Abschlussprüfungen mit Hygieneabstand

Im Gespräch mit drei Abiturienten aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn

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Abstand halten ist bei Abschlussprüfungen die Regel. Wegen des Infektionsschutzes gilt das nun aber nicht nur während der Tests, sondern auch im Schulalltag.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Monatelanges Hinarbeiten auf das eine Datum, den Zeitpunkt, nach dem ein neuer Lebensabschnitt beginnt – und dann kommt Corona. Hinter den Abschlussschülern des Landes liegen nervenaufreibende Wochen. „Die Ungewissheit fand ich am schlimmsten“, erzählt Tizian Kammerer. Der 18-Jährige besucht die zwölfte Klasse des Gymnasiums Höhen- kirchen-Siegertsbrunn. 

Seit 16. April wurde den Schüler der Abschlussklassen – zumindest was die Prüfungen und die Vorbereitung betrifft – die Ungewissheit genommen. Die betroffenen Schüler dürfen ab 27. April mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen wieder in die Schulen. Die Abiturprüfungen an den Gymnasien, die vom 30. April auf den 20. Mai verschoben wurden, sollen stattfinden. Die Prüfungen zur Mittleren Reife werden am 30. Juni und zum Qualifizierenden Abschluss am 6. Juli durchgeführt. 

An anderer Stelle gab es lange Zeit noch viele Unsicherheiten. Etwa wie es mit den noch ausstehenden Klausuren aussieht. „Es werden in keinem Fach mehr verpflichtende Klausuren vor dem Abitur gefordert“, erklärte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Für noch ausstehende Prüfungs- noten solle es faire „Günstigerregelungen“ geben. Dabei muss es sehr individuelle Lösungen geben. Denn manche Schüler haben zum Beispiel Prüfungen verpasst, weil sie wegen Krankheit oder Aufenthalt in einem Risikogebiet schon früher nicht mehr in die Schule kommen durften. „Ich kann mir momentan keine wirklich faire Lösung dafür vorstellen“, meint Amelie Feierler, ebenfalls Abiturientin in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Dennoch: „Die Politiker machen sicher das Beste, was möglich ist.“

Aufschieben würde neue Probleme bringen 

Andererseits ist es für die Abiturienten nun eine Erleichterung, sich voll und ganz auf die Vorbereitung für die Abiturprüfungen zu konzentrieren und nicht noch für andere Klausuren lernen zu müssen. Die vergangenen Wochen hieß es, eigenständiges Lernen von zu Hause aus. Je nach Schule und Unterrichtsfach gibt es verschiedene Regelungen. Die Abiturienten vom Höhenkirchner Gymnasium sind sehr zufrieden mit der digitalen Betreuung durch die Lehrer. Es wurden teilweise Referate per Video aufgenommen und den Mitschülern vorgestellt, es gab Fragestunden und Aufgabenblätter. Die Schule hat extra eine eigene Cloud, die im Gegnsatz zu anderen Lernportalen nicht überlastet war. Trotzdem ist es gerade wegen der ungewissen Situation nicht immer leicht, sich zum Lernen zu motivieren. „Es trägt nicht zur Motivation bei, wenn man kein festes Datum hat, worauf man hinarbeitet. 

Deshalb fiel es mir am Anfang schwieriger. Mittlerweile raffe ich mich aber ganz gut auf“, erzählt die Schülerin Amélie Tirtey. Die neue Form des Unterrichts bringe auch Vorteile, meint Amelie Feierler. So konnte sie sich auf die Fächer spezialisieren, die für sie noch prüfungsrelevant sind. Dass die Prüfungen nun nicht noch weiter verschoben werden, begrüßen die drei Oberstufler. „Durch ein weiteres Verschieben würden nur neue Probleme aufkommen“, verdeutlicht Tizian. Schließlich haben auch die Hochschulen Einschreibungstermine und Semesterstarts, die nach bisherigen Stand nicht verschoben werden. 

So sieht es auch Amélie Tirtey: „Ich bin froh, dass das Abi nicht nochmal nach hinten verschoben wird, weil ich vorhabe, diesen Sommer schon das Studium anzufangen. Dadurch würde die Lücke zwischen Abi und Studium immer kleiner werden.“ Eine weitere Möglichkeit, die diskutiert wurde, war die Absage der schriftlichen Abiturprüfungen. 

Eine Gruppe bayerischer Schüler forderte das sogar in einem offenen Brief an das Kultusministerium. Die drei Höhenkirchner Abiturienten erteilen diesem Vorstoß eine klare Absage. „Ich will ein Abi, dass es auch genauso gewertet wird wie jedes andere Abitur“, erklärt Amelie Feierler und Tizian ergänzt: „Sonst wird es immer heißen, unserem Jahrgang wurde es geschenkt und es ist kein echtes Abi.“ Das würde der Arbeit der vorherigen zwei Jahre Oberstufe nicht gerecht werden, erklärt Amelie: „Man hat ja auch davor total hart gearbeitet und hat den gleichen Stoff wie allen anderen Jahrgänge gelernt. Das wird dann überhaupt nicht gewertschätzt.“

Feierlichkeiten stehen auf der Kippe Ein Schulabschluss – das ist aber auch viel mehr als nur die Prüfungen. Abschlussfahrten, Abiball, Mottowochen: Alles derzeit in der Schwebe. „Ich habe mir schon mein Ballkleid gekauft“, erzählt Amélie Tirtey bedauernd. Die Feierlichkeiten nach den Prüfungen gehören einfach dazu, meinen auch ihre Mitschüler. Monatelange Planungen, in die die Schüler zusätzlich zum Lernstress viel Arbeit gesteckt haben, waren umsonst. 

Der Termin für den Abiball im Juni wurde bereits abgesagt, einen Ersatz gibt es noch nicht. Sogar das Abimotto an der Schule musste noch einmal geändert werden. Ursprünglich lautete es: „Golden Twenties – mit uns der Boom, danach die Krise“. „Das fanden wir jetzt natürlich nicht mehr passend“, erzählt Amélie. Nun heißt es „Abi 2020 – später als die Deutsche Bahn“. Die drei bedauern, dass es mit dem Feiern sehr wahrscheinlich nicht klappt, aber: „Es ist das einzig Verantwortungs- bewusste, so etwas nicht abzuhalten.“ Und Amélie fügt hinzu: „Klar ist es sehr schade, aber es gibt zur Zeit ganz andere Probleme auf der Welt als unseren Abiball.“ Am Montag sehen die Jugendlichen sich nach Wochen das erste Mal wieder – allerdings mit eineinhalb Meter Abstand und in verkleinerten Klassengrößen. 

Ob sich wirklich jeder an die Regelungen halten wird, ist auch bei Zwölftklässlern fraglich. „Bei manchen könnte die Euphorie, seine Freunde wieder zu sehen, die Vernunft übersteigen“, mutmaßt Amélie. Der Großteil werde sich aber vermutlich an die Bestimmungen halten. Und das sollte auch von aller Interesse sein, meint Amelie Feierler: „Ich sehe es so, nur wenn wir uns alle an die Regeln halten, gibt es früher Lockerungen. Und nur dann gibt auch überhaupt eine Chance, dass der Abiball stattfinden kann.“ 

Iris Janda

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