„Es gibt noch keinen, der mit dem Tod droht“

Neubiberger Initiative „Klimaneutral 2035“ gegründet

Annika Gehrmann und Christian Ellerhold in Neubiberg.
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Annika Gehrmann und Christian Ellerhold haben sich das Ziel auf die Fahne geschrieben, dass die Gemeinde Neubiberg bis 2035 klimaneutral sein soll.

Neubiberg soll bis 2035 klimaneutral sein - dieses Ziel haben sich Annika Gehrmann und Christian Ellerhold auf die Fahne geschrieben. Mit ihrer Initiative „Klimaneutral 2035“ wollen sie so viele Bürger wie möglich mobilisieren.

Neubiberg - Deutschland soll nach den Zielen des Pariser Klimaabkommens bis 2050 klimaneutral sein. Aber wie? „Es gibt keinen Fahrplan, der uns Richtung null bringt“, kritisiert der Neubiberger Christian Ellerhold. Geht es nach den Berechnungen des Weltklimarats, müssten wir hierzulande sogar bis 2035 schon klimaneutral sein. Und was für das ganze Land gilt, muss auch in jeder einzelnen Gemeinde erfüllt werden.

Deshalb will Ellerhold das Problem auf kommunaler Ebene angehen und hat die Initiative „Klimaneutral 2035“ gegründet. Er habe erkannt, dass es nicht ausreicht, in der eigenen Familie etwas zu tun. „Ich muss so viel tun, wie in meinem Wirkungsbereich möglich ist“, erklärt er.

Ein ambitioniertes Vorhaben, dessen ist sich der Experte für Cybersecurity bewusst. Ebenso wisse er, dass viele Entscheidungen auf Bundesebene fallen müssen und die Gemeinde nicht die Chance hat, alleine Neubiberg klimaneutral zu machen. Aber: „wenn man nicht anfängt, tatsächlich etwas zu tun, wird man es nicht schaffen.“

Deshalb konzentriert sich die Initiative bei ihren Forderungen auf das Thema Energiewende. Die Gemeinde habe die Möglichkeit auf dieser Ebene Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich Bürger für erneuerbare Energien entscheiden können.

Nun sei es an der Zeit, aus dem unkonkreten Klimaschutzkonzept der Gemeinde einen strukturierten Fahrplan zu machen. Dafür müsse zunächst herausgefunden werden, wie hoch der CO2-Ausstoß in der Gemeinde ist. Danach müssen verfügbare Maßnahmen erodiert und priorisiert werden. Daraus ergebe sich dann ein Maßnahmenplan für Neubiberg.

Dass das wertvolle Zeit kostet, die wir eigentlich nicht mehr haben, weiß Ellerhold: „Wenn wir warten, bis wir das ausgearbeitet haben, werden wir die Klimaneutralität nicht schaffen.“ Deshalb müssten mithilfe von Experten und Fachstellen wie etwa der Energieagentur Ebersberg-München sinnvolle Sofortmaßnahmen erarbeitet werden.

Ebenso wichtig wie der Maßnahmenplan ist der Initiative die Wichtigkeit des Themas aufrecht zu erhalten und so Druck bei den Entscheidungsträgern aufzubauen. Deshalb ist ein Kernziel, möglichst viele Neubiberger hinter dem Ziel Klimaneutralität zu vereinen. Ob der Druck „von unten“ wirklich etwas bewirken kann? „Ich glaube zumindest, man kann es nicht erreichen, wenn der Druck nicht kommt“, ist sich der Initiator sicher.

Dass Druck aus der Bevölkerung wirklich etwas bewirken kann, hat die Fridays for future bewegen gezeigt, die erheblichen Einfluss auf den Ausgang der letzten Europawahlen hatte. Ellerhold ist es allerdings wichtig, seine Initiative davon abzugrenzen: „Ich möchte keine Initiative starten, die Kontra macht und nur Forderungen stellt. Es soll partnerschaftlich und im Schulterschluss erfolgen.“

Ellerhold ist zwar Mitglied im Grünen-Ortsverband, gründete „Klimaneutral 2035“ aber unabhängig und parteiübergreifend. Denn er weiß: „wir werden das Thema bestimmt nicht schaffen, wenn wir es nur aus der grünen Brille sehen.“ Er möchte alle Parteien mit ins Boot holen und hat sich bereits vor der Gründung mit den drei Bürgermeistern, den Fraktionssprechern und auch Mitgliedern von der Agenda 21 und Neubiberg for future besprochen. Das Feedback sei durchweg gut gewesen.

Nun gehe es darum, so viele Bürger wie möglich zu mobilisieren – das ist unter den derzeit gültigen Bestimmungen nicht so leicht. Zwar macht die Initiative über soziale Medien und ihre Homepage auf sich aufmerksam, aber „man wird viele Unterstützer nur bekommen, wenn man rausgeht und mit den Bürgern reden kann“, so Ellerhold. Denn das Thema sei nicht trivial. „Am Ende muss man viel Überzeugungs- und Erklärungsarbeit leisten.“

So erschwert die Corona-Pandemie die Arbeit für den Klimaschutz derzeit enorm. Kann die Pandemie aber auch eine Chance sein, den Menschen die Auswirkungen einer globalen Krise deutlich zu machen und sie zum handeln zu bewegen? Der Neubiberger ist da skeptisch. „Ich glaube leider, es ist sehr menschlich, dass man nur reagiert, wenn man unmittelbar bedroht ist und nicht wenn mittelfristig irgendwas am Horizont lauert“, sagt Ellerhold und meint weiter: „Es gibt bei der Klimakrise noch keinen, der mit dem Tod droht wie bei Corona.“

Auch gibt er zu, dass es eine Luxusposition sei, sich mit dem Thema intensiv beschäftigen zu können. Weil die Lehren aus Corona nicht sehr groß sein werden, müsse den Menschen konkret erklärt werden, dass bei diesem Thema langfristig geplant werden muss. „Prävention auf 20 bis 30 Jahre im voraus ist sehr schwer zu vermitteln“, weiß Ellerhold. Aber Corona werde vermutlich in zwei Jahren gut im Griff sein, die Klimakrise könne nicht so schnell gestoppt werden. „Das ist wie ein Tanker, der nicht reagiert“, beschreibt er.

Eine schwere und vor allem globale Aufgabe, für die Christian Ellerhold Deutschland und die anderen Industrienationen in der Pflicht sieht. „Wir sind in einer Vorteilposition, in die wir uns stark auf dem Rücken anderer hingearbeitet haben. Wenn die reichen Nationen nicht die neuen Technologien umsetzen, werden die ärmeren nicht mitgehen“, erklärt er. Außerdem könne hierzulande auch wirtschaftlich davon profitiert werden, wenn neue, klimafreundliche Techniken in andere Länder verkauft werden.

Bei der offiziellen Gründung der Initiative „Klimaneutral 2035“ am 12. November nahmen bis zu 54 Interessierte virtuell teil. Von der Teilnehmerzahl und den regen Fragen zeigt sich Ellerhold positiv überrascht. Er freut sich über jeden Unterstützer: „Denn am Ende können wir am meisten bewegen, wenn wir viele sind.“

Iris Janda

Weitere Informationen und die Unterstützerliste für die Initiative „Klimaneutral 2035“ gibt es unter: https://klimaneutral2035.de/

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