Vielen Familien geht langsam die Puste aus

Der mobile Familienstützpunkt steht derzeit in Ottobrunn beratend zur Seite

Zwei Sozialpädagoginnen vor dem Lotsenmobil des mobilen Familienstützpunktes in Ottobrunn
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Linda Rau (links) und Ann-Kathrin Grau stehen derzeit immer donnerstags mit dem Lotsenmobil auf dem Ottobrunner Rathausplatz. Das Angebot ist kostenlos und unverbindlich.
  • vonIris Janda
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Homeschooling, Home­office, Haushalt – Familien werden durch die Corona-Krise vor besonders große Herausforderungen gestellt. Der mobile Familienstützpunkt unterstützt sie in dieser schweren Zeit mit persönlicher Beratung direkt vor Ort.

Ottobrunn, Donnerstag Mittag: Auf dem Rathausplatz steht ein grauer Bus mit buntem Logo, zwei junge Frauen bauen einen Aufsteller mit Broschüren auf und lächeln den Passanten freundlich entgegen. Sie arbeiten als Sozialpädagoginnen im Lotsenmobil, dem mobilen Familienstützpunkt des eingetragenen Vereins Lotse Kinder- und Jugendhilfe. Ein direktes und persönliches Angebot in Zeiten, in denen Rathäuser und Beratungsstellen für den Publikumsverkehr größtenteils geschlossen sind und so viel wie möglich telefonisch geregelt werden soll.

Ann-Kathrin Grau, eine der beiden Fachfrauen aber sieht es so: „Gerade jetzt ist es noch wichtiger, vor Ort zu sein!“ Viele Familien hätten im zweiten Lockdown den Überblick verloren, welche Einrichtungen noch offen haben und wo ihnen geholfen werden kann. Durch die Präsenz vor Ort ist das Angebot besonders niederschwellig. Familien würden einfach zufällig vorbeilaufen und mit den Pädagoginnen ins Gespräch kommen.

Beratungsbus als Erstanlaufstelle

„Das würde gar nicht passieren, wenn wir nur einen Zettel irgendwo aufhängen und auf unsere Homepage hinweisen“, weiß Grau. Je nach Wetter würde es sich unterscheiden, ob Bürger gezielt oder zufällig zum Beratungsbus kommen. Genau das sei Ziel des präventiven Angebotes, erklärt Katrin Greiner, Koordinatorin des mobilen Familienstützpunktes. „Daraus entstehen Kontakte und Gespräche, die unter Umständen irgendwann einmal wichtig sind.“ Wenn eine Familie dann einmal in eine akute Krise komme, wisse sie, wohin sie sich wenden kann. „Wir wollen da ansetzen, wo die Not noch nicht eskaliert ist“, verdeutlicht Greiner.

Der mobile Familienstützpunkt dient als Erstanlaufstelle für Familien und ergänzt seit 2017 die festen Familienstützpunkte und -zentren im Landkreis München. Diese gibt es unter anderem in Taufkirchen, Dei­senhofen und Feldkirchen. Träger des mobilen Familienstützpunktes ist der Verein Lotse Kinder- und Jugendhilfe, der das Lotsenmobil als Teil seiner präventiven Angebote betreibt. Es fungiert als Ergänzung zu den festen Standorten, die sehr große Sozialräume abdecken.

„Wichtig ist uns, dass wir niemandem Arbeit weg nehmen, sondern mit den Akteuren vor Ort in einem Netzwerk zusammenarbeiten“, betont Greiner. „Wir wollen da eine Lücke schließen.“ Mittels Bedarfsanfrage wird festgestellt, in welchen Landkreis-Gemeinden die mobile Unterstützung gebraucht wird. Derzeit steht das Lotsenmobil einmal die Woche in Otto­brunn und in Garching.

Gestiegene Nachfrage im Vergleich zum Frühjahr

Wie sehr das kostenlose Angebot gerade in der aktuellen Situation gebraucht wird, erkennen die Pädagogen an der gestiegenen Nachfrage seit Mai vergangenen Jahres. „Im Vergleich zur Telefonhotline merken wir, dass präsente Angebote wesentlich häufiger angenommen werden“, erklärt die Koordinatorin. Die Hemmschwelle für den Erstkontakt sei gering, auch weil Gespräche bei gutem Wetter im Freien stattfinden können. Gerade zu Pandemiezeiten hätten einige Menschen auch Scheu vor Kontakt in geschlossenen Räumen.

