Wenn das Zuhause kein Schutzort ist

Hilfe für Betroffene von häuslicher Gewalt im Landkreis München

In einem Schattenbild greift ein Mann eine junge Frau an.
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Häusliche Gewalt ist ein Tabuthema. Dabei hat jede dritte Frau schon mal psychische oder physische Gewalt erfahren. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie hat dieses Schattenthema an zusätzlicher Brisanz gewonnen.
  • VonMelanie Schröpfer
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Häusliche Gewalt ist für viele Frauen Alltag. Und doch wird geschwiegen. Opfer können Hilfe erlangen und auch für Täter gibt es Anlaufstellen. Im Landkreis München finden Betroffene Hilfe bei der „Interventionsstelle im Landkreis München“ (ILM) und bei der „Fachstelle für Männerberatung im Landkreis München“ (MILK). Oberstes Ziel ist der Opferschutz.

Es gibt Frauen, die von einer Hand, die ihr entgegengestreckt wird, keinen Schutz, sondern Gewalt erfahren. Jede dritte Frau in Deutschland hat laut Statistik schon mal in ihrem Leben physische oder psychische Gewalt erfahren. Wenn dies geschieht, sind meist nur zwei Personen Zeuge: Täter und Opfer. Doch es gibt einen Ausweg.

Kommt es zum Polizeieinsatz, erhält die Interventionsstelle Landkreis München (ILM) eine Mitteilung und kann mit den daraus einhergehenden Informationen das Gefährdungspotenzial einschätzen. Tanja Böhm, Leiterin der ILM erklärt, dass auf dem Polizeibericht „nur die Daten des Opfers vermerkt sind, aber auch die Information, ob Kinder im Haushalt leben“. Daraufhin wendet sich die ILM an die Frau, mit dem Anliegen, sich bald persönlich zu sehen, um Sicherheit und Gewaltschutz zu beantragen.

Die meisten Opfer haben Kinder

Über 80 Prozent der Betroffenen, die bei der ILM Unterstützung erfahren, seien Mütter. 336 Fälle waren es im vergangenen Jahr, 2019 waren es noch 269, wobei Böhm auf die hohe Dunkelziffer verweist. Nichtsdestotrotz sehe sie keinen direkten Zusammenhang zur Corona-Pandemie. „Die Zahlen steigen jährlich.“ Ob das darin begründet ist, dass mehr Gewalt herrscht oder mehr Frauen sprechen, lasse sich nicht eindeutig sagen. Was sich aber sagen lässt, ist, dass die Frauen sich untereinander vernetzen und sich auch auf Empfehlung an die ILM wenden. Ein schwerer Schritt. „Sind Kinder im Spiel geht es auch um das Thema Umgang und Übergabe. Dabei kommt es häufig zu Übergriffen“, weiß Böhm. Außerdem komme es bei Umgangsfragen zu Ängsten wie „Woher weiß ich denn, was er meinen Kindern erzählt?“

Gewalt kennt kein Alter und hat viele Gesichter. Frauen, die sich an die Interventionsstelle wenden, sind zwischen 19 und 83 Jahren alt. Die durchschnittliche Hilfesuchende ist ungefähr 39 Jahre alt. Böhm sagt, es dauere oft viele Jahre, bis Frauen sich überhaupt an die Interventionsstelle wenden; teilweise leben sie jahrelang in diesen Gewaltstrukturen. „Gewalt fängt nicht mit blauen Flecken an“, hebt Böhm hervor. „Gewalt beginnt mit Erniedrigungen.“

An dieser Stelle setzt die Fachstelle für Männerberatung im Landkreis München (MILK) an. Ronald Föhlinger von der MILK sagt: „Alles, was wir tun, entspricht den Vorgaben der Istanbul-Konvention.“ Die Bundesrepublik Deutschland ist im Jahr 2018 beigetreten. Den Vorgaben nach wird ein gewaltfreies Verhalten gelehrt. Es ist ein spezielles soziales Trainingsprogramm, keine Therapie. „Voraussetzung ist Einsicht seitens des Täters, ein Verbesserungswunsch und Verantwortungsübernahme. Sonst macht Täterarbeit keinen Sinn.“

ILM und MILK arbeiten oftmals zusammen. Idealerweise sind beide Partner angebunden – das Opfer im Programm der ILM und der Täter in dem der MILK. Wenn der Täter bereits über das Jugendamt von der Männerberatungsstelle erfahren hat und an dem Programm teilnimmt, beginnt die Zusammenarbeit zwischen ILM und MILK. Nur die Mitarbeiter der Beratungsstellen untereinander sprechen; und auch nur, wenn es für beide Parteien in Ordnung ist. So kann vermittelt werden und auch gesehen werden, welche Punkte noch zwingend bearbeitet werden müssen, bevor es beispielsweise zu einem Zusammentreffen kommt.

Ziel der Zusammenarbeit sei vor allem der Opferschutz von Frauen und Kindern. Derzeit behandelt die Männerberatung rund 50 Fälle. 2019 waren es 39 und im Jahr 2020 insgesamt 58. 19 Prozent seien Selbstmelder, wobei sich einige Fälle auch über mehrere Jahre erstrecken.

Gewohnte Muster durchbrechen

In der Männerberatung werden Notfallpläne entwickelt, um die Gewaltspirale zu durchbrechen, denn „Gewalt ist ein erlerntes Verhalten“, weiß Föhlinger. Oft haben die Täter selbst Gewalt erfahren oder über Generationen miterlebt, wie mit Frauen umgegangen wird, die sich nicht dem Willen des Mannes beugen – es wird zugeschlagen. „Das Bild von Frauen wird in jungen Jahren schon verzerrt. Ich habe in meiner Zeit nur einen einzigen Fall erlebt, der sagte, er sei behütet aufgewachsen“, so Föhlinger. Generell aber seien die Ursachen für Gewalt vielfältig. Jobverlust, Alkohol, Sucht. All das spiele mit rein.

Zum siebenköpfigen Team der ILM gehört auch eine Kinderfachberaterin. Diese Arbeit sei ebenfalls sehr wichtig, wie Tanja Böhm erklärt, denn „es ist ein Irrglaube, dass die Kinder, die nebenan geschlafen haben, nichts mitgekommen haben. Oft schildern sie detailliert, was sie miterlebt haben.“ Für viele Frauen ist häusliche Gewalt Alltag. Kompetente, vertrauliche Beratung und Unterstützung finden Betroffene bei der Interventionsstelle Landkreis München – kostenlos und auf Wunsch auch anonym.

Melanie Schröpfer

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