Mit vielen Erinnerungen und Wehmut im Gepäck

Höhenkirchen-Siegertsbrunn: Pfarrer Anton Wolf geht in den Ruhestand

Pfarrer Toni Wolf werden vor allem die Bürger und Weggefährten fehlen, wenn er nach 24 Jahren Höhenkirchen verlässt.
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Pfarrer Toni Wolf werden vor allem die Bürger und Weggefährten fehlen, wenn er nach 24 Jahren Höhenkirchen verlässt.

Nach 45 Jahren im Dienste der Diözese München und Freising und 24 Jahren in Höhenkirchen-Siegertsbrunn geht Pfarrer Toni Wolf Ende September in den Ruhestand. Über all die Jahre hat sich nicht nur der Pfarrverband, sondern auch Wolf selbst verändert.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn – Beim Gesprächstermin ist dem Pfarrerbüro der bevorstehenden Wandel anzusehen. Fast ein Viertel Jahrhundert an Erfahrungen und Erlebnissen muss nun Platz finden in den herumstehende Kartons, die mit Büchern und anderen Erinnerungsstücken gefüllt sind. Denn nach 24 Jahren in der Gemeinde geht Pfarrer Toni Wolf in den Ruhestand.

Es ist nicht die Arbeit des Ausräumens, die ihm schwerfällt. Vielmehr sind es die Erinnerungen an liebgewonnene Freunde und Weggefährten, die ihm beim Packen wieder ins Gedächtnis gekommen, und die er nun verlassen muss. Denn wenn er am 30. September in den Ruhestand geht, genau 45 Jahre nach seinem Dienstbeginn für die Diözese, zieht er auch aus der Gemeinde fort nach Unterfranken. „Für mich ist es ganz hart“, sagt Pfarrer Wolf. Wehmut begleitet diesen Satz. Höhenkirchen-Siegertsbrunn war viele Jahre seine Heimat. Das Weggehen belaste ihn sehr, meint der Seelsorger ergriffen, fügt dann jedoch deutlich gefasster hinzu: „Aber das ist der Lauf der Dinge.“

Es ist typisch für Toni Wolf, Herausforderungen anzunehmen und nicht an ihnen zu scheitern. Eine solche war es, die beiden Pfarrverbände Höhenkirchen und Siegertsbrunn zusammenzubringen, als er 1996 an den Ort kam. „Wir sind einen intensiven Weg gegangen“, sagt er rückblickend. Über 16 Jahre wuchsen die beiden Pfarrverbände immer enger zusammen. Vor acht Jahren kam dann mit dem Pfarrverband Brunnthal und seinen vier Teilgemeinden eine neue Herausforderung dazu. 

Die Verbände zu verbinden, sei nicht leicht gewesen, erklärt der Seelsorger. „Das ist ein schwieriger Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist.“ Wolfs Nachfolger, Manuel Kleinhans, wird nun sogar noch zusätzlich für Aying zuständig sein (HALLO berichtete). Dennoch sieht Pfarrer Wolf darin eine Chance für das Zusammenwachsen der Verbände: „Ich denke es ist ganz gut, wenn es jetzt einen Neuanfang mit einem neuen Seelsorger gibt. Das ist dann eine andere Plattform auf der man sich bewegen kann.“

Entscheidung für einen Lebensweg

47 Jahre ist es her, dass sich der 70-Jährige entschloss, Priester zu werden. „Das war in der Karwoche 1973“, erinnert sich Wolf zurück, „da war ich 23 Jahre alt.“ Der Geistliche wuchs in einer kleinen Gemeinde im Landkreis Dachau in einer stark christlich geprägten Familie auf. Mit zehn kam er aufs Benediktiner-Internat in Augsburg. „Der dortige Jugendseelsorger Pater Eugen hat mich sehr geprägt“, erzählt Wolf. Nach dem Abitur studierte er fünf Semester in Würzburg, bevor er Pastoralassistent wurde. Großen Einfluss auf seine Entscheidung hatte Kardinal Julius Döpfner, den Wolf sehr bewunderte. Ein Porträt von diesem ziert auch heute noch seinen Schreibtisch.

Toni Wolf traf mit Anfang 20, einem Alter, in dem heutzutage junge Menschen die Welt entdecken und sich selbst verwirklichen wollen, nicht nur die Entscheidung für einen Beruf, sondern auch für einen Lebensweg. Bereut habe er diesen Entschluss nie. Es habe zwar immer wieder Situationen gegeben, in denen ihm Zweifel kamen, etwa bei seiner Station als Seelsorger am Hasenbergl. „Aber die Überzeugung auf dem richtigen Weg zu sein war immer stärker als der Zweifel“, verdeutlicht er.

Wunsch nach Veränderung

Angesprochen auf seine liebste Aufgabe, muss Pfarrer Wolf lachen. „Der Neue macht das gut, der beerdigt gerne“, wurde über ihn gesagt, als er seine Stelle als Diakon in Schwabing begann. „Das war mir fast ein bisschen unangenehm“, meint er schmunzelnd. Aber der Gedanke an diese Situation komme ihm immer wieder, wenn er Beerdigungen macht. Es sei jedes mal eine Herausforderung, aber auch eine schöne Aufgabe, diese abzuhalten. „Woran mache ich das irdische Leben, das zu Ende geht, fest?“, frage er sich dann.

