Neubiberg und Hohenbrunn finanzieren Raumluftfilter für Grundschulen

Gemeinden gehen mit gutem Beispiel in der Pandemie voran

Grafik Schulunterricht während der Corona Pandemie
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Grafik: C. J. Kähler et al.: „Schulunterricht während der SARS-CoV-2 Pandemie“

Neubiberg will Vorreiter sein und stattet seine Grundschulen mit Raumluftfiltern aus. Vergangenen Woche entschied sich der Gemeinderat nach einem Fachvortrag einstimmig dafür. Nur wenige Tage später zog Hohenbrunn nach.  

Neubiberg - Ein Kind ist mit Covid-19 infiziert und kann trotzdem am Schulunterricht teilnehmen – wenn es nach Prof. Dr. Christian Kähler (kleins Foto) geht, soll das möglich sein. Er leitet das Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg.

Mit seinem Team hat er deutschlandweit als Erstes die Wirkung von Raumluftfiltern auf die Aerosolen-Konzentration in Klassenzimmern untersucht. Die Ergebnisse stellte er nun im Neubiberger Gemeinderat vor.

Prof. Dr. Christian Kähler hat die Wirkung von Raumluftfiltern auf die Aerosolen-Konzentration in Klassenzimmern untersucht.

Für seinen Versuch stellte Kähler im Labor ein Klassenzimmer mit Einrichtung und Probanden nach. Zusätzlich zum Raumluftfilter wurden an den Tischen zwischen den Schülern Plexiglas-Trennwände mit speziell ablaufenden Kanten aufgestellt.

Die Messung der Aerosolenkonzentration ergab, dass sich diese bei Anwendung der Raumluftfilter innerhalb von 15 Minuten deutlich reduziert hat, innerhalb von einer halben Stunde geht sie fast gegen Null. Der Vergleich mit dem Stoßlüften zeigte, dass dieses nicht annähernd so effektiv ist (siehe Grafik). „Lüften bringt gar nichts“, formulierte es Kähler zugespitzt. Für das Lüften spielen viele andere Faktoren eine wichtige Rolle, etwa die Temperatur-

unterschiede zwischen Innen und Außen sowie die Lüftungsmöglichkeiten durch große Fenster und Türen. „Fensterlüften ist teuer“, stellt der Experte außerdem klar. Die Kosten für das Heizen bei ständiger Lüftung wären sehr intensiv, viele Heizungen brächten dafür außerdem nicht die benötigte Leistung. Was es aber wirklich teuer mache: „Die Infektionen werden trotzdem in den Klassenzimmern stattfinden.“

Die professionellen Raumluftfilteranlagen, die 2200 Kubikmeter filtern und selbstreinigende H14-Filter haben, kosten zirka 3000 Euro pro Gerät, die Trennwände schlagen mit zirka 500 Euro pro Klassenraum zu Buche.

Günstigere Filtergeräte für mehrere hundert Euro könnten zum einen nicht die benötigte Leistung für Klassenräume bringen, zum anderen wären sie deutlich lauter und daher für konzentriertes Arbeiten ungeeignet. Anhand eines Vorführgerätes konnte sich das Gremium von der geringen Lautstärke überzeugen. „Es bewegt sich auf dem Niveau einer Spülmaschine“, verdeutlichte Kähler.

Der Verwaltungsvorschlag sah vor, alle 21 Klassen der beiden Grundschulen in Neubiberg mit je einem Filter und Trennwänden auszustatten. Dafür wurden 73.500 Euro veranschlagt. Es bestand Einigkeit darüber, dass die Gemeinde das Geld in die Hand nehmen soll. „Das ist ein sehr schlüssiges Konzept, dessen Funktionsfähigkeit wissenschaftlich belegt ist. Neubiberg kann mit gutem Beispiel voran gehen“, meinte etwa Léon Bogner (CSU).

Stephanie Konopac (FW.N@U) pflichtete bei: „Es ist toll, dass wir so eine Fachkompetenz hier am Ort haben. Wir sollten unbedingt zuschlagen.“ Sowohl Finanzreferent Hartmut Lilge (CSU) als auch Thomas Maier (Grüne) waren sich einig, dass dieses Geld gut investiert sei. „Es ist in meinen Augen dafür nicht viel Geld. Das sind genau 1,5 Tiefgaragenstellplätze“, so Maier mit Anspielung auf den Tiefgaragenbau für das Rathausprojekt.

