Zivilcourage fängt schon im Kleinen an

Brunnthaler Verein schult zum Thema Zivilcourage

Diese Übung ist Teil des Trainings beim Brunnthaler Verein Zivilcourage für ALLE, das normalerweise vor Ort stattfindet. Derzeit werden die Kurse nur online angeboten.
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Diese Übung ist Teil des Trainings beim Brunnthaler Verein Zivilcourage für ALLE, das normalerweise vor Ort stattfindet. Derzeit werden die Kurse nur online angeboten.

Seit 2010 setzt sich der Verein Zivilcourage für ALLE dafür ein, auf das Thema und seine Bedeutung für die Gesellschaft aufmerksam zu machen. In speziellen Trainings kann jeder lernen, couragiert zu sein.

Zivilcourage geht jeden an – und jeder kann sie lernen. Diese Botschaft hat sich der Brunnthaler Verein Zivilcourage für ALLE auf die Fahne geschrieben. „Das ist nichts, was angeboren ist. Jeder kann es lernen und wir wollen dem eine Plattform geben“, verdeutlicht Verena Luber, zweite Vorsitzende des Vereins.

Gegründet wurde der Verein 2010 auf Initiative von Mira Pouresmeili. Diese studierte damals Psychologie an der LMU und besuchte das Seminar „Kleine Schritte statt Heldentagen“ der Sozialpsychologen Prof. Veronika Brandstätter und Prof. Dieter Frey. „Warum ist der Kurs nur Studenten vorbehalten“, fragte sich die junge Frau und kam auf die Idee, den Verein zu gründen, um das Angebot allen Menschen zugänglich zu machen. Das Training, das der Verein anbietet, wurde leicht modifiziert und wird regelmäßig evaluiert und angepasst. So fließen beispielsweise auch Themen wie Cybermobbing oder das Verhalten am Arbeitsplatz mit ein.

Aber wo fängt Zivilcourage an, wo hört sie auf? „Wenn die Teilnehmer ins Training kommen, haben sie meist klassische Situationen wie die Pöbelei in der U-Bahn im Kopf. Aber das geht schon im Kleinen los“, weiß Luber. Ganz aktuell bedeute Zivilcourage beispielsweise auch schon, jemand darauf hinzuweisen, wenn er den Mund-Nasen-Schutz falsch trage. „Die Situationen sind vielfältig. Alles, bei dem man sich ans Herz fassen muss, etwas zu sagen“, erklärt sie weiter.

Dennoch gibt es viele, die in Situationen, in denen ihr couragiertes Verhalten gefragt wäre, nicht einschreiten. Dafür gebe es verschiedene Gründe, erklärt Luber: „Ganz viel spielt die eigene Angst eine Rolle. Dann lautet die Frage: ,Was passiert, wenn ich einschreite?‘ oder auch ,Warum soll ich etwas tun?‘“ Je mehr andere in der Situation in der Nähe sind, umso weniger sehe man sich in der Verantwortung. Verantwortungsdiffusion nennen Psychologen dieses Phänomen.

Über genau diese Verhaltensmuster wird in den Trainingseinheiten gesprochen – und wie sie durchbrochen werden können. Entscheidend dafür ist das Üben. „Wir machen viele Rollenspiele. Denn es gibt die Theorie, dass mir etwas umso leichter fällt, je öfter ich es übe und durchspiele“, verdeutlicht die zweite Vorsitzende. Geschäftsführerin Susanne Singer stimmt dem zu: „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Wahrscheinlichkeit zu handeln höher ist, wenn man diese Situationen vorher übt.“ Ob man letztendlich in einer Situation einschreite oder nicht, müsse jeder vor sich selbst verantworten. „Am Ende des Tages muss ich mir in die Augen schauen können und sagen können ,Ok, so wie ich mich heute verhalten habe, passt das für mich‘“, erklärt Luber. Mancher traue sich mehr, mancher weniger, das sei völlig legitim. Die Polizei zu rufen, sei immer eine Möglichkeit. „Das kann ich auch erst machen, wenn ich zu Hause bin. Jeder soll genau das machen, wofür er sich gut fühlt.“ Singer sieht das genauso. Vor allem sei eines entscheidend: „Wichtig ist, sich selbst nicht in Gefahr zu bringen“, so Singer.

Die Brunnthalerin lernte 2011 bei der Münchner Freiwilligenmesse den Verein kennen und war von dessen Arbeit begeistert. Später übernahm sie die Position der Geschäftsführerin. Luber stieß ein Jahr später dazu, als sie über eine Studienfreundin Zivilcourage für ALLE kennenlernte. Als Univerein mit vielen Studierenden gestartet, hat der ehrenamtliche Verein mittlerweile 20 Mitglieder aus unterschiedlichstem Kontext und im Alter zwischen 25 und 65 Jahren. „Es ist ganz schön, dass wir jetzt so gemischt sind und auch Menschen mit verschiedenen Berufen dabei sind. Jeder bringt so seine Expertise mit“, erzählt die Geschäftsführerin. Denn der Verein freut sich über ehrenamtliche Hilfe an allen Stellen. Wer möchte könne als Assistenz beim Training mitmachen und später Co-Trainer werden. „Aber genauso suchen wir immer Leute, die gerne Veranstaltungen organisieren, sich um PR oder die IT kümmern, oder neue Trainingskonzepte mitentwickeln“, so Luber. „Jeder der Lust hat, ist herzlich willkommen“. Neben den aktiven Mitgliedern sind sie ebenso um jedes Fördermitglied dankbar, dass ihre ehrenamtliche Arbeit finanziell unterstützt.

Verschiedene Aktionen

Mit verschiedenen Aktionen, etwa einem Poetry Slam auf der Alten Utting im vergangenen Jahr oder Podiumsdiskussionen, versucht Zivilcourage auf vielfältige Art auf das Thema aufmerksam zu machen. In diesem Jahr war dies aufgrund der Corona-Pandemie nicht in gewohnter Form möglich. Ebenso mussten sie bei den Trainings umdisponieren. Das letzte offene Training in Präsenz fand im Februar statt, seitdem wir online geschult, zuletzt am 14. November. Auch buchbare Trainings, die etwa Firmen oder Schulen in Anspruch nehmen, sind derzeit nur digital möglich. „Online ist es natürlich anders“, erklärt Luber. „Wir können die Rollenspiele und die Interaktion nicht machen. Dafür reden wir viel über das Themen und jeder Teilnehmer stellt eine persönliche Erfahrung oder Situation vor und wir sprechen diese im Team durch.“

Dass die Arbeit von Zivilcourage für ALLE wichtig und der Bedarf da ist, merken sie an der großen Nachfrage. „Wir merken, dass das Thema immer präsenter wird“, verdeutlicht Singer. „2019 war unser erfolgreichstes Jahr. Wir hatten 40 gebuchte Trainings und Wartelisten für die offenen Kurse.“

Hauptziel des Vereins ist es, das Thema unter die Leute zu bringen. Denn Luber weiß aus eigener Erfahrung, dass es etwas bringt, Mut zu beweisen. „Sobald man das Muster durchbricht und Zivilcourage zeigt, verändert man auch ganz viel.“ Iris Janda

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