Duell der Geschlechter: Wer ist schneller per Anhalter?

Von Höhenkirchen nach Glonn und zurück: Mitfahrbankerl im Test

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Per Anhalter, nicht durch die Galaxis, sondern durchs Münchner Umland – das war die Aufgabe für Iris Janda und Jens Verhey.

Im Herbst 2018 hat Höhenkirchen-Siegertsbrunn als erste Gemeinde im Landkreis München Mitfahrbankerl eingeführt. Doch wie funktioniert das eigentlich in der Praxis? Und wer kommt besser voran – Mann oder Frau? Zwei HALLO-Mitarbeiter haben den Test gemacht.

Mittwoch, 9 Uhr. HALLO-Reporter Jens Verhey versucht sein Glück: Das Experiment Mitfahrbankerl kann beginnen. Geplant ist eine Tour von Höhenkirchen nach Glonn und wieder zurück. Die erste Maßnahme dieses Vorhabens gestaltet sich auch gleich als erste große Herausforderung. Die Richtungsschilder, um zu signalisieren, wo die Reise hingeht, sind beschädigt. Mit viel Fingerspitzengefühl gelingt es mir dann doch, das Schild „Glonn“ aufzustellen.

Mittwoch, 9 Uhr, genau eine Woche später. HALLO-Redakteurin Iris Janda ist dran: Ich befinde mich auf eben jenem Mitfahrbankerl, auf dem mein Kollege das Experiment startete. Mal sehen, ob ich besser voran komme! Gleiche Voraussetzungen sollen wir haben – dass eine Frau mich schon mitnehmen will, als ich um 8.50 Uhr an der Bank eintreffe, wird also freundlich abgelehnt. Wenn das mal kein Fehler war! Aber hilft ja nichts, also Ortsschild „Glonn“ aufstellen, auf der Bank platzieren und freundliches Lächeln aufsetzen. Besorgt denke ich an die bevorstehende Wartezeit, schließlich sind Ferien, und die Sperrung im Ortskern trägt auch nicht zu mehr Verkehr bei.

Ich sitze also auf der Bank und warte. Schnell fällt auf, dass ich auffalle. Es scheint nicht zum gewöhnlichen Bild des Höhenkirchener Alltags zu gehören, dass jemand auf dem Mitfahrbankerl sitzt. Nicht nur Fußgänger, auch Autofahrer wenden zumindest für ein paar Sekunden den Blick auf die Bank. Oftmals bleibt es jedoch bei den paar Sekunden Blickkontakt. Besonders lustig wird es, wenn die wenige Meter entfernte Fußgängerampel auf Rot umstellt und die Autofahrer gezwungen werden, vor der Bank anzuhalten. Dann lässt sich beobachten, dass die Fahrer so ziemlich alles um sie herum im Blick haben, nur partout nicht in die Richtung der Bank schauen wollen und den sonst so interessanten Wartenden mit aller Gewalt ignorieren möchten.

Nach etwa 20 Minuten dann ein aufregender Moment. Der Fahrer eines schwarzen Sprinters schaut mir überdurchschnittlich lange in die Augen. Ich reagiere sofort, halte den Blickkontakt und nicke ihm erwartungsvoll zu. Er wird langsamer und ich immer euphorischer. Wenige Meter hinter meiner Bank hält er an. Ich bin schon im Begriff aufzustehen, als er zu wenden beginnt und schnurstracks an mir vorbeizieht. Ich schaue ihm verdutzt hinterher. Wow! Das war ja mal eine Abfuhr.

Ich suche Blickkontakt zu den Autofahrern. Von einigen ernte ich ein aufmunterndes Lächeln, andere konzentrieren sich auffällig stark auf die Fahrt. Selbst versuche ich herauszulesen, wer da eigentlich hinter dem Steuer sitzt. Immerhin heißt es schon seit Kindheitstagen „Nicht zu Fremden ins Auto einsteigen!“ Eine Frau kommt zu Fuß um die Ecke und reißt mich aus meinen Gedanken. Ob ich mitkommen möchte, sie fährt nach Egmating. „Klar, gerne!“, sage ich in meinem euphorischen Überschwang. Gerade einmal fünf Minuten musste ich warten! Und Egmating ist zwar nicht Glonn, aber immerhin schon ein Stück in die richtige Richtung. „Ich hab dich gerade noch so sitzen sehen und hier kurz geparkt“, erklärt sie mir.

