Die Faszination Verbrechen: Realität trifft Fiktion

Hohenbrunner Autorin und Polizist diskutieren über Krimis

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Kriminalhauptkommissar Ludwig Waldinger und Krimi-Autorin Inge Löhnig sprechen darüber, inwieweit Fiktion mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

2018 wurden in Deutschland 386 Menschen ermordet. Die Zahl der Fälle in Filmen und Kriminalromanen ist deutlich höher. Ludwig Waldinger, stellvertretender Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des bayerischen Landeskriminalamtes, nimmt die fiktiven Geschichten gemeinsam mit der Hohenbrunner Kriminalautorin Inge Löhnig genauer unter die Lupe.

Hohenbrunn – Die Faszination Verbrechen fesselt die Gesellschaft. Dabei steht vor allem die Frage nach dem Warum im Raum. Ludwig Waldinger, Kriminalhauptkommissar und Sprecher des bayerischen Landeskriminalamtes, und Inge Löhnig, Kriminalromanautorin, widmen sich genau dieser Frage. Doch fällt auf, dass zwischen Fiktion und Wirklichkeit oft eine große Diskrepanz herrscht.

Der Anspruch, den die Hohenbrunnerin Inge Löhnig an ihre Romane hat, ist groß. Zwei Monate nimmt ihre Recherche ein, bevor sie sich an das eigentliche Schreiben macht. „Ich möchte möglichst realistisch schreiben und auch die Polizeiarbeit so realistisch wie möglich darstellen.“ Das klappt aber nicht immer, denn in der Fantasie sind Tathergänge einfach gesponnen.

Die Wirklichkeit sieht dabei jedoch meist ganz anders aus. In einem ihrer Kriminalromane sollte ein Haus in Brand gesetzt werden. Löhnig überlegte sich in ihrem Kapitelplan, dass im Haus Benzin ausgeschüttet werden sollte. Um das Feuer zu legen, sollte eine Kerze, entzündet durch ein Streichholz, herunter brennen. Der Täter hätte so, zumindest im Kopf der Autorin, noch genug Zeit gehabt, das Haus zu verlassen.

Doch sieht dieser scheinbar gute Einfall in der Realität unmöglich aus. Grund dafür ist das Benzin. Wird es verschüttet, entstehen sogenannte Benzindämpfe, die hoch explosiv sind. „Da kommt der Brandstifter nicht mehr heil raus“, sagt Löhnig. Allein beim Entzünden des Streichholzes würde der Täter mit in die Luft gehen. So beantwortet sich auch die Frage, warum an Tankstellen striktes Rauchverbot herrscht. Selbst wenn die Zigarette nicht direkt mit dem Benzin in Kontakt gerät, so sind es die Dämpfe, die in der Luft liegen, die für eine Kata­strophe sorgen würden.

Löhnig wandte sich an Kriminalhauptkommissar Ludwig Waldinger, um eine Lösung für das fiktive Problem zu finden. Der war jedoch vor ein Rätsel gestellt. Löhnig schmunzelt: „Ich glaube, das war das erste Mal, dass Herr Waldinger nicht sofort eine Antwort parat hatte.“ Eine realistische Lösung konnte dann aber doch gefunden werden, wie Waldinger erzählt: „Wir haben uns dann dazu entschieden, dass der Brandstifter das Benzin im Haus verschüttet, das Fenster öffnet, das Haus verlässt und von draußen die Kerze hineinwirft“.

Dieser Fall war gelöst, doch gibt es weitere Punkte, in denen sich Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. In vielen Krimis ist die Polizeiarbeit mit den Verdächtigen oft sehr witzig dargestellt. Die Wahrheit ist aber, wie Waldinger erzählt, dass „wir selten etwas lustiges erleben“. Die Polizei habe meist Kontakt mit Leuten, die sich in einer völligen Ausnahmesituation befinden, weil sie beispielsweise einen Unfall hatten oder bei ihnen eingebrochen wurde.

