Vorsitzender der Landkreis SPD: „Traumtänzer sind wir auch nicht“

Florian Schardt, Vorsitzender der SPD München-Land, im Gespräch

Florian Schardt ist mit HALLO vertraut – er hat die Zeitung vor 20 Jahren im Stadtteil Neuperlach ausgetragen.
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Florian Schardt ist mit HALLO vertraut – er hat die Zeitung vor 20 Jahren im Stadtteil Neuperlach ausgetragen.

Bei der Kaffeefrage hält es Florian Schardt simpel: „Immer schwarz – politisch nicht, aber beim Kaffee“. Auch sonst wirkt er während des Gesprächtermins in der HALLO-Redaktion sehr bodenständig. Seit 2006 engagiert sich der zweifache Familienvater in der SPD, gründete die online Plattform „Azubiyo“ und nahm im Sommer 2019 den Posten des SPD Landkreis-Vorsitzenden an. Im Interview verrät er, wer der Unternehmer und Politiker eigentlich genau ist, was seine Vorstellungen von funktionierender Politik sind und wie er dabei mit Frust umgeht.

Herr Schardt, was macht eigentlich ein Vorsitzender der Landkreis-SPD?

Ich habe hauptsächlich Aufgaben im innerparteilichen Räderwerk. Eine wichtige Aufgabe war zum Beispiel die Liste für den Kreistag aufzustellen und Wahlprogramm­themen festzulegen. Nie alleine, immer im Team, aber schon an vorderster Front. Jetzt geht es um die Organisation des Wahlkampfs.  

Sie haben kein eigenes Mandat. Wie viel Einfluss können Sie auf politische Entscheidungen ausüben?

Nach innen ist das gar nicht unerheblich. Bei Themen und Nominierungen kann man relativ viel Einfluss nehmen. Es ist schon ein Amt, in dem man das ein oder andere bewegen kann. Man könnte diese Aufgaben abgeben, aber das finde ich nicht gut. Wenn man gewählt ist, sollte man es auch machen.

Das klingt nach viel Arbeit. Wie wird das zu Hause aufgenommen?

Ich habe schon immer eine politische Ader. Ich glaube, da war mancher schon froh, dass die nun nicht immer beim Abendessen ausgelebt wird. Der Nachteil ist, dass Politik oft abends stattfindet. Mein Sohn meint dann manchmal halb im Scherz, halb im Ernst „Bist du jetzt schon wieder bei der SPD?“ Insgesamt wurde meine Wahl zum Vorsitzenden aber gut angenommen.

Dann ist Politik also trotzdem noch ein Thema zu Hause?

Das stimmt. Ich weiß nicht, ob die Wette aufgegangen ist (lacht). Aber ich arbeite dran. Es ist natürlich ganz normal. Man hat sehr viele Gespräche zu sehr vielen Themen, das arbeitet dann in einem und man muss es auch irgendwie kanalisieren. 

Momentan gibt es sicherlich viel Gesprächsbedarf, schließlich steht die SPD derzeit in keinem guten Licht da. Wird sich das schlechte Image der Bundes-SPD auf die Kommunalwahlen auswirken?

Das ist zumindest zu befürchten. Es hängt auch davon ab, wie wichtig die einzelne Person für die Wahlentscheidung ist. Ein erfolgreicher Bürgermeister wird kaum Probleme haben. Für den Kreistag, den viele Menschen gar nicht wirklich kennen, ist die allgemeine Stimmungslage schon eine Herausforderung. 

Können Sie dem entgegenwirken?

Mir ist wichtig, dass wir uns davon nicht kirre machen lassen und alles tun, um den Leuten klar zu machen, worum es geht und worum nicht. Es geht jetzt nicht um Berlin, nicht um die Schwarze Null. Sondern es geht zum Beispiel um die Finanzierung von Schulen, um Jugendhilfe oder neue Buslinien. Aber Traumtänzer sind wir auch nicht.

Inwiefern?

Die Tagesschau oder Spiegel Online werden natürlich wahrgenommen. Umso wichtiger, dass wir jede freie Minute mit den Leuten vor Ort sprechen.

Also ist Klinkenputzen angesagt?

Ja, absolut. Die Bürgermeisterkandidaten gehen von Haustür zu Haustür.

Wird einem da nicht auch mal die Tür vor der Nase zugehauen?

Erstaunlich selten. Das kommt bei den meisten Menschen gut an. Darüber hinaus gibt es so viele Möglichkeiten, das Gespräch zu suchen. Mit Handwerkern, beim Bäcker, beim Einkaufen und so weiter. Von den meisten Problemen vor Ort hört man nur im Gespräch.

Aber frustriert das die Bürger nicht eher, wenn sie von ihren Problemen erzählen und diese dann nicht gelöst werden?

Man muss ehrlich sein und darf keine falschen Erwartungen wecken. Wenn man klar sagt, was funktioniert und was nicht, gibt es schon Verständnis. Nicht bei allen, aber bei den meisten. Auch der beste Bürgermeister kann nicht zaubern.

