Unzumutbare Lage für Familien und Lehrer

Neubiberger Elternbeiratsvorsitzende wendet sich mit offenem Brief an Kultusminister

Statt „mebis“ soll an bayerischen Schulen nun „Microsoft Teams“ als Standardplattform verwendet werden. Doch die IT-Infrastruktur hat noch viel mehr Schwachstellen.
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Statt „mebis“ soll an bayerischen Schulen nun „Microsoft Teams“ als Standardplattform verwendet werden. Doch die IT-Infrastruktur hat noch viel mehr Schwachstellen.

Neubiberg – „Die Eltern sind nicht mehr in der Lage, das nochmal durchzuziehen!“ – zu diesem Urteil kommt Gitta Svoboda, Vorsitzende des Elternbeirats der Realschule Neubiberg. Eigentlich arbeitet sie als Geschäftsführerin zweier Unternehmen. Die letzten acht Wochen habe sie allerdings ihren Job kaum noch machen können, so viele E-Mails von verzweifelten Eltern erreichten sie. Diese beklagen die Probleme beim Homeschooling. Diese stellen eine große Belastung für Schüler, Familien und Lehrpersonal dar. 

„Wir haben stark mit der Schule kooperiert, um zu sehen, wie wir eine IT-Infrastruktur verbessern können, die eigentlich nicht da ist“, verdeutlicht Svoboda. Das Problem dafür liege nicht bei den Schulen, sondern beim Kultusministerium. Deshalb hat sich die Beiratsvorsitzende mit einem offenen Brief direkt an den bayerischen Kultusminister Michael Piazolo gewandt. Es müssten wichtige Entscheidungen zum IT-Ausbau vom Kultusministerium getroffen werden. „Wenn die von oben nicht kommen, können wir hier unten nicht arbeiten.“ Ein erster wichtiger Schritt sei Mitte Mai die Ausrufung des Portals Microsoft Teams als Standardplattform gewesen. 

Doch damit fange die Arbeit erst an. Alle Schüler müssten mit Endgeräten ausgestattet und leistungsfähigere Server an den Schulen eingerichtet werden. „Der Server hier hat teilweise schon mit 200 bis 300 Schülern Schwierigkeiten, wenn dann 850 gleichzeitig zugreifen, stürzt der natürlich ab“, erklärt Svoboda. Doch wo neue Hardware und Systeme eingeführt werden, braucht es für eine funktionierende Infrastruktur auch entsprechendes Personal. 

Bei diesem Punkt liegt laut der Elternbeiratsvorsitzenden die Krux: „In den Schulen sind die Lehrer, die Informatik machen, in der Regel auch diejenigen, die sich zusätzlich um die IT-Infrastruktur an der Schule kümmern. Das kann nicht funktionieren!“ Deshalb sei es entscheidend, dass jede Schule einen hauptberuflichen IT-Beauftragten erhält. „Das wäre die erste Maßnahme, damit überhaupt etwas funktionieren kann“, betont Svoboda. 

Genauso brauche es Dienstleister und Fachkräfte, die Lehrkräfte in die neuen Systeme einarbeiten. Die Dienstleister für IT-Fachkräfte, die das Kultusministerium zulässt, sind derzeit stark ausgebucht. Deshalb müssten laut Svoboda vom Ministerium noch mehr Anbieter autorisiert werden, um diese Personallücke schnellstmöglich zu schließen. Die Forderungen aus dem offenen Brief sind mit einem hohen finanziellen und zeitlichen Aufwand verbunden. „Aber die Gelder sind da“, weiß Svoboda. 

Gemeint ist damit der „DigitalPakt Schule 2019 bis 2024“ von Bund und dem Freistaat Bayern, der bereits im Juli letzten Jahres in Kraft trat. Über fünf Jahre sollen 778 Millionen Euro in die digitale In- frastruktur an den bayerischen Schulen fließen. Die ersten Gelder wurden Anfang März verteilt. Doch wegen fehlender Rahmenverträge sei die Beschaffung für die Sachaufwandsträger zeit- und arbeitsaufwendig. 

Auch hier sieht Svoboda das Kultusministerium in der Pflicht, durch geeignete Rahmenvereinbarung das Verfahren zu erleichtern und damit zu beschleunigen. Sie habe sich ganz bewusst direkt an die Entscheidungsträger gewandt. „Es muss ein gewisser Druck von oben kommen, sonst passiert nichts.“ Dann könnten wichtige Maßnahmen auch sehr zeitnah realisiert werden. Die Einführung von Microsoft Teams habe gezeigt, wie schnell Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden können. 

Nun müsse an den weiteren wichtigen Stellschrauben gedreht werden, damit so schnell wie möglich alle Schulen im Freistaat mit adäquaten IT-Systemen ausgestattet sind und überall ein einheitliches Konzept für ein funktionierendes Lernen zu Hause steht. In ihrem Brief fordert Svoboda die Umsetzung der Maßnahmen bis spätestens nach den Sommerferien. „Überall ist die Rede von einer zweiten Welle im Herbst. Und auch wenn es jetzt wieder mehr Präsenzunterricht gibt, wird er sich auf nicht absehbare Zeit mit digitalem Lernen von zu Hause abwechseln“, meint Svoboda. 

Dass ein Unterricht wie im Klassenraum auch digital funktionieren kann, wisse sie von ihrer eigenen Enkelin, die die zweite Klasse einer britischen Privatschule mit Klassenkameraden auf der ganzen Welt besucht. Es gibt dort vier Tage die Woche normale Schultage mit Live-Unterricht vor dem Rechner. Der Lehrer kann dabei ins Unterrichtsgeschehen eingreifen und die Mitschüler können miteinander sprechen. 

Dadurch haben die Kinder weiterhin einen geordneten Schulalltag und sozialen Kontakt. Wie wichtig diese Strukturen für die Heranwachsenden sind, zeigen Svoboda die Rückmeldungen aus den Elternbeirat. „Wir haben traumatisierte Schüler, die mit dem Thema nicht zurecht kommen. Sie fühlen sich vernachlässigt und haben ihr Sozialnetz verloren. Es gibt auch bereits Fälle, wo Kinder depressiv geworden sind“, berichtet sie. Vom Ministerium oder anderen politischen Fraktionen sei bislang noch keine Rückmeldung auf ihren Brief gekommen. Die viele Reaktionen der Eltern darauf zeigen ihr aber, wie sehr die Situation die Familien belastet – und dass die Zeit drängt. 

Iris Janda

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