„Man steckt momentan in einem Dilemma“

Ayinger Erzieherin spricht über Mangel an Betreuern

+
Die Pädagogin Veronika Wohlgemuth findet es wichtig, dass Erzieher trotz Betreuermangel weiterhin eine fünfjährige Ausbildung durchlaufen. Die 29-Jährige arbeitet in einer Kinderkrippe in Aying.

Der Personalmangel bei der Kinderbetreuung stellt Kommunen, Gemeinden und Träger vor große Herausforderungen. Viele machen die lange Ausbildungszeit dafür verantwortlich. Dass deren Kürzung nicht der richtige Weg ist, verdeutlicht eine Erzieherin im Gespräch.

Seit nunmehr sechs Jahren haben Eltern gesetzlichen Anspruch auf einen Kita-Platz für ihre Kinder ab einem Jahr. Dennoch sind die Plätze in München und im Landkreis immer noch hart umkämpft. Die Gemeinden sind darum bemüht, Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Doch viel dringlicher ist das Fehlen der Fachkräfte. Denn was nützen die Räume, wenn es nicht genügend Betreuer gibt? Der derzeitige Personalmangel stellt Gemeinden und Träger vor ein schwer lösbare Aufgabe. Durch Maßnahmen wie das OptiPrax-Modell wird versucht, mit einer von fünf auf drei Jahre verkürzten Ausbildungszeit mit Praxisphasen den Berufsweg attraktiver zu machen.

„Das ist nicht der richtige Weg“, erklärt Veronika Wohlgemuth. „Die Ausbildung von fünf Jahren in drei zu quetschen führt meiner Meinung nach dazu, dass nicht die Kompetenzen erworben werden, die ich zum Beispiel während meiner Ausbildung erwerben konnte.“ Die 29-Jährige arbeitet in einer Krippe in Aying und befindet sich kurz vor ihrer Bachelorarbeit. Sie kommt aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn und lebt mittlerweile in Giesing. Nach der klassischen, fünfjährigen Ausbildung zur Erzieherin hat sie ein Bachelor-Studium an der Katholischen Stiftungshochschule (KSH) München zur Kindheitspädagogin angeschlossen.

„Ich habe das Studium angefangen, um einen wissenschaftlichen Zugang und einen akademischen Unterbau zu meiner Arbeit zu haben“, meint die junge Frau. Finanziell lohne sich diese Weiterbildung aktuell noch nicht. „Für mich ist das eher eine ideelle Entscheidung gewesen“, so Wohlgemuth weiter. Den Beruf gibt es noch nicht so lange wie den des Sozialpädagogen, deshalb fehlen dafür noch die Stellen. „Und ich werde nach Anstellung bezahlt.“ Dafür kann sie danach noch den Master machen und etwa ins Management oder die Forschung gehen. „Ich habe den Anspruch, ein gutes Fachwissen zu haben, um pädagogisch diskutieren zu können“, verdeutlicht sie ihren Berufsweg. Später könnte sie zum Beispiel selbst eine Trägerschaft gründen. „Aber da frage ich mich natürlich schon, ob sich das lohnt, wenn ich dann keine Leute kriege“, meint die junge Frau.

Dabei ist die Arbeitsmarktsituation für Erzieher derzeit ideal, wie Wohlgemuth betont: „Die Leute können sich aussuchen, wo sie hingehen. Bei drei Bewerbungen bekommt man zwei Zusagen.“ Dafür müsse allerdings zunächst die Ausbildungszeit durchlaufen werden und diese ist gerade finanziell unattraktiv. Nach den drei Jahren sozialpädagogisches Seminar, das mit einem Ausbildungsgehalt vergütet wird, schließen sich zwei Jahre Schule an. „Die konnte ich mir über ein Meister-Bafög finanzieren“, erklärt die Erzieherin. Später sei die Bezahlung gar nicht so schlecht, wie viele glauben, meint Wohlgemuth: „Als Erzieher hat man einen Meisterstatus und wird ähnlich vergütet.“

Ein weiterer Grund, warum sich immer weniger für den Berufsweg entscheiden, ist die hohe Belastung. Der Beruf ist sehr intensiv und anstrengend. „Ich liebe es in der Krippe zu arbeiten, aber weiß nicht, ob ich das mit 60 noch machen kann“, verdeutlicht Wohlgemuth. Und diese Belastung wird selbstverständlich bei personeller Unterbesetzung noch größer. Das Konzept der offenen Arbeit mache es leichter, auf Engpässe zu reagieren als bei geschlossenen Gruppen. Der erzieherische Ansatz sei in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Ein Großteil der Kitas gehe danach vor. „Ich schätze, mindestens Zweidrittel der Einrichtungen in München und Umgebung arbeiten offen oder teiloffen“, meint Wohlgemuth. Dort gibt es keine festen Gruppen mehr, sondern nur noch verschiedene Räume, auf die die Erzieher verteilt sind. „Man muss jeden im Blick behalten bei einer riesigen Gruppe. Das ist eine große Herausforderung.“ Hinter offenem oder geschlossenem Konzept steht ein großer Diskurs. Generell habe beides Vor- und Nachteile, wie die Erzieherin erklärt. Gerade bei Krippenkindern sei ihrer Meinung nach die offene Arbeit möglich, aber schwierig. Auch, da es keine altershomogenen Gruppen gebe. „Da habe ich zum Beispiel einen Einjährigen, der noch sehr viel Nähe und Bindung braucht, und einen Dreijährigen, der die ganze Zeit rumrennt oder Bücher ansehen möchte. Wie geht man dann damit um?“, veranschaulicht die 29-Jährige die Problematik.

