Wer kauen will, muss den Mund aufmachen

Kinder retten einen Kaugummiautomat in Kleinhelfendorf

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Maxi Demmel Junior, Maxi Mittermüller und Luis Böhm sorgten für die Wiederaufstellung des Kaugummiautomaten  (v.l.)

Drei Kinder aus Aying schrieben einen Brief an den Bürgermeister und sorgten damit dafür, dass der beliebte Kaugummiautomat wieder aufgestellt wurde.

Aying – Sehnsüchtige Vorfreude macht sich breit, wenn das Geldstück seinen Weg in den Münzeinwurf findet. Auf das Drehen des Griffs folgt ein Klirren: Das Geld verschwindet und ein bunter Kaugummi kullert im Gegenzug aus dem Ausgabefach. Ein Stück Kindheit. Unzählige Kinder machen den Kaugummiautomaten zu einem sozialen Hotspot. Während eifrig um die Wette gekaut wird, werden Geschichten ausgetauscht. Zahlreiche Freundschaften wurden schon vor so einem Automaten geschlossen, wenn brüderlich geteilt wurde.

 Dass dieser Hotspot aus dem Ortsteil Kleinhelfendorf verschwinden sollte, wollten die drei Jungen Maxi (13), der zwölfjährige Luis und der zehnjährige Maxi nicht hinnehmen. Die drei Jungen sind nicht nur Nachbarn, sie sind auch richtig dicke Freunde. Der alte Kaugummiautomat hing an einem Gebäude, das im Besitz der Eltern von Luis war. Das Gebäude war alt und wurde abgerissen. Dass aber auch der beliebte Automat dran glauben musste, konnten die Freunde nicht akzeptieren. „Wir drei haben überlegt und dann einen Brief geschrieben“, sagt Luis euphorisch. Maxi Demmel Junior fügt hinzu: „Wir hatten das Thema ‚Brief schreiben‘ gerade in der Schule und deswegen habe ich gesagt: ‚Luis, wenn ich das jetzt schon im Deutschunterricht habe, dann schreiben wir jetzt auch den Brief an den Bürger­meister!‘"Bei Luis in der elterlichen Wirtschaft trafen sie sich und tüftelten an dem Schreiben.

Maxi verrät, was sinngemäß darin stand: „Sehr geehrter Herr Bürgermeister Johann Eichler, wir haben das Anliegen, dass wir den Kaugummiautomaten wieder haben wollen. Mit Luis‘ Vater haben wir schon ausgemacht, dass der Kaugummi- automat auch einen Platz hätte – und zwar an der Außenwand des Carports.“ Zwei Monate später kam das Thema in der Gemeinderatssitzung auf. Maxi Demmel Senior wusste von all dem nichts.

Er hatte den Kindern zwar gesagt, dass an der Anschlagstafel ein Kummerkasten hänge, aber er habe nie damit gerechnet, dass die Kinder sich tatsächlich dazu durchringen würden, einen Brief an den Bürgermeister zu schreiben und diesen in dem Kasten auch platzieren. „Dass das Ganze bis zum Gemeinderat kommt, hätte ich nicht gedacht. Ich musste echt lachen, als ich davon hörte. Ich sitze ja selbst im Gemeinderat und mit einmal tauchte das Thema dort auf. Ich wusste nichts davon und ahnte nicht, dass die Jungs den Brief in den Kummerkasten geschmissen hatten“, sagt Maxi Demmel Senior, der sofort mehr stolzer Papa als Gemeinderatsmitglied ist.

Tatsächlich kam Johann Eichler sogar persönlich vorbei, um sich einen Überblick zu verschaffen. Darauf folgte ein Schreiben von Eichler, in dem er noch mal Bezug auf den Wunsch nahm. Dieser ging mit der Einleitung „Sehr geehrter Herr Demmel, lieber Maxi“ los. Eichler erklärt darin, dass die Gemeinde eine Firma gefunden habe und das Anliegen noch genau geprüft werden müsse. Weiter schrieb der Bürgermeister: „Ich hoffe, dass die Prüfung in Eurem Sinn verläuft“. Und das tat sie. Seit Anfang November gibt es in Kleinhelfendorf nun wieder Kaugummis aus dem Automaten zu je 10 Cent.

„Freilich ist man da stolz, was sich die Kinder getraut haben und, dass sie alles selbst in die Hand genommen haben. Für uns Erwachsene ist das keine weltbewegende Sache, aber für die Kinder ist es schon was Großes: So jung schon zu merken, dass man auch was erreichen kann, wenn man den Mund aufmacht“, sagt Demmel Senior. Das Glück der Kinder ist in jedem Fall groß. Fleißig wird der Kaugummiautomat nun in Betrieb genommen. Der Kaugummi schmeckt im Selbsttest noch genau wie früher. Nach Kindheit, Freiheit und – so viel Ehrlichkeit muss sein – nach ungefähr fünfzehn Sekunden nach nichts mehr. Bis der Geschmack nachlässt, ist er aber vor allem ... ein kleines, großes Stück Glück.

Melanie Schröpfer

Kommentar

Nur Mut zur Einmischung - Niemand sollte seinen Argwohn einfach hinunterschlucken.

Der Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen. Wer Ablehnung in seinem Anliegen erfährt, versucht er es meist kein zweites Mal. Doch wo stünde denn die Menschheit heute, hätte in der Geschichte niemand für das Recht gekämpft? Amerika wäre wohl noch immer durch die Sklaverei geprägt, das Christentum würde nur aus Katholiken bestehen und die Mauer wäre wohl nie gestürzt worden.

Es ist so wichtig, dass jeder Bürger, der das Gefühl von Unzufriedenheit in sich spürt, dieses auch kundgibt. Wenn drei kleine Kinder aus Kleinhelfendorf es schaffen, den Bürgermeister dazu zubewegen, ihr Anliegen umzusetzen, welche Meilensteine könnten dann erst durch den Zusammenschluss Erwachsener gesetzt werden? Während der Wahl ziehen Sätze durch die Kommunen wie: „Jede Stimme zählt.“

Tatsächlich ist dem so. Und das nicht nur während der Wahlperiode. Auch im Alltag. Die Spezies Mensch ist das einzige Lebewesen, das in der Lage ist, sich präzise auszudrücken. Dinge zu verändern. Warum wird also diese Eigenschaft so selten genutzt? Wie wäre es, wenn jeder seinem Unwohlsein den Raum geben würde und es nicht nur hinunterschlucken würde, bis es sich aufstaut und letztlich in einer Explosion endet – buchstäblich. Denn meist entstehen so Konflikte. Dabei können auch auf friedliche Art und Weise neue Wege und Summen entstehen. Jede Stimme zählt. Und jeder hat ein Recht darauf gehört zu werden. Denn nicht jede Traumblase zerplatzt wie die eines Kaugummis.

Melanie Schröpfer

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