 „Erleben zu dürfen, den Angehörigen eine kleine Stütze zu sein, das ist schon wertvoll, auch für mich“, sagt Wolf. Auch das Predigen mache er gerne, auch wenn er viel Arbeit in die Vorbereitung stecken muss. „Ich werfe meine alten Predigten immer sofort weg und fange am Montag mit der Predigt fürs Wochenende an“, erklärt er seine Vorgehensweise. Die Herausforderung sei jedes Mal aufs Neue den Nerv der Zeit zu treffen.

Und die Zeichen der Zeit sind momentan für die katholische Kirche nicht die Besten – das lässt zumindest der Blick auf die sinkenden Mitgliederzahlen und den fehlenden Nachwuchs an Priestern erahnen. Pfarrer Toni Wolf sieht allerdings für die Zukunft der katholischen Kirche nicht schwarz. Schließlich erlebe er immer wieder, wie Menschen durch die Liturgie Hilfe erfahren. Zögerlich sucht Wolf nach den richtigen Worten und sagt dann bestimmt: „Ich glaube aber, dass die Kirche sich total ändern muss. Aber natürlich kann ich heute auch nicht den großen Entwurf auf den Tisch legen, wie das gelingen soll.“ 

Toni Wolf fordert, dass Laien noch stärker mit einbezogen werden und die Seelsorge weniger priesterzentriert ist. Auch zum Zölibat hat er eine klare Meinung: „Das Zölibat wird keine Zukunft haben. Es muss ja niemand heiraten“, stellt er klar. „Aber wer mit Familie besser und offener arbeiten kann, dem soll das auch erlaubt sein.“ Aus seiner Sicht sei es bei diesen Themen viel wichtiger, auf das Evangelium anstatt auf Traditionen zu schauen. Viele Strukturen seien über hunderte von Jahren gut gewesen, „aber heute ist eine andere Zeit.“

Das sind moderne Ansichten für einen katholischen Pfarrer kurz vor dem Ruhestand. Von der Struktur her sei er ein traditioneller Menschen, sagt Wolf über sich selbst. Seine Einstellung habe sich aber in vielen Dingen in Auseinandersetzung mit den Menschen über die Jahre verändert. „Ich bin sicher nicht fortschrittlich genug“, meint der 70-Jährige bescheiden.

Eine große Herausforderung kam auf dem Pfarrer durch die Corona-Pandemie in den letzten Monaten vor seinem Ruhestand zu. Dass Ostern nicht gefeiert werden konnte und Feiern wie Taufen, die Erstkommunion und Hochzeiten abgesagt werden mussten, fiel ihm sehr schwer. Vor allem weil ihm in all den Jahren immer der Kontakt zu den Bürgern das Wichtigste war. Gerade deshalb falle ihm nun der Abschied schwer: „Am meisten werde ich sicher die Leute vermissen.“

Iris Janda

Offener Brief

Blick zurück aus neuer Perspektive: Zu Pfarrer Wolfs Abschied zieht die Autorin ein persönliches Fazit

Ich muss 13 oder 14 gewesen sein, als ich das letzte Mal mit Ihnen gesprochen habe – damals als Ministrantin. Noch länger ist es her, dass ich in Ihrem Büro saß. Das war zum Vorbereitungsgespräch auf meine Erstkommunion. Jetzt sitze ich wieder hier, sehe den gleichen Raum, aber einen anderen Menschen.

Wenn ich an Sie zurückdenke, habe ich immer den Mann im Kopf, der die Ministranten ermahnte, die Kerzenhalter gerade zu halten und die Hände ordentlich zu falten. Als Kind ärgerte ich mich über diese Zurechtweisungen. Konnte ich doch nicht nachvollziehen, warum es wichtig war, dass wir alles so penibel genau ausführten. Heute ist da nichts mehr von der Strenge, die ich Ihnen als Kind zurechnete.

Sie sagen, so wie der Ort über all die Jahre, haben auch Sie sich verändert. Heute sehe ich in Ihnen nicht mehr den strengen Pfarrer, sondern einen Mann, der Milde walten lässt. Und heute weiß ich, warum es Ihnen so wichtig war, dass die Ministranten ihre Aufgaben ordentlich ausführten. Weil es eine Form von Respekt war, die wir dadurch der Liturgie entgegenbrachten. Eine feste Abfolge, die Menschen Halt gibt. 

Etwas respektieren, was anderen wichtig ist, auch wenn es mir selbst nicht so viel bedeutet – das war und ist eine wichtige Botschaft, die ich wohl erst viele Jahre später als solche verstanden habe. Wenn ich heute mit Ihnen spreche, dann sehe ich in Ihnen, wie ich erwachsen geworden bin.

Iris Janda

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