 Außerdem haben die Kinder bei diesem Ansatz keine feste Bezugsperson wie in geschlossenen Gruppen. Das sei laut Wohlgemuth aber besonders wichtig: „Gerade Kinder im Krippenalter brauchen eine Bezugsperson, einen sicheren Hafen. Es gibt da genügend Theorien, die das untermauern.“ Bei ihrem aktuellen Arbeitgeber habe man einen Zwischenweg gefunden. So werde dort das offene Konzept verfolgt, aber mit einer Art Bezugserziehersystem. So gibt es bestimmte Erzieher, die das Kind eingewöhnen und als verlässlicher Ansprechpartner da sind. Damit beim offenen Konzept das einzelne Kind nicht zu kurz kommt, sind eine gute Organisation, ein optimaler Personalschlüssel und eine gute Absprache im Team essenziell. „Das Ganze ist sehr fragil und wenn die Kommunikation nicht läuft, ist Land unter“, betont die Erzieherin. Sollte es im Team Differenzen geben, könnte dadurch im schlimmsten Fall das Kindeswohl gefährdet sein. Damit es so weit nicht kommt, gibt es regelmäßig Supervisionen und andere Teambuildingmaßnahmen. Dabei wird praxisnah die Zusammenarbeit verbessert und optimiert.

Auch wenn, so wie bei Wohlgemuths Arbeitsstelle, das offene Konzept funktionieren kann und es die Personalplanung flexibler macht – der Erziehermangel ist für jede Einrichtung und Gemeinde ein Problem. „Und es ist so schnell nicht lösbar. Das Recht auf einen Kindergartenplatz ist ausgesprochen worden, das kann man nicht rückgängig machen. Man steckt momentan in einem Dilemma“, erklärt die Pädagogin. Ob diese Rechtsprechung ein Fehler war? Wohlgemuth wiegelt ab: „Jein! Für die Eltern ist es gut. Gerade in München und Umgebung ist der Lebensunterhalt sehr hoch. Die Leute stehen unter enormen Druck und sind froh, dass sie ein Recht auf einen Kita-Platz haben. Dass sie dennoch darum kämpfen müssen, ist schlimm genug.“ Allerdings sei die Entscheidung zu schnell getroffen worden. Es hätte schon viel früher Förderungen bei der Ausbildung geben müssen, damit dann genügend Personal zur Verfügung steht. „Die Konsequenz daraus geht nun in eine Richtung, die ich nicht gut finde. Ich lerne nicht etwas mechanisches, sondern ich lerne, ein Kind zu erziehen und muss schwere Entscheidungen treffen, zum Beispiel, wenn es um einen Schutzauftrag oder eine Frühförderung geht. Das ist eine wahnsinnige Herausforderung und Verantwortung. Leute in drei Jahren durch die Ausbildung zu prügeln, finde ich ganz schwierig“, erklärt Wohlgemuth, „Das macht mir Sorgen!“

Eine pauschale Lösung des Problems kann auch die junge Erzieherin nicht nennen. Eine Vergütung während der Schulphase wäre sicherlich zumindest ein Anfang. Außerdem werde der Beruf in anderen Ländern viel mehr akademisiert als hierzulande. Gerade Kinderpfleger würden heutzutage oftmals degradiert werden. Dabei werden die Aufgabenfelder immer größer, etwa bekommen Heilpädagogik und integratives Arbeiten eine immer größere Bedeutung. Zuletzt sollte nach Wohlgemuth ein ganz entscheidender Punkt viel deutlicher vermittelt werden: „Es ist eine tolle Arbeit, bei der man von den Kindern unglaublich viel zurückbekommt.“

Iris Janda

Konzept der offenen Arbeit

Beim offenen Konzept wird das Kind als mündiger Mensch angesehen, der selbstständig entscheiden kann. Die Erzieher sollen ihm nicht vorgeben, was es zu tun hat, sondern das Kind weiß selbst, was für seine eigene Entwicklung gerade wichtig ist. Es gibt keine festen Gruppeneinteilungen, sondern die Kinder können sich aussuchen, in welchen der Funktionsräume sie gehen möchten. Viele Einrichtungen setzen verschiedene Varianten des offenen oder teiloffene Konzeptes um.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Weihnachten völlig entspannt
Weihnachten völlig entspannt
München-Ost: Diese Veranstaltungen mischen den Landkreis auf
München-Ost: Diese Veranstaltungen mischen den Landkreis auf
Aying: Franz Josef Strauß im Interview
Aying: Franz Josef Strauß im Interview
Annegret Kramp-Karrenbauer besucht morgen Neubiberg – in stürmischen Zeiten
Annegret Kramp-Karrenbauer besucht morgen Neubiberg – in stürmischen Zeiten

Kommentare