Andrea Hanisch: „Ich lehne politische Taktiererei ab“

Höhenkirchen-Siegertsbrunn: Bürgermeisterkandidatin Andrea Hanisch im Gespräch

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Zum Interview kurz vor Weihnachten kam Andrea Hanisch in rot –vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass sie die Parteigrenzen nicht so eng sieht.

Vier Kandidaten wollen in Höhenkirchen-Siegertsbrunn die Nachfolge von Bürgermeisterin Ursula Mayer antreten. Eine davon ist Andrea Hanisch, Mayers jahrelange Partei-Kollegin. Eigentlich sollte Hanisch für die CSU kandidieren, doch im Frühjahr 2019 kam der Bruch. 

Nun geht sie für die Unabhängigen Bürger (UB) ins Rennen um das Amt. In der HALLO erzählt die die Auditorin im Qualitätsmanagement, wieso sie die CSU verlassen hat.

Frau Hanisch, Sie sind im September bei den Christsozialen und dem Gemeinderat ausgetreten. Fiel Ihnen dieser Schritt leicht?

Nein, das fiel mir nicht leicht. Ich war 25 Jahre bei der CSU, das ist eine lange Zeit.

Warum haben Sie sich dann dafür entschieden?

Die parteiinternen Abläufe um meine Bürgermeisterkandidatur, die großen Unterschiede bezüglich Politikverständnis und -umsetzung, die sich in den letzten Jahren immer deutlicher herauskristallisiert haben, waren ausschlaggebend.

 Nicht zuletzt die Aussage der Bürgermeisterin, sie könne mich nicht als Kandidatin unterstützen, weil mein Abstimmungsverhalten zum Realschulstandort falsch gewesen sei, haben dazu geführt, dass ich im März 2019 erklärt habe, nicht als Bürgermeisterkandidatin für die CSU antreten zu wollen. Ich kann und will mich nicht so verbiegen und gegen meine Überzeugungen handeln und abstimmen. 

Welche Ihrer Vorstellungen haben sich denn vom Kurs der Partei unterschieden?

Ich will bei relevanten Themen der Ortsentwicklung den Bürger deutlich früher, also im Vorfeld, mit ins Boot holen. Keine Hauruck-Vorlagen und zeitlichen Entscheidungsdruck für den Gemeinderat mehr, deutlich frühzeitigere Beratungen und Informationen für alle am Entscheidungsprozess Beteiligten.

Warum sind Sie nicht nur aus der Partei, sondern auch aus dem Gemeinderat ausgetreten?

Als ich mich als Bürgermeisterkandidatin für die CSU habe aufstellen lassen, wollte ich meine Themen intensiv in das Wahlprogramm einbauen. Ich habe klar gesagt: ,Ein weiter so wird es mit mir nicht geben‘. Da bin ich auf starke Widerstände gestoßen, denn es war das oberste Ziel der CSU, dass es in Zukunft im gleichen Stil wie gehabt weitergehen soll und ich will Veränderung.

Ich wollte einen ganz klaren Schnitt machen. Alles andere wäre aus meiner Sicht verkehrt gewesen und hätte auch nicht zu mir gepasst. Ich lehne politische Taktiererei ab.

War Ihnen schon beim Austritt klar, dass Sie mit der Kommunalpolitik weitermachen?

Nein, das war mir überhaupt nicht klar. Gleich nachdem ich den Gemeinderat verlassen habe, bin ich erst einmal drei Wochen „abgetaucht“, wollte mich sammeln und war komplett aus allem raus. Als ich wiederkam, hatte ich per Post und Email viele schöne Nachrichten von Bürgern erhalten, die mich gebeten haben, weiterzumachen. Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Wie sind Sie dann zu den Unabhängigen Bürgern gekommen?

In etwa zeitgleich kamen die Gemeinderäte der UB auf mich zu und haben gefragt, ob man sich mal treffen kann um zu schauen, ob es irgendeine Möglichkeit für gemeinsame Themen gibt. Darauf folgten viele und lange Gespräche. Aber wir haben schnell festgestellt, dass es wirklich gut passt und nicht nur eine Notlösung ist. Ich selbst bin am überraschtesten davon. 

Wieso das?

Das hat vorher überhaupt nicht in meine Gedankenwelt reingepasst, denn ich war lange, lange Jahre einfach zu Hause in dieser CSU-Struktur. Aber es war ein sehr guter Entschluss, ich fühle mich frei und sehr wohl dabei. Jetzt kann ich die Themen mit der Kreativität, die mir eigen ist, angehen. 

Warum sind Sie vor 25 Jahren überhaupt der CSU beigetreten und ihr so lange treu geblieben?

Eigentlich bin ich gar kein so richtiger Parteimensch aber damals hat mich der frühere Bürgermeister Reitmeier, den ich privat über meine Schwiegereltern sehr gut kannte, gefragt, ob ich nicht mitmachen möchte. Ich hab mir da keine großen Gedanken gemacht darüber, dass es die CSU ist.