Wenige Augenblicke nach der ersten Enttäuschung ein fast identisches Szenario. Ein schwarzer Multivan hält kurz vor der Bank an. Doch dieses Mal habe ich Glück. Eine junge Frau fährt das Beifahrerfenster runter und bittet mich einzusteigen. Nach knapp einer halben Stunde also der große Erfolg. Die junge Mutter ist von einer solchen Initiative begeistert. „Ich finde, das ist einfach eine tolle Sache. Aber zugegebenermaßen habe ich auch zunächst gezögert. Dann dachte ich mir, wenn niemand anhält, funktioniert das System nun mal nicht.“ Weiter erklärt sie: „Eigentlich muss ich nur nach Egmating aber ich bringe dich gerne auch nach Glonn.“

Auf der Fahrt erfahre ich von meiner Mitfahrgelegenheit Interessantes über ihr E-Auto – „Merkst du, wie leise es ist?“ – und ehe ich mich versehe, sind wir schon in Egmating. Nur wo ist die nächste Bank? Eine sehen wir gleich an der Hauptstraße, aber diese steht auf der linken Straßenseite. Es muss doch noch eine andere geben, denken wir uns und kurven mehrmals die Straße ab. Letztendlich steige ich doch bei besagtem Bankerl aus. Und siehe da – dort gibt es sowohl ein Schild Richtung Höhenkirchen als auch Richtung Glonn. Schnell zeigt sich, dass hier die Bedingungen gänzlich andere sind. Es fahren deutlich weniger Autos vorbei und diese dafür wesentlich schneller. Die Autofahrer – zumindest aus Richtung Höhenkirchen – scheinen mich überhaupt nicht wahrzunehmen. Ich hab aber nicht das Gefühl, sie würden mich ignorieren, die meisten sehen mich schlichtweg nicht.

Dann hält plötzlich ein Auto an, das aus Richtung Glonn kommt. „Ich fahre nach Höhenkirchen“, meint die ältere Dame darin. Leider muss ich dankend ablehnen. Zirka 15 Minuten später fährt ein junger Mann mit einigen Tattoos in einem etwas heruntergekommen wirkenden Auto heran („Soll ich da wirklich einsteigen?!“). Der erste Eindruck täuscht, der Mann ist sehr sympathisch, aber ebenfalls auf dem Weg nach Höhenkirchen.

In Glonn angekommen ziehe ich Bilanz und bin recht zufrieden. Doch die Hinfahrt war ja bloß die halbe Miete. Direkt am Marktplatz befindet sich ein weiteres Mitfahrbankerl, von wo aus man wieder zurück nach Höhenkirchen kommt. Ich klappe also wieder das Richtungsschild hoch und beginne zu warten. Schnell stelle ich fest, dass diesmal etwas anders ist. Während die Bank in Siegertsbrunn direkt an der Hauptstraße stand, befindet sich diese auf einem Parkplatz. Der Großteil aller Autofahrer dort haben die Absicht zu parken. Aber möglicherweise werden mich ja jene Fahrer mitnehmen, die vom Parkplatz wieder runter wollen.

