Während der Corona-Krise gilt: „Jeder kleine Schritt bewirkt etwas“

Ottobrunner Klawotte näht Masken für Heimmitarbeiter

Die Näherinnen bei der Klawotte Kinder und Kreativ fertigen Mundschutzmasken für das Hanns-Seidl-Haus in Ottobrunn an.
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Die Näherinnen bei der Klawotte Kinder und Kreativ fertigen Mundschutzmasken für das Hanns-Seidl-Haus in Ottobrunn an.

Die Näherinnen der Ottobrunner Klawotte fertigen derzeit unzählige Masken für das KWA Hanns-Seidl-Haus, das Seniorenheim in Ottobrunn an.

Ottobrunn – „Als ich von dem Aufruf unseres Seniorenheims gehört habe, musste ich etwas tun“, erzählt Spiri Schnabel, Leiterin der Klawotte „Kinder und Kreativ“. Wie in vielen anderen Einrichtungen werden auch im KWA Hanns-Seidl-Haus in Ottobrunn aufgrund der Corona-Pandemie die Atemschutzmasken knapp. Deshalb hat das Heim die Bürger gebeten, Stoffe zu spenden oder ehrenamtlich Mundschutz zu nähen. 

Schnabel erfuhr davon und trommelte die Frauen aus der hauseigenen Schneiderei zusammen. Unter dem Label „verWertbar“ werden in der Schneiderei normalerweise gespendete Kleidungsstücke repariert und aufgewertet, bevor sie in den Verkauf kommen. Die Nähwerkstatt ist den vergangenen drei Jahren nach und nach gewachsen, weil der Klawotte Nähmaschinen, Stoffe und Garn gespendet wurden.

Obwohl die Klawotte derzeit geschlossen ist, stehen die zwei Nähmaschinen dort nicht still. Jeden Nachmittag werden aus bunten Baumwoll-Stoffen Mundschutz-Masken hergestellt. Fünf Näherinnen gibt es, darunter auch zwei afghanische Flüchtlingsfrauen, mit denen einst die Schneiderei angefangen hat. „Die sind immer noch da und kreativer denn je“, sagt Schnabel. 

Die Werkstatt ist groß genug, um den nötigen Sicherheitsabstand einzuhalten. Auch nähen nicht alle vor Ort, erklärt die Leiterin: „Einige kommen auch nur vorbei und holen sich die Stoffe, um dann von zu Hause zu nähen.“ Unter „#Maskeauf“ werben derzeit Prominente wie Jan Böhmermann, Joko Winterscheidt und Lena Meyer-Landrut im Internet dafür, Masken zu tragen. 

Vielerorts wird dazu aufgerufen, Mundschutz aus bei 60 Grad waschbarer Baumwolle für Kliniken und Pflegeeinrichtungen zu nähen. Auf besonders große Resonanz stieß das Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg mit einem Facebook-Aufruf vom 23. März.

Es bat darum, für patientenferne Bereiche wie Logistik, Reinigung oder Versorgung Mundschutz in verschiedenen Größen anzufertigen und ans Klinikum zu schicken. Bereits zwei Tage später hatte die Klinik so viele Masken erhalten, dass sie keine Lagerkapazitäten mehr hatte. 

„Wir sind tief gerührt von den unzähligen Anrufen und E-Mails, die uns in den vergangenen Tagen erreicht haben und der enormen Hilfsbereitschaft, die wir erfahren haben“, heißt es dazu auf der Webseite der Klinik. Auch wenn sie derzeit keine Masken mehr brauchen, gäbe es noch viele andere Einrichtungen, die diese dringend benötigen.

Deshalb war auch für Schnabel klar, dass die Klawotte helfen muss: „Ich brauche die Stoffe nicht hier horten und warten, bis die Klawotte wieder aufmacht, um sie dann zu verkaufen. Wir müssen jetzt mit diesen Stoffen, die wir gespendet bekommen haben, das Beste daraus machen. Das, was für uns alle als Gesellschaft gut ist“, verdeutlicht sie. Zwar schützt ein selbstgenähter Mundschutz den Träger nicht gegen eine Ansteckung mit dem Corona-Virus. Aber er verhindert, dass Tröpfchen in der Umgebung verteilt werden. 

„Auch ein selbstgebauter Mundschutz fängt Tröpfchen auf, wenn man hustet und niest“, hieß es dazu jüngst vom Chef des Robert-Koch-Instituts Lothar H. Wieler. Und sie bringen noch mehr Vorteile: „Schon alleine, weil man sich dadurch nicht ständig ins Gesicht fasst, lohnen sich die Masken“, erklärt Schnabel. Im medizinischen Bereich bei Operationen oder im direkten Kontakt mit Infizierten seien selbstverständlich industrielle Wegwerfmasken weiterhin unerlässlich.

