Kaffee, Kekse und ein nackter Mann

HALLO-Volontärin Alexandra Kraus beim Aktzeichnen

Heute Morgen sitze ich nicht allein in der S-Bahn. Neben mir die Nervosität – so breit, als bräuchte sie fast zwei Sitze. Schließlich stelle ich mich heute gleich zwei persönlichen Herausforderungen: dem Zeichnen (Mein Kunstlehrer hatte seine Freude mit mir) und der Nacktheit (Am liebsten bin ich angezogen). Beides kommt beim Aktzeichnen gleich zusammen.

Mit mulmigem Gefühl betrete ich die Vhs Vaterstetten — wie immer viel zu früh. Nur das Modell ist schon da – kleiner und flauschiger, als ich gedacht habe. Spaß beiseite: Es ist nur Rocky, der Hund des Geschäftsführers Helmut Ertel. „Darf ich vorstellen: unser Topmodel. Einmal zeichnen – eine Million“, sagt er lachend. Doch dann kommt schon das echte Aktmodell in den Kursraum.

Ich hatte ihn mir irgendwie anders vorgestellt. Ein bisschen forscher vielleicht. Mehr „Hier bin ich!“. Damit hat der freundliche junge Mann, vielleicht Ende 30, vor mir aber herzlich wenig zu tun. „Ein bisschen nervös bin ich schon,“ sagt er mit schüchternem Lächeln. Und das trotz einschlägiger „Berufserfahrung“. Seit Anfang 20 verdient er sich als Aktmodell etwas dazu. Angefangen hat alles mit einer Werbeanzeige für Nacktmodelle. „Ohne alles vor so vielen Leuten zu stehen – das hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Obwohl ich früher im Schwimmbad immer einer der ersten in der Umkleidekabine war.“ Und weil sich alte Gewohnheiten nicht so schnell ändern, verschwindet der Hauptakteur wenig später in der Umkleide, besser gesagt hinter dem Flipchart. Ausziehen ist Privatsache.

Während die Kleider zu Boden fallen, strömen die ersten Teilnehmer ins Atelier. Kunstliebhaber, Hobbymaler, Anfänger, Fortgeschrittene, Menschen, die an ihrer Technik feilen wollen und solche, die einfach die Gesellschaft suchen – allesamt im Seniorenalter. Wird das Nacktsein im Alter selbstverständlicher? 

Dann geht die Sonne auf. Sigrun Bischoff-Kaufmann, Kursleiterin und Herzblutkünstlerin, ist mit ihrer ansteckend lebhaften Art so leicht wie das Leben sein sollte. Die großen blauen Augen strahlen Geduld und Wohlwollen aus, die sanfte Stimme wirkt beruhigend. Ein paar Worte mit ihr und ich vergesse glatt, warum ich eigentlich nervös war. 

Zack, zack, los geht‘s. Etwas zögerlich tritt das Modell aus der provisorischen Umkleide heraus und nimmt seine erste Position ein. Die Arme lässig hinter dem Kopf verschränkt, Hüfte raus, Beine zusammen. Errötete Wangen, beschämte Blicke, verlegenes Kichern? Nichts dergleichen! Nacktheit ist hier so selbstverständlich wie der Kaffee und die Kekse auf dem Tisch. Wieso haben wir nur so große Angst vor unserer Natürlichkeit? Hatten doch die alten Griechen auch nicht. Nackt sein war in, eine göttliche Ehre. Genauso bei den alten Römern. Erst mit der Ausbreitung des Römischen Reichs kam der Wendepunkt. Die heidnischen, jüdischen und mitteleuropäischen Einflüsse machten Nacktheit zum Symbol für Sklaverei und Armut: Wer nichts trägt, hat nichts. Noch verpönter ist nackte Haut ab dem 19. Jahrhundert. „Nacktheit wird mit Primitivität, Exhibitionismus oder Nudismus gleichgesetzt“, sagt Psychologe Philip Carr-Gomm. Bin ich jetzt auch exhibitionistisch veranlagt, wenn ich einen nackten Mann zeichne? Fühlt sich gar nicht so an. „Ist doch nichts dabei“, denke ich mir und zücke meinen Bleistift. Nur der Blick in die Körpermitte fällt mir noch schwer. Ansonsten fühle ich mich, als wäre ich unter guten alten Freunden, als würde ich diese Leute schon ewig kennen. 

Aber jetzt zur Praxis. Durchatmen, abmessen, loslegen. Und da ist er auch schon, mein erster Akt. „Erinnert mich ein bisschen an den Walking Man an der Leopoldstraße“, stellt Bischoff-Kaufmann amüsiert fest. Klingt fast wie ein Kompliment. Auch bei den nächsten Posen im Liegen, Schneidersitz oder beim denkenden Mann verzeiht der Akt, die Königsdisziplin der Malerei, nichts. Gebrochene Arme, verdrehte Beine, Miniköpfe – der „nackte Mann“ macht einiges mit. Zum Glück nur auf dem Papier. Und zum Glück nur alle zehn bis 15 Minuten. Dann gibt es einen Positionswechsel. „Jede Pause ist eine Wohltat“, erzählt das Modell zwischen zwei Dehnübungen. 

Eine Wohltat ist aber auch die Atmosphäre an sich. Keine Spur von Scham. Stattdessen werden Heiztipps ausgetauscht und über die neueste Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle geschnackt. Mit voller Aufmerksamkeit mit dabei: Hund Rocky. Und der hat dann auch das letzte Wort, wenn es um den besten Akt geht. Als bei der Sammelausstellung zum Abschluss nochmal alle Zeichnungen auf dem Boden präsentiert werden, erschnüffelt er den Gewinner. Kein Wunder, dass jeder nochmal versucht, die Jury mit einem Schokokeks zu bestechen. In seinem Pelz möchte ich jetzt nicht stecken. Jeder Akt, von schwarz-weiß bis kunterbunt, ist für mich ein kleines Meisterwerk, eine kleine Liebeserklärung an den menschlichen Körper – mit all seinen Ecken und Kanten. Und auf dem Rückweg in die Redaktion sitzt auf dem Nachbarsitz in der S-Bahn dann nicht mehr die Nervosität. Die Gelassenheit hat es sich neben mir bequem gemacht, so breit, auch sie könnte glatt zwei Sitze gebrauchen.

Alexandra Kraus

Kursreihe Aktzeichnen

Der Kurs findet noch am 24. Oktober sowie am 7. November, jeweils Mittwoch von 9 bis 12 Uhr in der Vhs Vaterstetten, Baldhamerstraße 39, statt. Interessierte können sich per E-Mail an service@vhs-vaterstetten.de oder unter Telefon 08106/359035 anmelden. Kursgebühr: 70 Euro.

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