Die Kultur-Vielfalt der Welt an einen Tisch bringen

Interkultureller Stammtisch in Putzbrunn, Ottobrunn und Neubiberg

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Stéphanie Danneberg, Irene Martius und Elisabeth Stein bringen die unterschiedlichsten Menschen an einen Tisch und sorgen für Austausch.

Landkreis – Wer in die Mongolei reist, sollte immer ein Fläschchen Schnupftabak zur Hand haben. Dort ist das gegenseitige Austauschen der kleinen Behälter die übliche Begrüßungsformel. „Damit gibt man dem Gegenüber ein Stück von sich. Das ist dort ganz wichtig“, erklärt Irene Martius, Integrationsbeauftragte aus Putzbrunn. Wie Begrüßungen in unterschiedlichen Ländern ablaufen, ist ein Thema, über das sich wohl die wenigsten Gedanken machen. 

Über solche Eigenarten ins Gespräch zu kommen, ist wichtig, um Menschen aus anderen Kulturen besser zu verstehen und das gemeinsame Miteinander zu stärken. Diesen Ansatz verfolgt der Interkulturelle Stammtisch, der in Putzbrunn, Ottobrunn und Neubiberg stattfindet. Das Projekt entstand vor zwei Jahren als Kooperation der Integrationsbeauftragen Martius und ihrer Kollegin aus Otto­brunn, Stefanie Marrero, sowie der Vhs Südost. 

Kurz darauf schloss sich auch die Gemeinde Neubiberg an. „Unsere Idee war es, Zugereiste und Alteingessene an einen Tisch zu bringen“, erklärt Elisabeth Stein, stellvertretende Leiterin der Vhs, das Konzept. Der Stammtisch begann im engeren Kreis über Kontakte von der Vhs und den Integrationsbeauftragten. In kurzen Präsentationen stellten die Gäste ihre Herkunftsländer vor. Bei späteren Treffen wurde dann gemeinsam über Unterschiede bei Themen wie Jahresabläufe, Feste oder der Namensgebung gesprochen. 

Außerdem ein wichtiger Bestandteil: Das gemeinsame Essen. „Das sind kleine kulinarische Feste“, schwärmt Stein. Wie sehr sich da die Deutschen von anderen Nationen unterscheiden, sei ihr dadurch erst aufgefallen. „Viele Leute aus anderen Ländern bringen zu den Treffen Essen mit. Sie freuen sich, dadurch etwas von sich und ihrer Kultur zeigen zu können. Bei den Deutschen ist das nicht so verankert, etwas eigenes mitzubringen. 

Der Deutsche kauft dann lieber etwas, das er mitbringt“, verdeutlicht Stein. Ungefähr alle zwei Monate findet der Stammtisch statt, immer an anderen Austragungsorten in den drei Gemeinden. Das sei nicht nur schön, weil die Mitglieder dadurch neue Orte kennenlernen. „Wem es beispielsweise nach Putzbrunn zu weit ist, der ist das nächste Mal dann dabei, wenn das Treffen in Ottobrunn stattfindet“, erklärt Stéphanie Danneberg vom Neubiberger Kulturamt. 

Auch wenn das gemeinsame speisen dazugehört, der Fokus liegt auf dem Dialog. Auch deshalb fühlten sich die Organisatorinnen vom Projekt „Miteinander Reden“ der Bundeszentrale für politische Bildung angesprochen. Dabei geht es darum, den demokratischen Dialog auf dem Land zu fördern. Sie bewarben sich mit dem Stammtisch bei der Aktion und wurden als eines von 100 Projekten in Deutschland ausgewählt. 

Der Stammtisch erfüllte die Voraussetzungen optimal, wie Martius verdeutlicht: „Bei der Aktion steht der politische Austausch im Fokus. Bei uns geht es um Integration und Interkulturelles, das ist natürlich auch sehr politisch.“ Als Interkultureller Stammtisch „Mitanand“ können sie dank der Fördersumme von 8000 Euro für 2019 und 2020 größere Veranstaltungen mit namhaften Referenten organisieren. Das jüngste Event war Anfang Februar der Themenabend „Heimat“ im Putzbrunner Bürgerhaus. 