Es war mir wichtig, dass die Menschen zu mir passen, mit denen ich zu tun haben werde – und das hat gut gepasst. In meiner Herkunftsfamilie war es politisch immer ganz gemischt und es wurde tolerant diskutiert. Durch die Arbeit meines Vaters hatten wir häufig Kontakt zu Menschen aus verschiedenen Ländern. So hab ich als Kind und Jugendliche viel Weltoffenheit erfahren. Ich bin generell werteorientiert, und eher konservativ, politisch in der Mitte.

Was würden Sie als Bürgermeisterin anders machen?

Den politischen Stil verändern. Mit den Bürgern gemeinsam den Ort entwickeln und zuhören. Ich habe natürlich selbst eine Idee und einen Plan, will aber hören, was mir der Bürger zu sagen hat. Und ich finde es ausgesprochen gut, dass wir ISEK haben. Es wird der rote Faden für den Gemeinderat sein, an dem wir uns die nächsten Legislaturperioden entlang hangeln werden. Und keine Top-down-Politik mehr. 

Inwiefern?

Ich will hin zu mehr Dialogbereitschaft, weg vom parteipolitischem Blockdenken und dem Besetzen von Maximalpositionen und Politik für die Bürger machen. Parteipolitik hat meiner Ansicht nach auf kommunaler Ebene wenig zu suchen. Von den Themen her sind wir selten weit voneinander entfernt, denn wir leben alle hier, hier werden unsere Kinder groß, hier werden wir alt. Wir wollen alle ein zufriedenes, glückliches Leben führen. Ich würde es mit Empathie angehen und versuchen, alle mitzunehmen.

Das klingt nach viel Harmonie. Braucht es nicht auch die Debatte?

Unbedingt. Gegen Debatte habe ich gar nichts. Die Debatte ist wichtig, auch um Standpunkte abzugleichen, die eigene Meinung nachzujustieren. Das Demokratie- und Politikverständnis der Bürger hat sich geändert. Der Bürger möchte nicht mehr nur Empfänger von Leistungen sein, sondern deren Koproduzent und am Entwicklungsprozess teilhaben. Da muss die Politik lernen, neue Konzepte und Strukturen zu schaffen. Das wird nicht ohne Debatte gehen.

Welche Entscheidung der letzten Jahre hätten Sie anders gefällt?

Ich fand es ungeschickt und falsch, dass die Bürgermeisterin den Vorschlag für das Familienzentrum im Gemeinderat zur Abstimmung gebracht hat, ohne vorher die Bürger ins Boot zu holen. Der Beschluss wurde dann von den UB mit einer Unterschriftensammlung gekippt. Jetzt warten wir seit Jahren auf die Realisierung. Die Räumlichkeiten könnten wir dringend brauchen. Es handelte sich um ein sehr sensibles Ortsentwicklungsthema mit vielen unterschiedlichen Ansprüchen und Wünschen.

Was ist für Sie das drängendste Problem in der Gemeinde?

Wie sich gezeigt hat, haben wir ein Problem in der Erich-Kästner-Grundschule. Acht Klassenzimmer fehlen. Aber das ist kein Thema, bei dem man im Wahlkampf schnell ein Angebot aus dem Ärmel schütteln sollte.

Hier braucht es ein wohl überlegtes, nachhaltiges Konzept. Und natürlich ist die Finanzsituation der Gemeinde ein Problem, da die Einnahmen nur auf der Einkommenssteuer und unseren guten, mittelständischen Betrieben sowie einem großen Gewerbesteuerzahler basieren. Uns geht bei den vielfältigen Aufgaben einfach das Geld aus.

Unsere Aufgabe wird es sein, ein neues Gewerbegebiet mit Neuansiedlungen zu  realisieren. Wir brauchen einesteils eine Phase der Konsolidierung, müssen sparen und genau überlegen, für was wir in den nächsten Jahren das Geld ausgeben. Andererseits haben wir den Siedlungsdruck auf den Landkreis München und brauchen eine klare Position zum Wachstum.

Die UB haben derzeit drei Sitze im Gemeinderat. Wie viele wünschen sie sich für die nächste Amtszeit?

Wenn ich die Kollegen so höre, gerne sechs Plätze. Nach oben gibt es natürlich nie eine Grenze (lacht). Aber sechs sind realistisch. 

Die UB würden Sie gerne künftig als Rathauschefin sehen. Fühlen Sie sich für diese Aufgabe bereit?

Es ist eine große verantwortungsvolle Aufgabe, der ich mich gerne stelle und der ich mit großem Respekt begegne. Über viele Jahre habe ich das Geschehen verfolgt, war selbst schon Dritte Bürgermeisterin. Aber ja, ich fühle mich gewappnet und ich habe auch keine Angst vor der Herausforderung, ganz im Gegenteil.

Interview: Iris Janda

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