Oberstabsfeldwebel Harald Richter über seine Arbeit als Berufssoldat

Von individuellen Problemen bei einem Leben im Gleichschritt

Oberstabsfeldwebel Harald Richter ist seit 35 Jahren Berufssoldat bei der Bundeswehr in München.
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Harald Richter meldet sich nach über 35 Jahren als Berufssoldat Ende Oktober ein letztes Mal zum Dienst.

Mit der Universität in Neubiberg ist die Bundeswehr im Landkreis Südost vertreten. Was aber bedeutet es, sich der Bundeswehr zu verpflichten? Der 55-jährige Harald Richter ist Berufssoldat und seit 35 Jahren bei der Bundeswehr. Er weiß, dass auch ein Leben im Gleichschritt oft zu Problemen führen kann. Und dass Stärke und Schwäche manchmal kaum voneinander zu trennen sind.

Von der Straße aus ist das Gelände nicht zu sehen. Dichte Laubbäume vor dem 200 Meter langen Parkplatz verwehren die Sicht. Engmaschige Gitterzäune mit Dreifach-Stacheldraht umschließen die gesamte Fürst-Wrede-Kaserne in München. 300 Meter bis zum massiven Metalltor, das höher ist als ein Mann groß. An der Klingel mit eingebauter Kamera der Name „K. Mustermann“. Am Fahnenmast flattert Schwarz-Rot-Gold bei starkem Wind dem Regen entgegen. Direkt hinter der Pforte ein Wachposten. Den geschärften Augen des Sicherheitsmannes hinter der Schutzscheibe, die so dick ist, dass kein Ton durch sie dringt, entgeht nichts. Zum Sprechen muss er ein Mikrofon benutzen.

Ein Wagen kommt vor dem Durchlass zum Stehen. Die Fahrertür öffnet sich. Breite Schultern, lange Beine, schwarze Schnürstiefel nähern sich dem Gitter. Oberstabsfeldwebel Harald Richter hält seinen Ausweis vor. Der Sicherheitsmann hinter der Scheibe verlässt seinen Posten nicht, schickt stattdessen einen Kollegen zur Kontrolle. Ein Nicken in Richtung Wache. Er darf passieren. Richter trägt seine Uniform, eine Flecktarnhose und ein Flecktarnhemd. Die Ärmel hat er bis über die Ellbogen hochgekrempelt. Eine Jacke braucht er nicht. Später aber wird deutlich werden, dass der Mann, dem Wind und Wetter äußerlich nichts anzuhaben scheinen, innerlich ein ganz anderer ist.

Harald Richter hat volles, silberblondes Haar, die Seiten kürzer als oben, sodass die Ohren frei sind, er trägt eine unauffällige randlose Brille mit schmalen Nasensteg und Bügeln. Sein Gesicht ist glattrasiert. Mit dem Auto sind es wenige Minuten Fahrt über das Kasernen-Areal bis zu den Dienstzimmern. Richter sitzt in einem Büro voller Akten, das nicht seins ist. Seins ist zu klein: zwei Schreibtische und eine Kaffeemaschine.

Menschenwürde statt Rechtsextremismus

35 Jahre arbeitet Harald Richter bei der Bundeswehr, er bereut keinen einzigen Tag. Trotzdem ist Richter kritisch. Das teils negative Bild der Bundeswehr kommt nicht von ungefähr. „Für einen Rechtsextremisten oder Rechtsradikalen ist die Bundeswehr der ideale Nährboden. Waffen, militärischer Drill, Befehl und Gehorsam ist genau das, was der Rechte will.“ Er macht dem System den Vorwurf, dass an einigen Stellen ganz offensichtlich zu oft weggeschaut wurde. Demokratie, Freiheit, Frieden und Menschenwürde. Das ist es nach dem Bundesministerium der Verteidigung, was ein Soldat vertreten sollte. Die Mehrheit der Truppe tue dies auch uneingeschränkt – selbst wenn es überall auch schwarze Schafe gibt, sagt Richter.

Harald Richter ist niemand, der Fotos sammelt. Er lebt nicht in der Vergangenheit. Viel lieber ist er für andere da. Die letzten sieben Jahre vor seiner Pensionierung verbrachte er im Familienbetreuungszentrum. Richter unterstützte dabei Soldaten und deren Familien – sowohl vor, während und auch nach den Auslandseinsätzen.

Da ist die Ehefrau und Mutter, die mit dem schweren Rasenmäher nicht zurechtkommt, weil ihr Mann, der jetzt nicht mehr da ist, das immer erledigt hat. Da sind die Großeltern, die sich sorgen und wünschen, ihr Enkel würde sie öfter anrufen. Da ist das Testament, das der 25-Jährige vor seinem Auslands­einsatz noch schreiben muss, damit die Verlobte, die sich mit den Schwiegereltern nicht versteht, versorgt ist. Nur für den Fall der Fälle. Und da ist das Familienbetreuungszentrum, das die Nachbarschaftshilfe anfunkt, den Enkel anruft und rechtliche Fragen weiterleitet.