Bei den Treffen wird es nie langweilig, weil immer wieder neue Leute aus den unterschiedlichsten Ländern zu Gast sind. „Mehr als 20 verschiedenen Nationen waren bei uns über die Zeit schon vertreten“, meint Stein. Ein Arzt aus Kamerun habe beispielsweise einmal einen Vortrag über die Dorfstrukturen in seiner Heimat gehalten. „Dort gibt es zwar einen offiziellen Rechtsstaat, aber auch Gewohnheitsrecht“, sagt Danneberg. Jedes Dorf hätte Könige, die etwa bei Heiraten Mitspracherecht haben. „Mich hat besonders eine Frau aus Korea überrascht. 

Sie hat uns erzählt, dass es in Deutschland ganz viele Koreanerinnen gibt, die kein Deutsch lernen und sich nicht integrieren wollen“, erzählt Stein und meint weiter „das war interessant, weil das oft anderen Nationen vorgeworfen wird. Koreaner haben wir da gar nicht so auf dem Schirm.“ Wie wichtig Projekte wie der Stammtisch sind, um zwischen Kulturen zu vermitteln, zeigt sich auch beim Thema Bildung. „In Deutschland ist es üblich, dass die Eltern mit ihren Kindern die Hausaufgaben machen und regelmäßig zu Gesprächen mit den Lehrern gehen“, erklärt Stein. 

In anderen Ländern laufe das ganz anders ab, in der Türkei seien beispielsweise mehr noch die Großeltern dafür zuständig. „Dann wird diesen Eltern hier schnell unterstellt, die Bildung ihrer Kinder würde sie nicht interessieren, dabei kennen sie es eben nicht anders“, meint sie. Die Resonanz von den Bürgern auf das Projekt sei sehr positiv. Die Organisatorinnen würden sich aber wünschen, dass noch mehr Geflüchtete ohne dauerhaften Aufenthaltstitel zum Stammtisch kommen würden. „Wenn Geflüchtete kommen, dann häufig mit ihren Asylhelfern. Meistens bleibt es bei dem einen Besuch. 

Ich habe das Gefühl, dass gerade bei Menschen, die sich noch nicht richtig integriert fühlen, die Hemmschwelle hoch ist“, erklärt Martius bedauernd. Allerdings könne auch ein einmaliger Besuch positive Effekte haben, verdeutlicht die Integrationsbeauftragte: „Wenn sie über den Stammtisch neue Kontakte knüpfen und sich dadurch besser integrieren, ist das trotzdem perfekt. Auch wenn sie danach vielleicht nicht mehr zu uns kommen.“ 

Außerdem würden sie sich wünschen, dass gerade mehr junge Deutsche, Anfang bis Ende 20, zu den Treffen kommen. Vielleicht hilft dabei ein DJ aus dem Senegal, den sie kürzlich kennengelernt haben. „Der möchte unbedingt einmal bei einer Veranstaltung von uns auflegen“, meint Stein lachend. 

Die nächste Gelegenheit, mehr über den Interkulturellen Stammtisch zu erfahren, bietet sich am Sonntag, 22. März. Da ist er beim Ottobrunner Fest der Kulturen am Vhs-Stand vertreten. Und wer da einen Gesprächseinstieg braucht, dem kann womöglich ein weiterer Brauch aus der Mongolei weiterhelfen: Dort führen die Menschen Steine mit sich. Wenn sie jemanden neu kennenlernen, zeigen sie ihren Stein und erzählen, wo sie ihn gefunden haben. So ist die erste Gesprächshürde gleich überwunden – eine schöne Alternative zum üblichen Smalltalk.

Iris Janda

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