Wann hatten Sie denn das letzte Mal ein solches Gespräch?

Das war mit einem Maler, der gelegentlich zu Ausbesserungen kommt. Wir sind immer bestens klargekommen, bis ihm klar wurde, dass ich ein Sozi bin. Ich war im Nachhinein erschrocken, wie laut es da geworden ist.

Was war denn der Streitpunkt?

Es ging nicht um konkrete Inhalte. Er hatte die generelle Einstellung, dass die Politik nichts tut, und hat da die SPD pauschal mit in den Topf geworfen. Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht fair finde. Gerade Leute in der Kommunalpolitik, die sich nach einem langen Arbeitstag noch in den Gemeinderat hocken und neue Fußgängerampeln oder Kindergärten auf den Weg bringen, oft bis weit nach 23 Uhr, sollte man wertschätzen und nicht verteufeln. Da war ich richtig sauer. Trotzdem war es ein sehr fruchtbares Gespräch.

Weshalb?

Selbst wenn man aus so einem Gespräch  rausgeht und erkennt, den erreiche ich für die SPD nicht mehr, oder zumindest nicht so schnell, bekomme ich immerhin eine Vorstellung, woran es liegt. Und er erkennt zumindest, dass der SPDler schon auch einen richtigen Punkt hat. Passieren solche Gespräche häufiger, kann Vertrauen auch wieder wachsen. Und wir sind nach dem lautstarken Disput im Guten auseinander gegangen. Es war zwar eine etwas rustikalere Form der Kommunikation. Aber da, wo die SPD eigentlich herkommt, Bergbau und Schwerindustrie, da wird’s auch mal lauter.

Auch mit AfD-Wählern kann eine Diskussion schwierig sein. Suchen Sie trotzdem den Diskurs?

(Zögert) Ja, aber manchmal bringt das nichts mehr. Wir sind ja in der Mehrzahl keine Klimawissenschaftler oder Steuerexperten. Es braucht also für jede sinnvolle Diskussion, etwa über den Klimawandel, Quellen, auf die man sich beziehen kann. Aber wenn die Wissenschaft pauschal als „Mainstream“ und die Zeitung als „Lügenpresse“ abgetan wird, ist eine Diskussion auch beim besten Willen nicht mehr möglich. Aber was ich auch für falsch halte: Wenn man bei AfD-Wählern sofort die Nazi-Keule schwingt. Da sind eine Menge ehemaliger SPD-Wähler dabei. Man darf nicht zu leichtfertig urteilen.

Wie können diese Wähler zurückgewonnen werden?

Das wird dauern. Wer Höcke, Kalbitz & Co. Gut findet, ist für die SPD nicht zu gewinnen. Anders beim Facharbeiter im Automobilzuliefererbetrieb, der sich nicht mehr repräsentiert fühlt, zum Beispiel weil er Elektroautos für weniger klimafreundlich hält als es in der politischen Debatte derzeit den Anschein hat. Da müssen wir wieder näher ran.

Wie kann das gelingen?

Ich bin neu, werde meinen Weg erst finden müssen. Aber ich denke: Zuhören, wo der Schuh wirklich drückt. Nichts versprechen, was man nicht halten kann. Nicht zu viel vornehmen, sondern spezialisieren. Und dann eine besonders harte Nuss von Anfang bis Ende knacken. Ein Leuchtturmprojekt. Dann sehen die Leute, da ist jemand glaubhaft hinter einer Sache her und es tut sich etwas. Vielleicht spricht da jetzt mehr der Unternehmer aus mir. Ich denke, es braucht oft keine großen Theorien und schon gar keine Ideologien. Wenn man es einfach gut macht und das entsprechend kommuniziert, werden es die Leute auch honorieren. Und wenn es gute Gründe gibt, warum etwas nicht klappt, sollte man es ebenso gut erklären. 

Was wäre Ihr Leuchtturmprojekt, sollten Sie in den Kreistag gewählt werden?

Nicht jeder hat Bus und Bahn vor der Tür. Und spätestens bei Regen nehmen die wenigsten das Rad. Die Stauprobleme im Landkreis werden wir nur mit einer besseren Park-and-Ride-Infrastruktur lösen können. Das ist kompliziert, weil genau diejenige Gemeinde, die das Parkhaus oder den Parkplatz bauen muss, am wenigsten davon hat. Ich möchte mich im Kreistag hinter dieses Thema klemmen, nach Lösungen suchen und dann Leute überzeugen. Es ist mir sehr wichtig, ein konkretes Projekt für den Kreistag zu haben. 

Wieso?

Ich brauche Ziele, die ich mir setzen kann. Das mache ich als Unternehmer nicht anders. Nur von Gremium zu Gremium zu gehen, ohne Ziel, das finde ich unbefriedigend. Gremien sind Mittel zum Zweck. Wenn es das Thema aber Stück für Stück ein bisschen weiterbringt, dann hält man es aus.