„Aber im Alltag, beim Einkaufen oder im Seniorenzentrum am Empfang braucht es keine Masken, die dann weggeworfen werden“, verdeutlicht die Klawotte-Leiterin. Wichtig ist auch, dass sie nach maximal zwei bis drei Stunden Benutzung oder wenn sie durch die Atemluft feucht werden, ausgetauscht und gewaschen werden. Außerdem sollen die Masken beim Tragen nicht berührt werden, damit darauf über die Hände keine Viren landen. 

Im Internet gibt es verschiedene Anleitungen, wie der Mundschutz genäht wird. „Wir haben uns aus drei Vorlagen eine eigene für unsere Masken zusammengestellt“, meint Schnabel. Als das fertig war, ging es gleich fleißig ans Nähen. In den ersten zweieinhalb Tagen haben die fünf Frauen bereits 50 Masken fertig gestellt. 

„Wir sind noch sehr langsam, weil wir alle keine gelernten Schneiderinnen sind und uns noch die Routine fehlt“, meint die Klawotte-Leiterin und fügt hinzu: „Aber wir sind geduldig und fleißig. Und egal, wie viele rauskommen, wir sitzen hier jeden Tag und machen weiter.“ Und die Hilfe kommt an. Ursula Cieslar, die Stiftsleiterin vom KWA Hanns-Seidl-Haus, ist von der Aktion begeistert: „Das ist wirklich eine schöne Sache. Es ist schön, dass man so viel Freundlichkeit begegnet. Und es entsteht eine wahnsinnige Kreativität.“ 

Mit der Arbeit helfen die Frauen nicht nur anderen, sondern auch sich selbst durch die Krise, wie Schnabel aus eigener Erfahrung berichtet: „Ich saß zu Hause und war wie gelähmt. Durch diese Aktion ist dann wieder so eine Lebendigkeit in den Alltag gekommen. Das hilft ungemein aus dieser Gelähmtheit raus zu kommen. Man überwindet viele Sorgen und Ängste, wenn man aktiv wird.“ Und jeder kann aktiv werden. Die Klawotte freut sich über Stoffspenden genauso wie über weitere Mithelfer. 

Auch andere Nähutensilien werden immer gebraucht. Kürzlich gingen zum Beispiel die Gummibänder aus. Eine der Helferinnen hatte glücklicherweise noch welche zu Hause. Schnabel ist sich sicher, dass die Hilfe jedes einzelnen, egal wie klein, zu diesen Zeiten unerlässlich ist: „Wir können zwar nur kleine Schritte machen, aber jeder kleine Schritt bewirkt etwas.“

Iris Janda

Kommentar:

Sein zählt nun mehr als Schein 

Wie die Corona-Krise abhanden gegangene Werte zurückbringt.

„Jetzt kommt es nicht darauf an, welche Menschen wir sein wollen, sondern welche Menschen wir sind“ – das schrieb Satiriker Jan Böhmermann jüngst auf seinen Social-­Media-Kanälen. Was in anderen Zeiten wie ein kitschiger Kalenderspruch klingen mag, ist wohl für keine Situation treffender als die aktuelle. 

Die vergangenen Jahre verbrachten viele, gerade jüngere Menschen mit der Selbstinszenierung auf Instagram und Co. Atemberaubende Reisefotos, perfekte Outfits, optimierte Körper – jeder konnte sein, wer er wollte. Ganz gleich, wie es im echten Leben aussah. Diese Scheinwelt lässt sich nicht mehr aufrecht erhalten. Denn die Bedrohung durch den Corona-Virus ist so real, global und allumfassend, dass alles andere, was vorher vermeintlich wichtig war, nichtig geworden ist. Nun ist die Zeit zu handeln. Nicht für sich selbst, nicht für Likes oder Follower, sondern für andere.

Es macht Mut, dass viele Menschen jetzt ehrenamtlich tätig werden, Schutzmasken nähen, für andere Einkaufen gehen oder allein, dass sie zu Hause bleiben, um andere zu schützen. Das ist Beweis dafür, dass zu Krisenzeiten in der Gesellschaft noch immer andere Werte als virtuelle Anerkennung zählen. Und wenn dieser solidarische Gedanke auch nach Corona weiterlebt, wenn wieder Sein wichtiger als Schein ist, hätten alle gewonnen.

Iris Janda

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