„Wir erleben also Situationen, in denen man helfen muss. Oder wir haben es mit Leuten zu tun, die böse sind“, sagt Waldinger. Und er fügt hinzu: „Es ist einfach so: Die wenigsten Leute freuen sich, wenn sie mit der Polizei zu tun haben. Wenn man sieht, man wird gebraucht, macht die Arbeit aber trotzdem Spaß.“ Waldinger erinnert sich zurück. Er sei sehr gerne Streife gefahren. „Das war echt schön.“

Genau wie der Kriminalhauptkommissar beschäftigt auch Inge Löhnig die Frage, warum jemand zum Täter wird. Waldinger sagt: „Es gibt kein Mord-Gen“. Tatsächlich würden nur zwei Prozent der Menschen zu Gewalttaten neigen. Der Mensch habe eine natürliche Hemmschwelle. „Und das hat jeder Mensch – oder fast jeder. Die zwei Prozent haben sie nicht“, erklärt der Kriminalhauptkommissar.

Oft wird in Büchern oder Filmen beschrieben, wie der ganz normale Bürger von nebenan zum brutalen Mörder mutiert. Einem normalen Menschen fällt es allerdings schon schwer, einen anderen überhaupt zu schlagen. „Und wenn: dann nicht mit voller Kraft. Das kann man beim ersten Mal nicht.“ 

Das wird besonders in Selbstverteidigungskursen immer wieder klar. Es gebe oft Versuche, bei denen der Leiter des Kurses einen Schutzanzug trägt und die Teilnehmer ihn schlagen dürfen und sollen. „Und das geschieht eigentlich immer sehr, sehr zaghaft.“

Tatsächlich seien die meisten Tötungsdelikte Beziehungstaten. „Und die sind nicht von langer Hand geplant, sondern da passiert es wirklich im Affekt.“ Doch auch diese Beziehungstaten seien eine extrem geringe Zahl. In Bayern wären es vielleicht 30 Taten im Jahr. Bei 13 Millionen Einwohnern tatsächlich eine verschwindend geringe Zahl. In der Fiktion sieht dies oft anders aus. Der Sprecher des Landeskriminalamtes fügt jedoch hinzu: „Logisch, jeder Mensch kann in eine Situation kommen, in der er nicht mehr ganz nüchtern ist, etwas zu sich genommen hat oder eine psychische Krankheit hat, das darf man alles nicht unterschätzen, die beeinflussen uns.“ 

Rein theoretisch könnte also jeder zum Mörder werden. Die passende Tatwaffe hätte auch jeder zu Hause. Ein feststehendes Messer mit einer Klingenlänge über zwölf Zentimeter – ein ganz normales Küchenmesser. Doch fällt es unter das Waffengesetz. Gleiches gilt für „Taschenmesser, die man mit einer Hand aufmachen kann, weil es praktischer ist. Und auch Cuttermesser fallen unter das Waffengesetz.“ Wer eine solche Waffe mit sich führt, muss der Polizei also immer einen triftigen Grund nennen.

Das Thema Krimi fesselt die Menschen. Doch woran liegt diese Zugkraft, die dieses Thema mit sich bringt? Inge Löhnig, die als Autorin ebenfalls dieser fesselnden Wirkung verfallen ist und andere mit in diesen Bann zieht, hat dafür eine Erklärung: „Ich habe neulich in dem Zusammenhang den Begriff Angstlust zum ersten Mal gelesen. Und das fand ich einfach sehr schlüssig.“

Ihre These ist vor allem darin begründet, dass sich Menschen gerne grusel. „Geisterbahn fahren auf dem Oktoberfest, das war für mich als Kind das Größte. Diese Anspannung und dann kommt man raus und alles ist gut, die Sonne scheint und man lacht“, meint sie. 

Spannend ist dieses Feld allemal. Auch wenn die Fiktion in einigen Büchern oder im Fernsehen oft von der Wahrheit abweicht. Ludwig Waldinger und Inge Löhnig können damit gut umgehen, denn es gibt einen Unterschied zwischen Unterhaltung und Wirklichkeit. Und das ist auch gut so.

Melanie Schröpfer

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