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die für die Familien zu Hause plötzlich zur großen Hürde werden. Es sind aber auch die Erlebnisse, mit denen Soldaten nach ihrer Rückkehr nicht zurechtkommen. Richter vermittelte zwischen den Familienangehörigen und den Soldaten. Die sind oft nur schwer zugänglich – emotional gesehen. Er selbst war nie im Auslandseinsatz, weiß aber dennoch aus eigener Erfahrung, wie es ist, lange von der Familie getrennt zu sein. Für Lehrgänge war er in Amerika, ist generell beruflich viel rumgekommen. Mal war er für ein paar Wochen, mal für einige Monate am Stück nicht zu Hause. „Damals war die Kommunikation ja noch eine ganz andere. Einmal in der Woche durften wir auf dienstliche Kosten telefonieren. Meine Tochter Lisa ging ans Telefon. ‚Hallo, hier ist der Papa‘, habe ich gesagt. Meine Tochter war damals vier Jahre alt. Sie sagte: ‚Der Papa ist in Amerika.‘ und legte auf. Das war’s mit dem Gespräch, die anderen in der Schlange waren mit dem Telefonieren dran.“

Wer für die Bundeswehr ins Ausland geht, hinterlässt in der Heimat einen leeren Stuhl. Während der Abwesenheit muss der Platz aber trotzdem besetzt werden, besonders wenn Kinder da sind. Und so nimmt meist das andere Elternteil diesen Platz ein. Doch nach der Rückkehr muss eben dieser Stuhl wieder eingenommen werden. Die Wiederbesetzung erfordert deshalb Bereitschaft von beiden Seiten. Kommunikation und Verständnis sind die Schlüsselelemente dafür. Das gab Richter weiter.

Der leere Stuhl muss wieder besetzt werden

Harald Richter ist dankbar für die Erfahrung, die er als Leiter im Familienbetreuungszen­trum erleben durfte. Unvergesslich ist für ihn die Geschichte eines Transallpiloten und dessen Frau. Der Wunsch der Ehefrau war, ihren Mann bei einem Flug in seinem Flugzeugmodell zu begleiten. Es klappte nie. Der Pilot kam während eines privaten Flugs ums Leben. Jahre nach seinem Tod versuchte sie weiter ihren gemeinsamen Traum zu verwirklichen. Doch scheiterte der Wunsch daran, dass der Pilot nicht dienstlich verunglückte. Dann, nach vier Jahren, wendete sich die Frau an das Familienbetreuungszentrum. Über den Inspekteur der Luftwaffe konnte die gemeinsame Vision über den Tod hinaus verwirklicht werden. In Gedenken an den Ehemann flogen sie mit „seinem“ Flugzeug, der Transall, über den Heimatort.

Oberstabsfeldwebel Harald Richter muss schlucken. Ein Mann, dessen Stimme den gesamten Raum einnimmt, sogar bis in den Flur hallt, ohne dabei unangenehm laut zu sein, wird plötzlich ganz still. Seine Augen füllen sich mit Tränen.

Nach einem Moment des Innehaltens sagt er: „Man kann viel bewegen, wenn man dahin geht, wo die Probleme gelöst werden können. Man verändert nicht die Welt, aber man verändert Situationen im Leben der Menschen – und zwar zum Positiven.“ Im September letzten Jahres ging Richter in den Ruhestand. Nicht mehr gebraucht zu werden, war ein unschönes Gefühl. Anfangs konnte er die neu gewonnene Zeit noch nutzen, übernahm mehr im Haushalt. Richter sagt, dass das aber zum Problem wurde: Hausarbeit sei nicht sein Aufgabengebiet, sondern das seiner Frau, die ihr Territorium in Gefahr sah. Ihren Stuhl.

Nach sieben Monaten Pension kehrte Richter diesen Mai zurück zur Bundeswehr. Seitdem ist er als Reservist eingesetzt. Sein Aufgabengebiet liegt nun in der Systemumstellung der automatischen Zeiterfassung. Bis Ende Oktober wird er noch bleiben. Dann, so sagt er, will er sich wirklich zur Ruhe setzen. Ausschließen, doch mal wieder vorbeizusehen, will er aber nicht.

Von der Straße aus kann man das Gelände nicht sehen. Dichte Laubbäume verwehren die Sicht. Harald Richter sitzt jetzt in seinem Wagen. Er lässt das Fenster herunter, verabschiedet sich mit einem Lächeln und herausgestrecktem Daumen. Seine Uniform kann und wird er ablegen. Seine Menschlichkeit nicht. Und bei starkem Wind flattert das Schwarz-Rot-Gold am Fahnenmast dem Regen entgegen.

Melanie Schröpfer

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