Lucia Kott von den Grünen gab zu Bedenken, dass nach bisherigem Hygieneplan auch trotz Raumluftfilter eine Klasse bei Infektionsfall in Quarantäne müsse. Sie hoffe, dass die Staatsregierung die Regelungen dahingehend anpasse. Kott fand den Vortrag dennoch sehr überzeugend, aber auch in gewisser Hinsicht frustrierend: „Wir sind hier ganz nah an den Kindern dran auf kommunaler Ebene, aber von den Entscheidungsträgern abhängig. Und von oben kommt nichts.“

Tatsächlich gab das Bayerische Kultusministerium einen Tag nach der Neubiberger Sitzung bekannt, dass es 37 Millionen Euro in die Ausstattung von Klassenräumen mit mobilen Luftreinigungsfiltern investieren möchte. Allerdings nur für Räume, „die nicht ausreichend durch gezieltes Fensteröffnen oder durch eine RLT-Anlage gelüftet werden können.“

Neubiberg möchte auf das Geld vom Land nicht warten und es nun selbst in die Hand nehmen. Das Gremium einigte sich sogar einstimmig darauf, den Verwaltungsvorschlag auszuweiten und zusätzlich weitere Geräte für die Nachmittagsbetreuung zu kaufen. Bis zu 100.000 Euro macht die Gemeinde dafür frei. Tobias

Thalhammer (CSU) und Stephanie Konopac sprachen sich sogar dafür aus, auch Kulturräume, Kindergärten und Verwaltungsräume mit den mobilen Filtern auszustatten. Diese Euphorie musste Rathaus­chef Thomas Pardeller (CSU) dann doch etwas einbremsen.

„Wenn wir jeden Raum ausstatten, wird es doch eine Frage des Geldes“, erklärte er. Nun solle sich zunächst auf die Schulen beschränkt und aus der Erfahrung gelernt werden. In Zukunft könne dann über die Anschaffung weiterer Geräte gesprochen werden. Außerdem möchte sich die Gemeinde für Prof. Dr. Kähler als Pilotschule zur Studiendurchführung unter Realbedingung zur Verfügung stellen. Davon würden beide Seiten profitieren.

Nur wenige Tage später brauchte es im Hohenbrunner Gemeinderat nicht einmal den Fachvortrag, um das Gremium von dem Konzept zu überzeugen. Auch für Hohenbrunn galt Kählers Studie als Referenz. „Das ist der einzige Strohhalm, den wird haben, dass das Konzept auf einer wissenschaftlich fundierten Studie basiert“, so Bürgermeister Stefan Straßmair (CSU).

Eine Förderung der Filter durch Bund oder Land sei zwar abzusehen, aber nicht wann. „Wir brauchen die Geräte nicht nächstes Jahr im Sommer, sondern jetzt im Winter“, erklärte Straßmair. In der Sitzung konnten die Räte selbst spüren, was es bedeutet, bei kalten Temperaturen zu lüften. „Und wir haben jetzt erst Oktober, das kann man den ganzen Winter den Schülern und den Lehrkräften nicht zumuten“, meinte Regina Wenzel (SPD). „Das Geld sollten wir auf jeden Fall in die Hand nehmen“, so die Sozialdemokratin weiter.

Einstimmig entschied sich der Gemeinderat für die Beschaffung von zehn kleinen und 54 großen Geräten für 160.000 Euro. Die Raumluftfilter könnten nach den Herbstferien installiert werden.

Iris Janda

Kommentar

Veränderung beginnt von unten

Neubiberg und Hohenbrunn gehen einen lobenswerten Schritt

Großes fängt im Kleinen an – das hat sich seit Beginn der Pandemie immer wieder bewahrheitet. Dass Neubiberg und Hohenbrunn selbst das Geld für die Raumluftfilter in die Hand nehmen, ist lobenswert und traurig zugleich.

Lobenswert, weil die kommunalen Entscheidungsträger nicht darauf warten, bis die Staatsregierung Filteranlagen in die Schulen stellt. Traurig, weil es diesen Schritt braucht. Die Jugend leidet unter der Pandemie: Maskenpflicht im Unterricht, Jahrzehnte langes Abbezahlen der Milliardenpakete und schlechte Zukunftsprognosen aufgrund des verpassten Unterrichts. Warum dem nicht mit einer Lösung entgegenwirken?

Die kommunalen Verwaltungen ächzen unter der Arbeitslast. Täglich erreichen sie neue Anordnungen, die sie umzusetzen müssen. Genauso werden sie mit dem Ärger von Betroffenen über die Quarantäne-Maßnahmen konfrontiert. Sie müssen Regeln rechtfertigen, die sie selbst nicht aufgestellt haben. Aber wenn es nicht nur ums Anordnen, sondern ums Machen geht, müssen die Kommunen selbst vorpreschen.

Die Ernüchterung mancher Gemeinderäte, weil es trotz Raumluftfiltern weiterhin zu Klassen- oder Schulschließungen kommen kann, ist verständlich. Bleibt zu hoffen, dass die Staatsregierung zumindest dahingehend bei Anpassung des Hygienekonzepts schneller ist.  

Iris Janda

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