Sie sind seit 13 Jahren bei der SPD. Warum haben Sie sich der Partei angeschlossen?

Ich habe einen typischen SPD-Familienhintergrund. Daher war ich der SPD immer nah. Etwas anderes wäre nie infrage gekommen. Es braucht eine Partei, die das Soziale stets im Blick hat, gleichzeitig die Wirtschaft nicht vergisst. Und dabei besonders auf die Leute schaut, die keine Lobby haben. Wenn ich mich heute entscheiden müsste, würde ich wieder in die SPD eintreten. 

Bereut haben Sie es also nie?

Abgesehen von gelegentlichen Stunden, in denen ich mich wahnsinnig geärgert habe.

Worüber haben Sie sich denn geärgert?

Wir sind ein Industrieland. Und unsere Industrie steht vor großen Herausforderungen, nicht nur wegen des Klimawandels. Bei unserem letzten Bundesparteitag wurde darüber fast nicht gesprochen. Und in unserer 16-köpfigen Kreistagsfraktion ist die Breite des Arbeitslebens deutlich besser abgebildet als im SPD-Bundesvorstand mit über 40 Personen. Das ist für eine Partei der Arbeit keine gesunde Entwicklung. Starker Sozialstaat und starke Wirtschaft gehen nur gemeinsam. Und es braucht generell in der Politik auch auf den höheren Ebenen mehr Menschen, die zuvor etwas anderes gemacht haben. Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen vor allem mehr Naturwissenschaftler, mehr Ingenieure. Da haben allerdings alle Parteien einen gewaltigen Nachholbedarf.

Wie gehen Sie mit Ihrem Frust um, wenn Sie sich über eine Entscheidungen in Berlin ärgern?

Wenn ich mich zu sehr ärgere, rufe ich einen x-beliebigen Kommunalpolitiker an. Spätestens dann weiß ich wieder, wofür ich es mache.

Interview: Melanie Schröpfer und Iris Janda

Steckbrief zu Florian Schardt

Florian Schardt ist 37 Jahre alt und lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Ottobrunn. Seit 2006 ist er SPD-Mitglied und war zunächst in München aktiv. 2014 zog er nach Neubiberg und war dort bis 2018 als stellvertretender Ortsvorsitzender tätig. Seit Herbst 2018 ist er im Ottobrunner Ortsverband. Schardt hat VWL an der LMU studiert und 2009 Azubiyo gegründet, ein Online-Portal für Ausbildungsstellen und Duale Studienplätze, das 70 Mitarbeiter in München, Köln und Berlin hat. Im Sommer 2019 übernahm er von Bela Bach den Posten des Vorsitzenden der Landkreis-SPD.

Kommentar

Klare Kante gegen Populisten zeigen: Warum Sorgen nie als Legitimation für Rechts gelten dürfen

Der Umgang mit der AfD und ihren Wählern – ein Thema, mit dem sich nicht nur Politiker und Journalisten schwer tun. Jeder Einzelne kann damit im Familien- oder Bekanntenkreis konfrontiert werden. Wie am besten reagieren?

Nach dem Stimmgewinn der AfD in Brandenburg und Sachsen erklärte FDP-Vize Wolfgang Kubicki, er wolle „offener und kommunikativer mit der AfD und ihren Wählerinnen und Wählern umgehen“. Schließlich habe der bisherige Kurs der Ausgrenzung nicht dazu geführt, dass die Partei kleiner geworden sei. Doch den „besorgten Bürgern“ Gehör zu schenken, zu versuchen, ihre Argumente für Rassismus und Diskriminierung zu verstehen, ist äußerst bedenklich. Denn es gibt keine Argumente für Rassismus und Diskriminierung. Sorgen dürfen niemals als Legitimation dafür herhalten. Viele wählen die AfD aus Protest, weil sie sich abgehängt fühlen, weil ihr Umfeld wegbricht und sie die Regierung der vergangenen Jahre dafür verantwortlich machen. Aber wer aus diesen – oder auch jeglichen anderen Gründen – die AfD wählt, unterstützt Rechtspopulisten. Das gilt es so deutlich zu benennen. Zweifelsohne muss die Politik die Strukturprobleme, etwa in den ländlichen Gegenden Ostdeutschlands, wirklich angehen und beheben. Aber es ist der falsche Weg, sich mit Bürgern zu verbünden, die aus diesen Gründen Rechtspopulisten wählen.

Stattdessen sollte denjenigen der Rücken gestärkt werden, die unter den Folgen von Hass und Diskriminierung leiden. So wie neulich in der U-Bahn, als ein Mann wegen seiner Hautfarbe von einem anderen angegangen wurde. Drei Fahrgäste kamen ihm zur Hilfe und wiesen den Angreifer mit den Worten „You’re a racist!“ in die Schranken. In solchen couragierten Momenten ist ganz klar spürbar, dass das der einzig richtige Weg sein kann. Denn Liebe ist stärker als Hass.

Iris Janda

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