Bürgern mit wenig Chancen eine Perspektive geben

AWO-Obdachlosenberatung in immer mehr Gemeinden im Verbund-Süd

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Stefan Wallner und Barbara Ettl bei der AWO setzen sich für Obdachlose ein.

Die Obdachlosenberatung der AWO hilft Menschen im Landkreis München, wieder fit für den Wohnungsmarkt zu werden. Immer mehr Gemeinden schließen sich dem Verbund an und ermöglichen ihren Bürgern das Angebot.

Landkreis – „In Deutschland muss niemand auf der Straße leben“ – eine oft zu hörende, häufig kritisch hinterfragte Aussage. „Für Deutschland kann ich nicht sprechen, aber wer sich im Landkreis München bei der Gemeinde obdachlos meldet, wird untergebracht“, erklärt Stefan Wallner. Er ist Leiter des Fachbereichs Wohnungsnotfallhilfe beim AWO Kreisverbandes München-Land. 

Die Unterbringung von Obdachlosen ist Pflichtaufgabe der Gemeinden. Dort kommen sie in Unterkünfte, etwa in Pensionen, bis die Gemeinde dem Obdachlosen eine Sozial­wohnung zuweisen kann. „Aber die gibt es nicht mehr“, betont Wallner. „Derzeit stehen 1500 bis 2000 Leute im Landkreis auf Wartelisten für eine Sozial­wohnung.“

Genau an dieser Stelle setzt die Obdachlosenberatung (OL) der AWO ein. Sie ist ein Teilbereich der Wohnungsnotfallhilfe und wird dann tätig, wenn eine Prävention durch die Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit (FOL) nicht mehr möglich ist. 

Die Obdachlosenberatung gibt es bereits seit 2009, doch erst in den letzten Monaten schlossen sich immer mehr Gemeinden in den Verbünden zusammen. Im Verbund-Süd kommen derzeit fortlaufend neue Gemeinden hinzu.

Der druckfrische Flyer, den Pressesprecherin Barbara Ettl zum Gesprächstermin mitgebracht hat, ist schon 24 Stunden später nicht mehr aktuell. Denn mit seinem einstimmigen Beschluss aus der jüngsten Gemeinderatssitzung ist nun auch Brunnthal mit dabei. Es zählt damit neben Höhenkirchen-

Siegertsbrunn. Hohenbrunn, Ottobrunn, Unterhaching, Taufkirchen, Neubiberg und Putzbrunn zum Verbund-Süd.

Viele Jahre habe Wallner für das Projekt gekämpft, bei den Gemeinden dafür geworben, sich zu beteiligen. Warum nun plötzlich ein Ort nach dem anderen mitmache, wisse er nicht. Aber das sei auch egal. „Ich muss ein großes Lob dafür aussprechen, dass nun so viele Gemeinden bereit sind, den Obdachlosen die Beratung zu ermöglichen.

 Im letzten Halbjahr ist ein Verbund geschaffen worden, mit dem man gemeinsam das Problem angehen kann“, zeigt sich Wallner begeistert. Und nicht nur das: „Die Gemeinden haben sogar aus eigener Initiative angeregt, Verbundstreffen zu organisieren, um sich untereinander auszutauschen. Das ist super und setzt bei uns sehr viel Energie frei“, meint Ettl freudig. 

Aufhorchen lassen die Gemeinden nicht nur die seit einigen Jahren steigende Zahl an Obdachlosen, sondern auch die Art des Klientels. Denn es geht nicht um den klassischen Sandler, wie Wallner bestätigt: „Viele davon sind Menschen, die arbeiten gehen, teilweise sogar zwei Jobs haben. Aber im niedrigen oder mittleren Lohnsegment hat man hier auf dem Wohnungsmarkt keine ­Chance.“

Ob Trennung, Eigenbedarfskündigung oder der Tod des Ehepartners: Es sind Gründe, die jeden Mieter treffen können. „Bei einer Trennung können sich viele alleine die Wohnung nicht mehr leisten oder der Partner bleibt darin wohnen“, verdeutlicht der Wallner. „Trennen ist im Landkreis ganz schwierig geworden.“ 

Das bestätigen auch die Zahlen der OL aus dem Jahr 2018. In diesem Zeitraum wurden im Landkreis 111 Personen betreut. Mit 34 Prozent ist der Punkt „Rauswurf/Trennung“ der größte Posten, gefolgt von 30 Prozent Eigenbedarfskündigungen und Räumungsverfahren mit 16 Prozent. 

Besonders die Zahl an älteren Klienten steige, so der Fachmann. Diese könnten sich bei einer Eigenbedarfsklage mit ihrer kleinen Rente keine andere Wohnung mehr leisten oder einer Witwe reiche das Geld nicht, wenn ihr Ehemann stirbt.

