symptome hat, das Virus an einen der Mitarbeiter weitergibt.“ 

Die Pflegekräfte tragen enorm viel Verantwortung und setzen auch ihre eigene Gesundheit aufs Spiel. Sie tun es für diejenigen, die sich alleine nicht versorgen können. Jüngst kritisierte die Berliner Krankenschwester Nina Magdalena Böhmer Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in einem emotionalen Facebook-Post, der viral ging. Sie machte ihrem Unmut Luft und schrieb unter anderem: „Dann sagt Herr Spahn es geht gar nicht um die Bezahlung in dem Beruf, es ist nur wichtig, den Job attraktiver zu machen. (...) In einem Beruf, der jahrelang unterbezahlt ist (...) wo alle am Limit arbeiten (...) wir sollen Helden sein und werden so behandelt? Eigentlich sollten genau jetzt alle Pflegekräfte ihren Job kündigen!“

Zu wenig Personal, zu wenig Zeit 

Urusla Cieslar ist seit 30 Jahren im KWA tätig. Sie selbst kämpft schon seit Jahren zusammen mit Kollegen um eine Neuausrichtung der Pflege. Auch in Zeiten vor Corona war die Situation angespannt. „Die Mitarbeiter, die uns laut Pflegegraden zustehen, sind trotzdem – und gerade in so einer Krise – einfach zu wenig“, verdeutlicht Cieslar. Es gebe zu wenig Personal, um den Bewohnern mehr Halt auf emotionaler Ebene zu geben. Zu gerne würden die Pflegekräfte ihren Patienten den Kummer durch Gespräche nehmen. Aber es ist keine Zeit dafür. 

Der Pflegenotstand werde laut Cieslar in dieser Krise nur noch deutlicher. Alles, was wir an Anforderungen haben, ist nicht mehr zu schaffen.“ Die Frustra- tion wachse ebenso wie der Druck, so Cieslar. „Die Mitarbeiter wollen ihre Arbeit gut machen. Doch unter diesen Bedingungen, wird es immer schwieriger.“ Nun werde ihnen endlich zugehört. „Es ist traurig, dass erst so eine Krise kommen muss, um das Thema Pflegenotstand auf die Prioritätenliste ganz nach oben zu rücken.“ Dennoch sieht Cieslar die Corona-Pandemie als Chance. Sie hofft und wünscht sich, dass die Situation zum Anlass genommen wird, um die Pflege wirklich zu verändern. „Ich hoffe, dass wenn die Krise vorbei ist, alles nicht einfach wieder in Vergessenheit gerät.“

 Melanie Schröpfer

Weitere Nachrichten aus der Region finden Sie in unserer Übersicht.

Besuchen Sie HALLO auch auf Facebook.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Bürgermeister Thomas Pardeller: „Neubiberg trifft es besonders hart“
Bürgermeister Thomas Pardeller: „Neubiberg trifft es besonders hart“
Florian Schardt, Vorsitzender der SPD München-Land, im Gespräch
Florian Schardt, Vorsitzender der SPD München-Land, im Gespräch
Schwester Charlotte vom Maria-Theresia-Heim Neubiberg über das Leben im Kloster
Schwester Charlotte vom Maria-Theresia-Heim Neubiberg über das Leben im Kloster

Kommentare