Politische Regelschule und ein Neuanfang

Brunnthals Gemeinderätin Ulla Gocke über ihren Fraktionswechsel

Ulla Gocke gehört nicht mehr der CSU-Fraktion an. Warum das so ist, erzählt sie im Interview.
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Ulla Gocke gehört nicht mehr der CSU-Fraktion an. Warum das so ist, erzählt sie im Interview.

Brunnthal – Brunnthals Gemeinderätin wechselt nach sechs Jahren der CSU-Angehörigkeit nun in die Fraktionsgemeinschaft der UBW und SPD. Im HALLO-Interview spricht sie über die Hintergründe ihrer konsequent gewählten Entscheidung.

HALLO: Frau Gocke, Sie wechselten kurz nach der konstituierenden Sitzung von der CSU-Fraktion in die UBW-/SPD-Fraktionsgemeinschaft. Ist Ihnen der Schritt schwergefallen? 

Ulla Gocke: Diesem Schritt ist generell natürlich eine ganz lange Phase des Abwägens und der inneren Abstimmung vorausgegangen. Dieser Abstimmungs- und Denkprozess war für mich zum einen sehr erkenntnisreich – und an der einen oder anderen Stelle rückblickend natürlich auch schmerzhaft. Die Entscheidung, die CSU-Fraktion zu verlassen, habe ich aber ganz bewusst getroffen.

Sie wurden von ihrem ehemaligen Parteikollegen Andreas Langner als dritte Bürgermeisterin aufgestellt. Martin Rottenhuber, der ebenfalls CSU-Mitglied ist, hat jedoch einen Kandidaten aus der Gegenpartei vorgestellt. Haben Sie nach der konstituierenden Sitzung das Gespräch mit Herrn Rottenhuber gesucht, der Herrn Huber von der PWB, statt Sie unterstützte? 

Nein, es kam zu keinem Gespräch.

Wieso nicht? 

Das ist Vergangenheit. Im Vorfeld hatten wir die unterschiedlichen Kandidaten und Positionen sehr ausführlich diskutiert. Ich habe immer hervorgehoben, dass man auch als Frau Flagge zeigen muss. Wir können nicht auf der einen Seite Positionen verlangen und uns auf der anderen Seite nicht zur Wahl stellen. In den Amtszeiten zuvor standen auch immer Kandidatinnen für den Posten eines weiteren Bürgermeisters zur Wahl. Keine kam bislang zum Zug. Da bringt meines Erachtens im Nachgang ein Gespräch nichts, denn es ändert sich nichts an der Situation. Und zum anderen haben sich aus meiner Sicht auch ehemalige Fraktionskollegen mehr oder minder instrumentalisieren lassen.

Hatte Herr Rottenhuber Herrn Huber in den von Ihnen erwähnten Vorgesprächen schon als Kandidaten im Visier oder kam es für Sie überraschend, dass er Sie während der konstituierenden Sitzung nicht unterstützte? 

Es ist von Herrn Rottenhuber kommuniziert worden. Es ist aber auch kommuniziert worden, dass aus der – nennen wir es mal „politische Regelschule“ – heraus der Vorschlag nicht aus der gleichen Fraktion kommen sollte.

Können Sie die Argumentation Rottenhubers verstehen? Er schlug Robert Huber mit der Begründung vor, dass ihm Überparteilichkeit wichtig sei und auch, dass nicht nur Brunnthal Ort, sondern auch andere Ortsteile an der Spitze vertreten sein sollten. 

Das Thema ist sehr vielschichtig. Natürlich gibt es für beide Seiten gute Argumente. Nur dann stelle ich die Gegenfrage: Warum hat dann die Opposition – wenn Überparteilichkeit und die Vertretung weiterer Ortsteile so wichtig ist – keinen Gegenkandidaten aufgestellt? Warum hat die Opposition nicht Herrn Huber selbst aufgestellt? Das ist für mich die Schlüsselfrage an der Geschichte.

Was an dem Vorgang hat Sie so enorm gestört, dass für Sie nur die Möglichkeit bestand, aus der CSU auszutreten? 

Letztendlich sind es immer Persönlichkeitswahlen. Generell. Und auch in diesem Gremium. Ich kann durchaus verstehen und akzeptieren, wenn Fraktionsmitglieder anders abstimmen. Doch die Akzeptanz endet schlichtweg bei mir, wenn aus der eigenen Fraktion ein Gegenvorschlag kommt – und das nicht direkt beim ersten Mal des Nachfragens; Bürgermeister Stefan Kern hat ja drei Mal nachgefragt.

