Mit allen Vieren zur vollen Schönheit

Jazz-Legende aus Putzbrunn: „Ich habe mich mit der Königin der Instrumente eingelassen“

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Der Engel an der Orgel: Barbara Dennerlein bringt Soul in das Kircheninstrument.

Gibt es die Liebe auf den ersten Blick? Die Liebe auf den ersten Ton jedenfalls schon. Barbara Dennerlein hat sie erlebt. Mit elf Jahren. Als die Putzbrunnerin zum ersten Mal auf dem Weihnachtsgeschenk ihres Vaters, einer Heimorgel, spielt, ist sie dem eigenwilligen Klang hoffnungslos verfallen. „Dieser Sound, so intensiv und sinnlich. Er ging mir sofort durch Mark und Bein. Sehr zur Freude meines Vaters. Der hatte nämlich schon Sorge, er müsse selbst in die Tasten hauen.“ Die Organistin schmunzelt, als sie sich an die unbegründeten Sorgen ihres Vaters erinnert. Wie hätte er auch ahnen können, dass er seiner elfjährigen Tochter damit nicht nur ein Weihnachtsgeschenk, sondern ein Geschenk fürs Leben macht? 

Bei der Heimorgel soll es aber nicht bleiben. Mit der Hammond-Orgel, einem elektromechanischen Pfeifenorgel-Ersatz, spielt Dennerlein nochmal in einer anderen Musikliga. „Ich hab‘ mich mit der Königin der Instrumente eingelassen. Flinke Hände reichen für die Hammond nicht. Die Pedale sind ja auch noch da. Nur mit allen Vieren entfaltet sie ihre volle Schönheit.“ Die Euphorie in ihrer Stimme nimmt zu, als sie von ihrer magischen Beziehung zur Hammond-Orgel spricht. 

Doch hinter dieser Magie steckt auch eine Menge Arbeit: „Disziplin war mein ständiger Begleiter. Sonst hätte ich Schule und Musik gar nicht unter einen Hut bekommen. Lernen, Musikunterricht, üben — an Party war da oft nicht zu denken“, verrät die 54-Jährige. Ihre Zielstrebigkeit wird belohnt: mit 13 die ersten Orgelkonzerte, mit 15 bis zu zehn Auftritte hintereinander in Münchner Jazz-Clubs und Piano-Bars. Das junge Mädchen an der Orgel macht ihre Sache aber nicht nur gut, sondern auch neu. Mit Fingerspitzengefühl, rhythmischem Multitasking und vor allem mit brennender Leidenschaft verwandelt Dennerlein das traditionelle Kircheninstrument in ein modernes Jazz-Highlight. 

Doch der Soul kommt nicht von allein in die unzähligen Tasten und Pedale. Ganz besonders nicht bei der Kirchenorgel. „Jedes Instrument ist eine neue Herausforderung. Vor großen Konzerten kostet das oft bis zu sechs Stunden Vorbereitungszeit. Bisher sind wir aber noch jedes Mal warm miteinander geworden“, verrät die Organistin.

Wenn es im Spiel doch einmal zum Missgeschick kommt, liegt es meist nicht an ihren erfahrenen Spielhänden- und Füßen. Bei einem großen Jazz-Open-Air in Montreal, Kanada, scheiterte es am Strom. „Ich war mitten im Stück. Plötzlich wurde es dunkel und still. Nichts ging mehr. Schade um die ganzen Fans.“ Schwermut liegt in Dennerleins Stimme, als sie sich an die vielen enttäuschten Gesichter erinnert. Doch die Enttäuschung scheint wie weggeblasen, sobald sie an den musikalischen Rausch auf den großen Festivalbühnen und in den Konzertsälen dieser Welt denkt. London, New York, Tokio, Vancouver, Den Haag, Berlin – kaum ein Fleckchen Erde, das Barbara Dennerlein noch nicht bespielt hat. 

Genauso gern verzaubert das Münchner Kindl aber auch seine Heimat wie den Gasteig, die Alte Kaserne Landshut oder schon am 21. Oktober die St. Nikolaus Kirche in Neuried.

Alexandra Kraus

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