Ich sitze wieder auf meinem angestammten Plätzchen, das meiner Meinung nach definitiv auf der falschen Straßenseite steht. In meinem Frust überlege ich, mich auf die andere Straßenseite zu stellen und ganz traditionell den Daumen rauszuhalten. Bei jedem Motorengeräusch steigt die Hoffnung, dass nun der eine dabei ist. Ich habe mir angewöhnt, neben dem freundlichen Blick den Pkws, die bereits vorbei sind, sehnsüchtig hinterherzublicken – vielleicht wendet doch jemand? Und tatsächlich! Nach einer knappen Stunde dreht ein Lieferwagen wieder um. Präzisionsmechanik steht drauf, eine sympathische Frau sitzt drinnen. „Das ist so eine klasse Idee mit den Bankerln, ich schaue immer, aber bisher hab ich noch nie jemand drauf gesehen“, erklärt sie mir freudestrahlend. „Früher hat man ja getrampt, das gibt es heute gar nicht mehr so, wegen der Sicherheit“, meint sie. „Was hätten Sie denn gemacht, wenn jetzt einer gehalten hätte, den Sie komisch finden?“ Eine gute Frage, über die ich mir schon vorab Gedanken gemacht habe und auf die ich keine Antwort weiß. An das Gute im Menschen zu glauben, ist vermutlich naiv, aber hat mich bisher ganz gut durchs Leben gebracht – und bislang auch durch das Bankerl-Experiment.

Nach einer halben Stunde Wartezeit kommt eine Fußgängerin vorbei, die mich fragt, wie lange ich schon warte. „Etwa 30 Minuten“, antworte ich. Sie fängt an zu lachen und schlägt vor, mich einfach vor das nächste vorbeifahrende Auto zu werfen. Dann hätte ich womöglich bessere Chancen, von hier wegzukommen. Ich schmunzele. Ich frage mich, ob ich als Fahrer wohl jemanden mitnehmen würde. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Etwa 15 Minuten später denke ich über einen Tapetenwechsel nach. Ich ziehe weiter auf der Suche nach dem nächsten Bankerl. Schon etwa 100 Meter entfernt werde ich fündig. Diesmal am Bahnhofsplatz. Bedauerlicherweise gibt es hier jedoch kein Richtungsschild für Höhenkirchen. Also wieder zurück.

Gleich bei der Ortseinfahrt in Glonn steht das nächste Mitfahrbankerl. Und auch hier gibt es ein Standortproblem: Es steht zwar auf der richtigen Straßenseite, aber direkt hinter einer Baustellabsperrung. Die blockiert ganz schön die Sicht. Dennoch versuche ich mein Glück. Viele Autofahrer nehmen mich wahr, einige sogar mit einem Lächeln! Bald hält eine Frau kurz an: „Ich fahr nach Egmating, aber das hilft dir nicht oder?“ „Nein“, sage ich bestimmt. Dabei wollten in Egmating doch einige nach Höhenkirchen. Aber der Gedanke daran, wieder auf der selben einsamen Bank zu sitzen, ist einfach unerträglich.

Eine erneute halbe Stunde später kommt mir wieder die Frau von vorhin entgegen. Bei mir angekommen, wird ihre Miene ernst. Sie erklärt mir sehr sorgsam, dass auch Busse nach Höhenkirchen fahren. An dieser Stelle komme ich mir wie der letzte Depp vor. Trotzdem probiere ich es weiter. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, fängt es nach rund zwei Stunden an zu regnen. Ich überlege kurz, ob Mitleid möglicherweise meine Situation verbessern würde. Doch ich verabschiede mich von diesem Gedanken. Ich ziehe weiter unter die Überdachung am Rathaus und beende an dieser Stelle mein Experiment. Reumütig nehme ich mein Handy in die Hand und rufe meine Freundin an, damit sie mich abholt. Schön zu wissen, dass man sich auch in ungewissen Situationen auf jemanden verlassen kann.

Zum Glück habe ich die Fahrt nach Egmating abgelehnt, kurz danach hält ein junger Mann. „Nach Höhenkirchen? Passt, ich muss nach Brunnthal.“ Er habe in Glonn schon öfter jemanden auf den Bänken sitzen sehen, „aber eigentlich immer Senioren“. Ich erzähle ihm vom Experiment, dem „Wettlauf“ mit meinem Kollegen. Und erkläre stolz, dass ich als Sieger hervorgehe. Schließlich bin ich aus Glonn auch wieder weggekommen. Ob das nun daran liegt, dass ich eine Frau bin, in Glonn an einer anderen Bank saß oder einfach am Quäntchen Glück – ich freue mich mit einer Reisezeit von einer Stunde und 40 Minuten über den Sieg und die angenehmen Begegnungen.

Jens Verhey/Iris Janda

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