„Obdachlosigkeit – egal ob verschuldet oder nicht – wirft jeden aus der Bahn“, erklärt Ettl. Viele fühlen sich stigmatisiert, so Wallner: „Einige haben das Gefühl, ,obdachlos‘ auf der Stirn stehen zu haben. Die haben Scham, wieder in die Gesellschaft zurückzukommen. Da müssen wir erst einmal viel Beziehungsarbeit leisten. Unser Ansatz ist es, zuerst die Person zu stärken.“ Dies sei noch vor der eigentlichen Wohnungs-

suche wichtig. Denn in den Unterkünften haben die Betroffene zwar ein Dach über den Kopf. Ein Gefühl von Zuhause kann sich allerdings nicht einstellen. „Je länger jemand in der Unterkunft sitzt ist, desto mehr gibt er sich auf. Deswegen ist für uns Motivationsarbeit ganz wichtig. Wir wollen die Schuldgefühle kompensieren“, meint Wallner.

Wer oder was an der eigenen Situation Schuld ist, sei nicht entscheidend: „Die Schuldfrage stellen wir überhaupt nicht. Damit kommt man im Leben auch gar nicht weiter. Wir schauen die Realität an und wollen Schritt für Schritt weiterkommen“, erklärt Wallner.

Die Sozialpädagogen besuchen die Obdachlosen regelmäßig vor Ort in den Unterkünften. Wichtig ist, die Ursache für die Obdachlosigkeit herauszufinden und daran zu arbeiten. „Wenn die Ursache nicht bekämpft wird, passiert es wieder“, verdeutlicht der Fachmann. Wenn der Klient an seinen Problemen arbeite, sei das auch für den neuen Vermieter ein positives Zeichen.

Ziel der OL ist nicht irgendeine Unterbringung, etwa bei einem Angehörigen. Da sei nur eine versteckte Obdachlosigkeit. „Unser Anliegen ist es, einen neuen Mietvertrag und damit ein klares rechtliches Verhältnis zu schaffen“, erklärt Ettl. Selbstverständlich werde immer nach individuellen Lösungen je nach Lebenssituation gesucht. 

Da bezahlbarer Wohnraum in der Region knapp ist, müsse die Perspektive erweitert werden. „Das sind Lebensschritte, die die Personen dann auch gehen müssen. Wir gehen Schritt für Schritt vor und fragen ,Wo kennen Sie jemanden?‘ oder ,Wo haben Sie schon einmal gewohnt?‘“, erklärt Wallner.

Immobilienexpertin hilft bei Bewerbungsmappe

Bevor es zur Vorstellung beim Vermieter kommt, macht die OL zusammen mit dem Klienten eine Bewerbungsmappe und coacht ihn im richtigen Auftreten vor dem Vermieter. Dafür arbeitet bei der Fachstelle seit eineinhalb Jahren die gelernte Immobilienmarklerin Christina Mittermaier. Sie möchte mit ihrem Fachwissen Menschen weiterhelfen, die es auf dem Immobilienmarkt schwer haben. 

Bei den Mappen werden die positiven Aspekte der Bewerber besonders herausgearbeitet. „Es klingt schon viel besser, wenn jemand sagt ,ich bin Altenpflegerin, hatte einen Bandscheibenvorfall und mache gerade eine Umschulung‘ anstatt nur zu sagen, man ist arbeitslos“, verdeutlicht Wallner. „Wir schaffen Chancen für Menschen, die wenig Chancen haben.“

Die teilnehmenden Gemeinden im Landkreis haben nun die Grundstein gelegt, dass diese Chancen geschaffen werden können. Die Kosten von jährlich 95.000 Euro im Verbund-Süd werden anteilig unter den Kommunen nach Einwohnergröße und den Erfahrungswerten zu Obdachlosigkeit in den vergangenen Jahren aufgeteilt. 

Der Etat ergibt sich aus den Kosten für eine Vollzeitkraft, Dienstauto und Bürokosten. Neubiberg hat für den diesjährigen Haushalt 10.000 Euro eingeplant, Ottobrunn gut 26.000 Euro, Putzbrunn 7500 Euro.

Ein Problem gibt es allerdings noch: Eine Vollzeitkraft, die die Stelle besetzt, ist derzeit noch nicht gefunden, wie der Fachstellen-Leiter erzählt: „Es ist sehr schwer in diesem Bereich Sozialpädagogen zu finden.“ Dennoch ist er optimistisch und erklärt freudig: „Wenn das Personal gefunden ist, können wir starten.“

Iris Janda

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