Wie haben Ihre anderen CSU-Kollegen auf Ihren Wechsel reagiert? Herrschte Unverständnis oder eher Bedauern vor? 

Das kann ich schlicht so nicht beantworten. Jeder hat seine eigene persönliche Einstellung dazu. Für Andreas Langner, der mich auch vorgeschlagen hatte, kann ich jedoch sprechen. Er bedauerte meine Entscheidung, konnte diese aber auch verstehen.

Haben Sie nach Ihrer Entscheidung weitere Rückmeldung erhalten? 

Ja, aus der Bürgerschaft. Von ihnen habe ich großen Rückhalt zu spüren bekommen, worüber ich sehr dankbar bin. Dies ist und bleibt auch meine Motivation für meine weitere Arbeit.

Bürgermeister Stefan Kern soll von Ihrem Wechsel beziehungsweise dem Austritt aus der CSU sehr überrascht gewesen sein. Gab es einen bestimmten Grund, weswegen Sie ihn nicht „vorgewarnt“ haben? 

Es ist in den Gremien schon mehrfach diskutiert worden und es war letztendlich auch klar, dass für mich ein Gegenvorschlag aus der eigenen Fraktion inakzeptabel ist. Ich kann nichts zu Stefan Kerns Grad der Überraschung sagen, das wären Spekulationen. Aber es ist natürlich leichter, wenn man sagt, man sei überrascht.

Bedauern Sie, dass Sie nun nicht mehr Ihr Amt als Vorsitzende in der Frauenunion ausüben können? 

Den Vorsitz in der Frauenunion aufgeben zu müssen, war ein großer Teil meiner sehr reiflichen Überlegung. Denn 2010 habe ich mit ein paar sehr engagierten Damen die Frauenunion gegründet. Vielleicht ist es pathetisch ausgedrückt, aber ich denke, letztendlich sieht man Kinder auch groß werden. Dass ich den Vorsitz nicht mehr ausführen kann, weil ich kein CSU-Mitglied mehr bin, ist konsequent und das ist auch gut so. Dennoch glaube ich immer noch an die Damen der Frauenunion. Das wird gut werden.

Warum war es Ihnen wichtig, zwar aus der CSU auszutreten, jedoch weiterhin im Gemeinderat tätig zu sein? Was treibt Sie persönlich an?

2014 und auch 2020 bin ich mit einem sehr guten Ergebnis in den Gemeinderat gewählt worden. Das viertbeste Gesamt- ergebnis unter den Kandidaten und in beiden Amtszeiten auch das beste Stimmenergebnis als Frau. Das, was mich immer antreibt, auf verschiedenen Ebenen Politik zu machen ist, dass ich gemeinsames Umfeld mitgestalten kann. Sowohl im Gemeinderat, im Vorstand oder früher im Elternbeirat. Es ist toll, Ideen einzubringen und die Gemeinde als Gesamtes – nicht als Firma, sondern als Gemeinschaft, voranzubringen.

Wie gefällt es Ihnen nun in der Fraktionsgemeinschaft aus SPD und UBW? 

Wir lernen uns nach und nach kennen. Was mir sehr gut gefällt ist, dass Ideen offen und ohne voreilige Bewertung ausgesprochen werden können und dass sie wertgeschätzt werden.

Wie läuft die neue Zusammenarbeit? 

Es gibt einen sehr guten, ehrlichen und offenen Austausch, der auch zu einem guten Ergebnis führen wird. Außerdem schätze ich die unterschiedliche, berufliche Expertise, die einfach andere Gesichtspunkte auf die Dinge wirft. Und das finde ich persönlich sehr gut.

Haben Sie mit dem Wechsel neue Ziele, die Sie nun umsetzen möchten? 

Wer mich kennt weiß, dass mein Kopf immer voller Ideen ist. Es gibt ein Projekt, das ich 2014 schon beantragt hatte; das war der Aufbau des regionalen Wochenmarktes. Jetzt ist die Dorfmitte fertig, also wird das ein Projekt sein, das jetzt auf jeden Fall als Erstes auf meiner Agenda steht. Und dann haben wir natürlich ein paar Ideensammlungen zusammengetragen, die aber derzeit einfach noch nicht spruchreif sind. 

Interview: Melanie Schröpfer

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