Doch nicht nur im Vergleich zur Zeit vor Corona, auch gegenüber dem ersten Lockdown im Frühjahr seien deutlich mehr Anfragen zu verzeichnen. Bei vielen hätten sich Probleme, die ohnehin schon vorhanden waren, durch die Pandemie verstärkt. „Wir merken bei der Arbeit schon sehr, dass den Menschen die Puste ausgeht“, verdeutlicht Greiner. Nicht nur im beruflichen Kontext, auch privat als Mutter spüre sie das. „Es ist anders, weil es schon so lange dauert.“

Bei allen setze nun ein Erschöpfungszustand ein. Vor allem die Strukturierung des Tages, aber auch das fehlende Freizeitangebot stelle Familien vor große Herausforderungen. „Wir erstellen dann Pläne zur Strukturierung, die wir ganz individuell mit den Familien ausarbeiten“, verdeutlicht Greiner.

Sozialpädagogin Grau erklärt, dass es in vielen Familien an der nötigen Technik fehle: „Oft scheitert es schon am Ausdrucken des Schulmaterials.“ Zwar würden von den Schulen Ausdrucke und auch Endgeräte zur Verfügung gestellt werden, aber jede Schule regele das unterschiedlich. Da den Überblick über Richtlinien und Voraussetzungen zu behalten, falle vielen schwer. „Da treten wir mit den Schulen direkt in Kontakt und suchen nach individuellen Lösungsmöglichkeiten“, erzählt Grau. Gerade was das Thema Homeschooling und Kinderbetreuung angeht, weiß sie: „Da wird aktuell ein ganz großer Brocken an die Eltern abgegeben.“

Ein Formular oder einen Antrag ausfüllen – viele Familien stoßen schon dabei an ihre Grenzen. Im Lotsenmobil können akute Probleme unbürokratisch und schnell gelöst werden. Das Fahrzeug verfügt über ein mobiles Büro, in dem auch ausgedruckt und kopiert werden kann. „Dadurch haben wir die Möglichkeit, in den zwei Stunden Anträge auszudrucken, auszufüllen und in den Briefkasten zu werfen“, erzählt Grau.

Mammutaufgabe für Familien

Einen großen Teil ihrer Arbeit würden derzeit auch Entlastungsgespräche ausmachen. Menschen, die zufällig vorbei- laufen, kommen mit den Pädagoginnen ins Gespräch. „Das ist dann auch mal eine Rentnerin, die erzählt, wie es ihr in der aktuellen Situation geht. Das entlastet sie, dass sie mit jemandem darüber sprechen kann“, so Grau.

Die aktuelle Situation sei für viele Menschen eine Mammutaufgabe. „Ich sehe die Not, die die Familien haben“, sagt Greiner besorgt. „Ich sehe die Bildungsschere wahnsinnig weit auseinandergehen. Und ich sehe das mit großer Sorge.“ Dass Kinder aber grundsätzlich benachteiligt aus der Krise gehen, glaubt Greiner nicht: „Wenn es den Kindern zu Hause gut geht, wenn sie gut begleitet werden und vielleicht einen sozialen Kontakt zu einem anderen Kind haben, werden sie diese Pandemie gut überstehen.“ Allerdings: „Es ist eben nicht in allen Familien so.“

Lotse Kinder- und Jugendhilfe möchte dem entgegenwirken und Familien in der Krise eine Stimme geben. Ziel sei es, dass Kinder in der derzeitigen Situation nicht hinten runter fallen, erklärt Greiner. „Deswegen ist gerade momentan unsere Arbeit so wertvoll.“

Iris Janda

Das Lotsenmobil steht derzeit immer donnerstags von 12 bis 14 Uhr auf dem Rathausplatz in Ottobrunn. Das Angebot ist kostenlos und unverbindlich. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite.

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